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Der Brief Emilio Adolfo Rivero Bis dahin befand ich mich mehr als ein Jahr in Einzelhaft. Ich war sozusagen der Vorsitzende dieser Quartiere, gefolgt von Alfredito*, der vier Tage nach mir ankam. Meine einzige Kommunikation mit der Außenwelt bestand aus Nachrichten und Kommentaren, die von Gefangenen mitgebracht wurden, die bestraft und in Arrestzellen geschickt wurden, welche als Ganzes als „Pabellones de Castigo“ (Bestrafungspavillon) bezeichnet wurden. In Isle of Pines befanden sich zu der Zeit ca. sechstausend Gefangene, die hauptsächlich in den vier „Circulares“ lebten, wie die kreisförmigen Gebäude genannt wurden. Sogar in dem Gebäude, wo ein Gefangener lebte, war es schwierig, alle Häftlinge zu kennen, weil es so viele waren. So kam es nur dank äußerst günstiger Umstände, dass ich irgendwelche Neuigkeiten von irgendjemand bekommen konnte, der Neuigkeiten von meiner Familie haben könnte, die zu der Zeit bereits in den Vereinigten Staaten lebte. Brutalität war zu der Zeit weit verbreitet. Es wurde entschieden, dass die Garnison die Gefangenen zur Zwangsarbeit überführen sollen. Wenn die Gefangenen ihre Füße während der Zeit, die sie auf dem Feld verbrachten, zu offensichtlich mitschleppten, als Mitglieder der „Arbeitsbrigaden“, oder wenn sie dabei überrascht wurden, wie sie Sabotage begingen, wurden sie verprügelt und in die „Bestrafungspavillons“ geschickt. Wenn sie sich unserem Gebäude näherten, riefen sich die Wärter einander zu: „¡carne fresca!“ (Frischfleisch!) und auch „¿el rojo o el amarillo?“ (das rote oder das gelbe?), im Bezug auf die Plastikabdeckungen der Elektrizitätskabel, mit denen sie die Gefangenen verprügelten. Die Unterdrückung war das schlimmste. Sie wurde kombiniert mit schlechter Nahrung, spärlicher Kommunikation mit den Familien durch Besuche oder per Post Es gab keine medizinische Betreuung und alle Arten von widersprüchlichen Gerüchten. Diese zielten darauf ab, die Moral der Gefangenen zu brechen. Die Gefangenen wurden für eine oder zwei Wochen in die Bestrafungspavillons geschickt. Ein Monat wurde als Härtefall angesehen. Aber im Laufe der Zeit blieben ein paar andere Gefangene, vielleicht fünf oder sechs, vier oder fünf Monate lang dort, während Odilo Alonso, ein Spanier, und Nerin Sánchez, ein ehemaliger Rebellen-Armeeoffizier, den Status eines permanenten Gasts erhielten, außer Alfredito und mir. Zu der Zeit waren Alfredito und ich zu einer Art Touristenattraktion geworden. Wann auch immer G-2-Offiziere oder Militärs aus der Sowjetunion oder den Sowjetischen Blockstaaten aus Havanna kamen, um die Strafanstalt zu inspizieren oder einfach zu besuchen, wurden sie zum Pavillon geführt, liefen die vier Korridore entlang, hielten manchmal an den vergitterten Türen der Zellen an und stellten den Gefangenen Fragen. Ich gewöhnte mich daran, dass sie immer an meiner Zelle anhielten. Der diensthabende Wachmann oder der Offizier, der die Besucher herumführte, sah mich meistens an und sagte denselben Satz „éste es la mierda de presidio“ (der hier ist der Abschaum des Gefängnisses). Beim Gehen würden die meisten von ihnen denselben Satz auch wiederholen „te vas a podrir ahi“ (du wirst hier verrotten). Sofern es nicht in einem Moment geschah, in dem ich schlechte Laune hatte, etwas sehr Ungewöhnliches für mich, lächelte ich immer oder lachte darüber, was sie wütend machte, denn sie sahen das als einen Akt von Angeberei. Tatsächlich war es nichts derartiges, ich hab nur schon immer einen guten Sinn für Humor gehabt. Es war zu der Zeit Teil der Vorschriften der Strafanstalt, dass der Befehl zur Ruhe um 21 Uhr gegeben wurde. Es war die Stunde, in der die, die es tun wollten, in sich selbst hineinsahen, in dem Versuch, zu sehen, was dort war. Es war die Stunde für Erinnerungen, für Sehnsüchte, um Luftschlösser zu bauen, und auch, ach, die Stunde zum Kämpfen oder Kapitulieren, die Stunde sexuelle Fantasien zu unterdrücken, oder ihnen freien Lauf zu lassen. Die Kraft des Lebens verlangt ihren Anteil. Einmal, gegen 21:30 Uhr, brach plötzlich eine Stimme die Stille der Nacht: „¡Emiliooo Adolfooo...! ¡Emiliooo Adolfooo!! ¡Tus viejos estan bieeen!" ¡Tus viejos estan bieeen! (Deinen Eltern geht’s gut!). Jemand rief zu mir von einem der „Circulares“! Unter der Unterdrückung und den Schlägen litten alle von ihnen! Er riskierte einen brutalen Gegenschlag von der sadistischen Garnison, nicht nur für den, der schrie, sondern für alle Häftlinge in dem Gebäude! Und dass nur, um mir den Trost zu geben, über meine Familie Bescheid zu wissen! Und wieder der Schrei: „¡Tus hijos están bieeen!“ „¡Tus hijos están bieeen!“ (Deinen Kindern geht’s gut!). Da war noch mehr Geschrei, aber ich konnte es nicht verstehen, denn der Wärter am Eingang des Pavillons verstand, was vorging, und er begann, sein Bajonett gegen die Gitter, die einen der Korridore abschlossen, scheppern zu lassen. Der Krach, den er machte, ertränkte das Ende der Nachricht. Unter den tausend Dingen, über die die Gefangenen redeten, gab es Themen, die immer wieder auftauchten, darunter Reinkarnation, Metempsychose-die Wanderung der Seelen. Zu dieser Zeit hatte ich meinen Wunsch geäußert, dass, falls solche Dinge existierten, ich lieber als ein Fisch, eine Pflanze, eine Schlange, ein Vogel, alles außer einem menschlichen Wesen, wiederkommen würde. Ich hatte so viele Dinge gesehen und gehört, die aus den dunklen Tiefen der menschlichen Seele ans Licht kamen und klangen, dass ich meine Teilnahme an der menschlichen Beschaffenheit hasste. Aber meine Idee war nicht tief verwurzelt, sie hatte keinen Bestand. Und vielleicht war ein Wendepunkt in der Zeit, eine Kurve auf der Straße, zum Stolz darüber, dass man ein Mann ist, die Nacht, in der mir, durch Terror und Einsamkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, ein Brief, kurz, bewegend, ein wunderschöner Brief, überbracht wurde.** *Alfredo Izaguirre de la Riva ** In der jährlichen Versammlung ehemaliger politischer Gefangener, die vom 29. Juli bis zum 1. Juli 1990 in Miami, Florida stattfand, fand ich durch Zufall heraus, dass Alberto Muller der Freund war, der mir die Nachricht zugerufen hatte.
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