Generación Y ist ein Blog, der angeregt ist durch Leute wie mich:
Deren Namen mit dem Buchstaben „Ypsilon“ beginnen oder ihn enthalten. Unsere
Generation wurde im Kuba der 70er- und 80er-Jahre geboren und von
Landschulaufenthalten, russischen Zeichentrickfilmen, illegalen Ausreisen und
Frustration geprägt. Deshalb lade ich besonders Yanisleidi, Yoandri, Yusimí,
Yuniesky und andere dazu ein, dass sie sich „ihr Ypsilon“ schnappen, meine Texte
lesen und mir schreiben.
Ich schaffte es, mich über die Treppen einzuschleichen, als die Arbeiter zum Speisesaal gingen, um ihr Mittagessen hinunterzuschlingen. Es war Sommer 1992 und die Versuchung, bis zur Kuppel des Kapitols zu steigen, war stärker, als der in roten Buchstaben geschriebene Hinweis: „Durchgang verboten!“. Oben wechselten sich Spinnweben, Stützelemente und abgebrochene Gesimse mit staubbedeckten Objekten ab. Aus der Höhe schaute ich nach unten, wo ein unechter Brillant den Kilometer Null der Staatsstraße markiert.
Das Kapitol von Havanna wurde aufgrund seiner Vergangenheit gedemütigt, wegen seiner großen Ähnlichkeit zu dem in Washington bestraft und geschändet, weil es einmal den Kongress beherbergt hatte. Durch die offizielle Propaganda als Symbol dieser Republik verteufelt, erlitt das imposante Gebäude das Schicksal eines Gestraften. In seinem Inneren hat die Akademie der Wissenschaften, die die weitläufigen Räume mit Trennwänden gefüllt hat, ihre Wurzeln geschlagen, und es wurde ein altes Museum mit ausgestopften Tieren direkt unter der Abgeordnetenkammer platziert. Mehrere Fledermausscharen haben sich im Innern eingenistet, beschmutzten die Wände mit ihren Fäkalien und schufen Löcher in der Zierverkleidung der Decke. Die Krümmungen und Ecken der Fassade haben sich in das bekannteste Pissoir im Umkreis von mehreren Häuserblocks verwandelt.
Vor einigen Jahren machten sich Gerüchte breit, dass ein italienischer Millionär ein Beleuchtungssystem für dieses architektonische Schmuckstück gespendet hat. Nach und nach schmorten die Glühbirnen durch und der Koloss aus Stein und Marmor blieb erneut im Dunkeln. Wir hatten ihn schon aufgegeben, da wurden zu unserer Überraschung neuerdings Bauzäune aufgestellt, die die Restaurierung der majestätischen Immobilie ankündigten. Hoffentlich werden die Reparaturarbeiten nicht länger dauern, als die kurzen Jahre seiner Erbauung und hoffentlich wird das Kapitol eines Tages der Sitz des kubanischen Parlaments sein: ein stolzes Gebäude, wie geschaffen, um echte Debatten zu beherbergen.
Ich springe aus dem Bett, draußen brüllt ein Lautsprecher. Ich verstehe nicht, was er sagt, aber ich wasche mir das Gesicht, als wäre es das letzte Mal. Vielleicht ist es der Krieg, der in den letzten Tagen so oft angekündigt wurde. Mein Sohn schläft sehr lang und ich habe den Wunsch ihn aufzuwecken, um ihn zu warnen, doch ich verstehe die Worte nicht, die aus dem Transporter schallen, der sich schon in Richtung der Avenida entfernt.
Wann werden uns diejenigen, die uns in Schrecken versetzen, Rede und Antwort stehen? Die Leute, die vor unseren Augen seit Jahrzehnten immer wieder das Gespenst des Untergangs auftauchen lassen. Es ist sehr einfach, einen Krieg vorauszusagen und nach ihm zu schreien, wenn man einen Bunker, Soldaten und eine kugelsichere Weste hat. Diesen Endzeitboten täte es gut, hier zu sein, zwischen dem Tuten der Hupe und meinem Sohn, der die Augen öffnet und erschrocken fragt: „Mami, was ist los, warum ist draußen ein solcher Lärm?“
Der Begriff “Revolutionär” hat im heutigen Kuba eine ganz andere Bedeutung als diejenige, die wir in jedem Lexikon der spanischen Sprache finden würden. Um sich ein solches Beiwort zu verdienen, genügt es, mehr Konformismus als kritischen Geist zu zeigen, sich für Gehorsam statt Rebellion zu entscheiden, das Alte eher als das Neue zu unterstützen. Um als Revolutionär zu gelten, sollte man angemessen schweigen und Willkür und Exzesse an sich vorüberziehen lassen, ohne die Staatsoberhäupter dafür verantwortlich zu machen. Jenes Wort, das einmal an Brüche und Veränderungen denken ließ, ist geschrumpft, bis es zu einem bloßen Synonym für „Reaktionär“ wurde. Paradoxerweise erweisen sich genau diejenigen, die glauben, die Essenz der Revolution zu bewahren, als politisch ziemlich unbeweglich und betreiben mit erheblichem Groll die Bestrafung der Reformer.
Solche semantischen Veränderungen musste Esteban Morales, der noch bis vor kurzem das Privileg genoss, live vor den Fernsehmikrofonen zu erscheinen, auf harte Art kennen lernen. Als Vorkämpfer der kommunistischen Partei, als Akademiker und Spezialist für Themen im Zusammenhang mit den Vereinigten Staaten hatte er die riskante Gelegenheit, einen Artikel über die Korruption zu schreiben. Seine Fragestellung war nicht vornehmlich auf das Abzweigen von alltäglichen Ressourcen gerichtet, was vielen kubanischen Familien erlaubt, bis zum Ende des Monats zu kommen. Er beschäftigte sich vielmehr mit dem moralischen Verfall, der sich weiter oben breitgemacht hat, in den Ebenen der Macht, wo man ohne Hemmungen Unterschlagungen begeht. Er hatte die unglückselige Gelegenheit, schriftlich festzuhalten, dass „es Leute in Regierungs- und Staatspositionen gibt, die Geld beiseite schaffen für die Zeit, wenn die Revolution fällt“. Auch wenn es sich um eine Schlussfolgerung handelt, für die es schon genügt, die dicken Hälse unserer Führer anzuschauen, die glänzenden Geely-Autos der Funktionäre der Körperschaft CIMEX oder die hohen Zäune, die die Häuser der Handelsmagnaten umgeben, besaß Morales den Wagemut, es aus der Innenansicht des eigenen Systems aufzuzeigen.
Veranlasst durch die Aufrufe der Regierung zur konstruktiven Kritik und dazu, Klartext zu reden, glaubte Esteban Morales, dass man seinen Text als gut gemeinte kritische Auseinandersetzung mit der Revolution aufnehmen würde. Er vergaß, dass auch andere mit ähnlichen Absichten schon als Spalter, als vom Ausland Manipulierte, als Söldner und als ideologische Abweichler abgestempelt wurden. Für weniger als das haben Journalisten ihre Anstellung, Studenten ihren Platz an der Universität verloren und wurden Wirtschaftswissenschaftler, Rechtsanwälte und sogar Agronomen stigmatisiert. Einmal bestraft mit dem unbefristeten Ausschluss aus der kommunistischen Partei Kubas hat der einst verlässliche Professor einen Weg beschritten, von dem wir genau wissen, wo er beginnt, aber nicht , wo er endet. Die Erfahrung zeigt, dass der Weg eines Sanktionierten nie eine Umkehrmöglichkeit bietet. Die Fundamentalisten werden schließlich erkennen, dass jene, die sie für den „Feind“ hielten, vielleicht bisweilen Menschen waren, die sich durch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Revolution“ motivieren ließen.
Übers. Iris Wißmüller
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In diesen Tagen wird viel über die mögliche Freilassung politischer Gefangener spekuliert. Die offizielle Presse, wie immer dösend zwischen Wachstumszahlen und alten, aus dem Archiv gekramten Reden, bestätigt diese Gerüchte nicht, noch dementiert es sie. Durch das gründliche Lesen der Zeitung „Granma“, erfährt man, dass der spanische Außenminister angereist ist, um das Embargo der Vereinigten Staaten zu verurteilen, über den Klimawandel zu sprechen und zu versuchen, die gemeinsamen ablehnende Haltung der Europäischen Union gegenüber der Regierung Kubas zu beenden. Wenn man sich davon mitreißen lässt, was die Sprecher mit gewichtiger Stimme und gestreiften Krawatten sagen, passiert hier gar nichts… oder fast nichts. Aber wir alle wissen, dass sich in der dunklen Zone der Diplomatie etwas bewegt, in diesem Bereich der hohen Politik, die hinter dem Rücken des Volkes geschmiedet wird.
Das Flüstern kommt und geht. Dabei hat sich zu dem Wort „Freilassung“ der hässliche Begriff „Ausweisung“ gesellt. „Sie werden das Gefängnis direkt in Richtung Flugzeug verlassen“, sagte mir ein Herr, der seine Zeit am Radio verbringt und den verbotenen Sender aus dem Norden hört. Die zwangsweise Expatriierung, die Vertreibung, das Exil, das alles sind gängige Praktiken, um sich der Nonkonformisten zu entledigen. „Wenn es dir nicht passt, dann geh“, wiederholen sie einem von Kindheit an. „Los, hau ab“, werfen sie dir an den Kopf, wenn du dich mit Nachdruck beschwerst. „Warum bist du zurückgekommen?“, erhältst du als Begrüßung, wenn du es wagst, zurückzukehren und auch weiterhin kundtust, was dir nicht gefällt. Sich von unbequemen Personen zu befreien und Oppositionelle von der Inselplattform herunter zu stoßen, das sind Fertigkeiten, die unsere Regierenden wirklich beherrschen.
Das Flugzeug von Moratinos müsste sehr groß sein, um all diejenigen wegbringen zu können, die den Herrschern des Hofes im Wege stehen. Nicht einmal ein Jumbo-Jet würde ausreichen, um diejenigen wegzuschaffen, die aufgrund ihrer Ideen oder ihres bürgerlichen Engagements das potentielle Risiko haben, ins Gefängnis zu kommen. Eine regelrechte Luftlinie mit wöchentlichen Flügen bräuchte man, um die Leute herauszuholen, die mit der Führung Raúl Castros nicht einverstanden sind. Doch es stellt sich heraus, dass viele von uns nicht gehen wollen. Denn die Entscheidung, hier oder da zu leben, ist etwas so persönliches, wie das Aussuchen seines Partners oder die Namensgebung des eigenen Kindes. Man kann nicht zulassen, dass so viele Kubaner sich zwischen der Gefängniswand und der drohenden Verbannung befinden. Es ist unmoralisch, die Menschen, die in den nächsten Tagen möglicherweise befreit werden, zur Auswanderung zu zwingen.
Eine einfache und logische Frage stellt sich, wenn wir an dieses Thema denken: wäre es nicht besser, in diesem Flugzeug eher „die“ wegzubringen?
Gestern war der Tag der Landstraße. Zwei Stunden bis nach Pinar del Río und nachts zurück auf der Asphaltstraße, die diese Stadt von dem lärmenden Havanna trennt. Der Wind, der durchs Autofenster hereinkommt und aus meinen Haaren ein Gestrüpp macht. Die Erschütterung im Nacken, jedes Mal wenn das Auto ein Schlagloch trifft, und der Schreck, den die dunkle und nasse Autobahn, die durch Kontrollpunkte der Polizei gesprenkelt ist, einem einjagt. Aber das waren nur vorübergehende Belästigungen, die vergessen sind, sobald ich an den Innenhof von Karina denke voller Mitglieder und Freunde der Zeitschrift Convivencia (Zusammenleben). Gestern Abend wurden die Ergebnisse des Wettbewerbs, der von dieser Publikation organisiert worden ist, veröffentlicht. Dabei wurden Werke aus der Kategorie Essay, audiovisuelles Drehbuch, Dichtung, Erzählung und Fotographie ausgezeichnet.
Reinaldo und ich waren Teil der Jury neben Ángel Santiesteban, Maikel Iglesias und Orlando Luis Pardo. Am Nachmittag beratschlagten wir uns über die Texte und Bilder, die wir jeder für sich über Wochen bewertet hatten und von denen einige unter der griechischen Mythologie entlehnten Pseudonymen daherkamen. Beim Öffnen der Umschläge mit den wirklichen Namen der Wettbewerbsteilnehmer freute es uns zu erfahren, dass unter den Gewinnern nicht nur bekannte, sondern auch junge Autoren waren, die zum ersten Mal ihre Arbeiten zu einem Wettbewerb geschickt hatten. Ungefähr um neun wurden die Gewinner in dem einzigen Teil des Innenhofs bekannt gegeben, den das Wohngesetz der Familie von Karina nicht weggenommen hat. Gegenüber der Mauer, die von der Eingreiftruppe schon vor Monaten errichtet worden war, erklangen Sätze, wie Meißel und Bohrer, die jede Mauer durchdringen. Für einige Stunden war es, als ob die hässliche Mauer aus Backsteinen und Zinkplatten nicht da wäre, als ob wir sie durch Worte eingerissen hätten.
Die Gewinner des Wettbewerbs Convivencia:
Der Preis für das beste Buch mit Erzählungen ging an Francis Sánchez Rodríguez für “La salida” (Der Ausgang).
Der Preis für den besten Essay ging an Dimas Castellanos Martí für “Utopía, retos y dificultades en la Cuba de hoy” (Utopie, Herausforderungen und Schwierigkeiten im Kuba von heute).
Der Preis für den besten Gedichtband ging an Pedro Lázaro Martínez Martínez für “Esto no es un arte poética…” (Das ist keine Dichtkunst).
Der Preis für das beste Film-Drehbuch ging an Henry Constantin Ferreiro für “Cuando termina el otro mundo” (Wenn die andere Welt zu Ende geht).
Der Preis für das beste dreiteilige Foto ging an Ángel Martínez Capote für “Impotencia” (Machtlosigkeit).
Übers: Iris Wißmüller
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Eine bläuliche Vase ragt seit einigen Tagen zwischen den Pflanzen unseres Balkongartens im vierzehnten Stock hervor. Wir wissen immer noch nicht genau, was wir mit der Asche meiner Großeltern machen sollen. Im Moment sind sie zwischen dem Farn und dem Schatten einer hohen Yagruma untergebracht, welche die Balkonwand überragt. Meine Mutter hatte es unter Ausspielen ihrer Beziehungen und durch Bestechung der zuständigen Beamten geschafft, ihre Eltern einäschern zu lassen, die in einem öffentlichen Grab auf dem Columbus- Friedhof beerdigt lagen. Nach der Feuerbestattung wurden die Reste in einen Tonbehälter gegeben, bei dem man jedem Zentimeter ansieht, dass er die Überreste eines Menschen enthält.
In der Amphore befinden sich Ana und Eliseo, die Großeltern, bei denen ich in einem kleinen Zimmer in Centro Havaba geboren und aufgewachsen bin. Sie wusch und bügelte für die Leute, er arbeitete bei der Eisenbahn und rauchte seine Pfeife vor den beiden neugierigen Mädchen, meiner Schwester und mir. Beide konnten kaum schreiben und lesen und haben eine kleine Familie groß gezogen dank Waschbrett und Seife, Pickel und Schaufel auf den Bahndämmen. Beide strahlten eine Mischung von Gutmütigkeit und Autorität aus, die sie uns gleichzeitig hat lieben und fürchten lassen. Sie hatten asturisches und kanarisches Blut, vielleicht gefielen deshalb „Papán“ die Dorffeste so sehr und vielleicht wurde Ana deshalb in dem Viertel von allen nur „die Galizierin“ genannt. Ihr wichtigster Besitz war ein Kleiderschrank, ein Bett aus Mahagoni und einer Vitrine mit Gläsern, die wir nie benutzen durften, da sie nur dazu da waren, das winzige Wohn-, Ess- und Schlafzimmer zu schmücken.
Opa starb im Jahr des Exodus von Mariel*. Sein Herz war sozusagen mit dem Fett gebratener Schweineschwarten, die er so sehr liebte, ausgepolstert. Er ging in Frieden und hinterließ Ana in ihrem neuen Stand als Witwe, zumindest für fünf Jahre. Der Abschied von ihr war viel trauriger: sie saß am falschen Platz in der Cafeteria „El Lluera“, als ein paar Betrunkene hereinkamen und mit Flaschen um sich warfen, von denen eine sie an der Stirn traf. Der Lebensabschnitt mit Großeltern war für uns schnell zu Ende. Wir mussten der Verwöhnung, den von geschickten Händen gestopften Strümpfen und der warmen Milch, die sie uns ans Bett brachten, adieu sagen. In der ganzen Zeit war ich kein einziges Mal an ihrem Grab, damit der graue Granit die Erinnerungen an sie nicht verdrängen konnte. Heute sind sie, dickköpfig wie immer, zu mir zurückgekehrt, in einem kleinen Gefäß, das so einfach und unbedeutend erscheint wie ihr Leben selbst.
Anm. d. Ü.
* Der Hafen von Mariel ist der zu den USA nächstgelegene. Im Jahre 1980 flüchteten von hier rund 125.000 Kubaner nach USA.
Auf Schritt und Tritt höre ich, wie Leute sich über die Hitze beklagen, deren klebrige Präsenz sich in Verbindung mit der Trockenheit noch schwerer ertragen lässt. Wir wissen alle, was im Inneren eines Dampfkessels passiert, wenn man die Temperatur erhöht. So lassen sich wohl für diesen Sommer Probleme und Spannungen voraussagen. Der Juni hat in der Erwartung auf Veränderungen begonnen, die mit einer ermüdenden Langsamkeit ablaufen, mit einer Trägheit, die die Situation noch verschlimmert. Seit den ersten Tagen dieses Monats haben einige Friseure die Erlaubnis, ihren Arbeitsplatz selbstständig zu nutzen. Sie sind keine Angestellten des Staates mehr, müssen ihm aber festgesetzte und ziemlich hohe Steuern zahlen. Einerseits gewinnen die neuen Selbstständigen an Autonomie, aber andererseits hat sich der Preis für einen Haarschnitt fast verdoppelt, weil sie jetzt für die Ladenmiete selbst aufkommen müssen, ans Finanzamt Abgaben zahlen müssen und versuchen müssen, für sich irgendeinen Gewinn zu erzielen.
Die Sache, die am schwerfälligsten voranzukommen scheint, ist die erwartete Freilassung von politischen Gefangenen, heftig kommentiert in der ausländischen, aber totgeschwiegen in der nationalen Presse. Man nahm an, dass schon in diesen Tagen jene Männer das Gefängnis verlassen würden, von denen sogar Silvio Rodríguez selbst zugegeben hat, dass sie „zu harte“ Strafen erhalten haben. Die Überführung von sechs von ihnen in andere Gefängnisse näher an ihren Wohnorten riecht nach einem Verzögerungsmanöver, nach offizieller Verspottung von so großen Erwartungen. Es genügt nicht, Veränderungen zu fordern. Man muss ihre bald mögliche Umsetzung vorantreiben, weil eine Verzögerung bei dem besonderen chemischen Gemisch unserer aktuellen Situation ein explosives Element sein könnte.
Obendrein ist dieser Sommer ohne den üblichen Regen gekommen, stattdessen mit Ventilatoren, die den ganzen Tag lang summen, und mit Stromrechnungen, die unseren Lohn auffressen. Man verspürt eine permanente Hitzewallung in den langen Schlangen an den Omnibushaltestellen, eine Schwüle, die uns bei der eh schon mühsamen Suche nach Nahrungsmitteln begleitet. Fächer, die nur heiße Luft auf unsere Gesichter fächeln, Duschen mit Eimer und Becher*, nach denen sich sofort wieder Schweißtropfen auf der Haut bilden. Das sind Tage, an denen meine Freunde die Geduld verlieren und in den Familienpapieren suchen, ob sich der Geburtsschein des spanischen Großvaters finden lässt. In den Augen vieler liest man den unausgesprochenen Satz: „Ich kann nicht mehr“. Bleibt ruhig, sage ich zu ihnen, vielleicht ist die Hitze der Katalysator, der uns fehlt, der Anstoß, den eine lethargisch gewordenen Bevölkerung braucht, um zu fordern, dass die versprochenen Öffnungen keinen Monat länger auf sich warten lassen.
Mit der Blogosphäre passiert das gleiche wie mit anderen Phänomenen unserer Realität: man versucht uns zu trennen und auseinander zu treiben, dadurch dass man uns dort „regierungsnah“, hier „Söldner“ als Beinamen anzuhängen versucht, ohne sich darüber klar zu sein, dass sich damit der gemeinsame Nenner, der uns alle eint, nicht aus der Welt schaffen lässt: die Lust, sich mitzuteilen. Ich träume von dem Moment, in dem Elaine Díaz in der Bloggerakademie Unterricht geben kann, ohne deshalb ihren Job zu verlieren. Ich träume davon, dass Claudia Cadelo ein Seminar über Twitter in der journalistischen Fakultät gibt, ohne einer organisierten Beschimpfung ausgesetzt zu sein. Ich stelle mir eine Diskussionsrunde vor, die unabhängige Journalisten zusammen mit jenen Mitgliedern der staatlichen Medien veranstalten könnten. Voraussetzung wäre allerdings, dass die Existenz ersterer anerkannt und eine solche Geste für letztere nicht die Entlassung bedeuten würde.
Können Sie sich vorstellen, dass Esteban Morales, der Akademiker, der vor einigen Wochen einen Artikel gegen die Korruption schrieb, mit Oscar Espinosa Chepe darüber diskutiert, wie man eine Lösung für die katastrophale wirtschaftliche Lage Kubas finden könnte? Stellen Sie sich einen Augenblick vor, wie Alfredo Guevara selbst, der eine Konferenz vor Universitätsstudenten hielt, auf einem Diskussionspodium neben Rafael Rojas oder Emilio Ichikawa sitzt. Ich gehe noch weiter und setze Ricardo Alarcón wieder dem jungen Eliécer Ávila gegenüber, um zu hören, welche Fort- oder Rückschritte die Nation seit jenem Tag im Januar 2008 gemacht hat, als beide mit einander redeten. All dies – und jetzt falle ich endgültig ins Delirium – untermalt mit einem Thema von Pablo Milanés und einer Folkloremusik, interpretiert von der warmen Stimme von Albita Rodríguez.
Sie werden mich für eine Träumerin halten, aber ich fühle, dass dieses Stück Land, das wir bewohnen, so viele Aufteilungen nicht verträgt. Raster, Zäune, Parzellen und Fraktionen haben schließlich Raum und Zeit, die uns allen gehören, bestimmt und markiert. Ich weiß nicht, was die anderen erwarten, aber wenigsten Yoani Sánchez hält den Kaffee warm und den Tisch gedeckt, um dieses Gespräch einzuleiten, das irgendwo anfangen muss.
Übers. Iris Wißmüller, iris.wissmueller@gmx.de
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Foto: Heute – morgen – übermorgen. Plakat, mit dem Studenten besseres Essen forderten.
Vor einigen Jahren kannte ich eine junge Frau, die kurz vor ihrer ersten Reise ins Ausland stand. Sie hatte so viele Bedenken über das, was sie dort erwarten würde, dass sie uns, die wir schon „den Teich überquert hatten“, sogar über die kleinsten Details befragte. Sie wollte wissen, ob sie für den Sommer in Europa einen Mantel oder Kleidung mit kurzen Ärmeln mitnehmen sollte und ob sie sich mit ihren geringen Englischkenntnissen würde verständigen können. Sie suchte Informationen zu Namen, Orten und sogar zu Geschmacksrichtungen, da einer ihrer Hauptängste um die Frage kreiste, wie ihr das Essen jener Küchen schmecken würde. Sie fürchtete besonders, dass auf den Tellern der Reis mit Bohnen nicht zu finden wäre, den sie gewöhnlich jeden Tag zu sich nahm.
Als sie mir das gestand, verspürte ich Lust zu lachen, aber danach begriff ich die fürchterliche Zwangslage, die es für sie bedeutete, Nahrungsgepflogenheiten zu durchbrechen. Von klein auf hatte sie sich an diese so karibische Speisenkombination gewöhnt, dass es ihr schon als Sakrileg erschien, sich vor einen Teller Gemüse zu setzen. Sie machte sich Sorgen, dass sie nur Spinat und Brokkoli zu sich nehmen müsste, wie sie es in einigen Filmen gesehen hatte, und dass sie mehr als einen Monat ohne ihre geliebten „Mauren und Christen“* zubringen müsste. Das Misstrauen ging bei ihr soweit, dass sie das Flugzeug mit mehreren Kilogramm ihrer unverzichtbaren Bohnen und ihrer täglichen Reiszufuhr im Gepäck bestieg. Sie kehrte nie von jener Reise zurück, weil sie sich im Norden Italiens niederließ, offensichtlich von der Würze dieses Ortes angetan.
Die Verarmung unserer Esskultur, hervorgerufen durch die chronische Krise, die wir erleben, hat bewirkt, dass unser Gaumen kaum auf ein Dutzend Geschmacksrichtungen trifft. Die Proteine, die auf den kubanischen Tellern erscheinen, bestehen aus einem „Hot Dog“, einer Portion Putenhackfleisch oder einem Stück Rindsleber. Diese Produkte weisen in den Läden mit konvertiblen Pesos die günstigsten Preise auf und sind größtenteils aus dem Land im Norden importiert, das so oft in den politischen Parolen erwähnt wird. Sogar das Schweinefleisch ist für uns unerreichbar geworden, und wenn in unserem Viertel Eier verkauft werden, herrscht eine Freude wie bei Ankunft der Heiligen drei Könige in eigener Person. Die täglich wiederkehrende Mischung aus Reis und Bohnen ist auf dem besten Weg, auch zu verschwinden wegen dem Desaster in der Landwirtschaft, der Trockenheit und der staatlichen Misswirtschaft auf unseren Feldern. Jetzt muss man das Doppelte, wenn nicht gar das Dreifache an Geld ausgeben, um diesen Congrí* genießen zu können, wegen dem meine Freundin beinahe ihre Reise nach Europa abgesagt hätte.
Das Gebäude, in dem ich lebe, war vor 25 Jahren von den Händen derjenigen erbaut worden, die später darin wohnten. Mit seiner enormen Betonkonstruktion und seiner jugoslawischen Architektur war dieser Wohnblock mit seinen 14 Stockwerken einer der letzten, die unter der Aufsicht von sowjetischen Technikern vollendet wurden. Während der Siebziger und Achtziger Jahre gestattete es ein neuartiges Konzept unter der Bezeichnung „Mikrobrigaden“ Personen, die eine Wohnung brauchten, sie selbst zu errichten. Es war die Zeit der Illusionen und viele glaubten, diese Gebäude von zwölf, achtzehn oder sogar zwanzig Stockwerken könnten die Wohnungsprobleme des Landes lösen.
Der Bedarf war jedoch so groß und der Baufortschritt so langsam, dass die neuen Viertel im Stil von Osteuropa der Wohnungsnot nicht abhelfen konnten. Als die ersten Mieter dort einzogen, nachdem sie sieben Jahre lang Ziegel aufeinander gesetzt und Zement geschaufelt hatten, fühlten wir uns als die letzten Nutznießer eines urbanen Projekts, das zu Ende ging, als der sozialistische Block zerfiel. Es erhoben sich keine hohen Gebäude mehr und das Bauministerium wurde zu einem Archiv für aufgeschobene Pläne und abgebrochene architektonische Träume. Wer noch ausgedehnte Räume hatte, begnügte sich damit, Säle aufzuteilen oder improvisierte Wohnungen auf den Flachdächern hochzuziehen.
In den 114 Familien, die in diesem Bauwerk wohnen, wuchsen Kinder heran, kamen Enkel und wo vorher Platz für ein Ehepaar und seine Nachkommen war, drängen sich jetzt auch Schwiegersöhne, -töchter und Schwiegermütter. Leider erlaubt es die starre Struktur der Immobilie weder, dass wir die Balkone ausbauen, noch dass wir horizontale Aufteilungen vornehmen, bekannt als „barbacoas“. Aber kreativen Köpfen ist es gelungen, aus einem Zimmer zwei zu machen. Diese „Wolkenkratzer“ wurden schließlich zum Symbol einer vergangenen Epoche. Die Kinder, die auf den Gängen herumtollen, wissen kaum noch, dass die Hochhäuser als repräsentative Gebäude geplant waren, wo der nie erreichte „neue Mensch“ wohnen sollte.
Foto: Trophäe des Journalistenpreises Perfil in der Kategorie der Meinungsfreiheit
Ich flechte mein Haar. Heute wird nichts gefeiert, eher sollte ich verstrubbelt und glanzlos bleiben, aber ich teile es in drei Stränge und lege sie nach bestimmter Reihenfolge übereinander. Die Liturgie des Kämmens besänftigt meine Unruhe und schließlich ist mein Kopf in Ordnung, aber die Welt bleibt kraus. Ich habe ein Schwindel erregendes Wochenende durchlebt und dachte, dass das Ritual, meine Mähne in Ordnung zu bringen und sie zu einem schlanken Zopf zu binden, mir meine Unrast nehmen könnte, aber es hat nicht funktioniert.
Am Freitag wurde mein Name in der langweiligen Sendung „Runder Tisch“ im Zusammenhang mit Begriffen wie „Cyberterrorismus“, „Cyberkommandos“ und „medialer Krieg“ genannt. In negativer Form in einer höchst offiziellen Sendung des Fernsehens erwähnt zu werden, ist für jeden Kubaner gleichbedeutend mit der Bestätigung seines sozialen Todes. Eine öffentliche Steinigung, die darin besteht, jemanden, der kritische Gedanken hat, mit Schmähungen zu überziehen, ohne ihm auch nur für einige Minuten das Recht einer Entgegnung einzuräumen. Meine Freunde riefen alarmiert an, da sie befürchteten, meine Wohnung sei schon voller Männer, die unter den Matratzen und hinter den Bildern herumschnüffeln. Ich meldete mich am Telefon jedoch mit meinem fröhlichsten Tonfall: „Sag mir, wer dich anschwärzt und ich sage dir, wer du bist“, wiederholte ich gegenüber denen, die sich um mich Sorgen machten. Wenn dich die Mittelmäßigen und die Opportunisten beschimpfen, wenn dich die Gehaltsempfänger einer mächtigen, aber im Sterben liegenden Maschinerie beleidigen, empfinde es als Auszeichnung … murmelte ich gebetsmühlenartig den ganzen Abend.
Am nächsten Tag beachtete die Realität weiterhin die offiziellen Verlautbarungen nicht und meine Nachbarn, gerade mit der Jagd auf den rar werdenden Reis beschäftigt, hatten weder Zeit noch Lust gehabt, diese so langweilige Fernsehsendung zu sehen. Was ist los mit unserer Realität, wenn die medialen Hinrichtungen nicht mehr funktionieren? Vor einigen Jahren noch hätten die Kugeln der staatlichen Geringschätzung bewirkt, dass alle sich von mir körperlich distanziert und von meiner Wohnung ferngehalten hätten. Aber jetzt kommen sie her und geben mir durch ein Augenzwinkern und Schulterklopfen zu verstehen, dass sie mit mir einer Meinung sind. Die Diffamierung wurde schon so oft als Mittel verwendet, um einen anderen zum Schweigen zu bringen, dass die volksverhetzenden Adjektive ihre Wirkung auf eine Bevölkerung verloren haben, die die Nase voll hat von so vielen Parolen und so geringen Resultaten.
Ein lindernder Balsam erreichte mich diesen Samstag. Ein Argentinier schaffte es, die Trophäe meines Perfil-Preises ins Land zu schmuggeln. Fast gleichzeitig schleuste eine Chilenin eine spanische Ausgabe meines Buches Cuba Libre, das sie in rosa Papier gewickelt hatte, durch den Zoll.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung diktiert mir einen Text, der in dem Blog Stimmen hinter Gittern (Voces tras las rejas) veröffentlicht wird. Es ist Pedro Argüelles aus dem Gefängnis in Canaleta und wir haben uns über die aktuellen Konversationen zwischen der Kirche und der kubanischen Regierung ausgetauscht. Es ist ein schwieriges Thema für ein Gespräch mit einem Gefangenen, den zu optimistische Sätze in eine Erwartungshaltung versetzen würden, die in einer Enttäuschung enden könnten. Ich habe wenig Informationen, gestehe ich ihm, die offiziellen Medien zeigten nur kurze Bilder von dem Treffen zwischen Kardinal Jaime Ortega und General Raúl Castro, ohne zu enthüllen, welche Themen auf ihrer Tagesordnung zur Diskussion standen. Aber – das wage ich ihm zu erzählen – auf der Straße kursieren die Gerüchte, dass es um Verhandlungen zur Freilassung von Gefangenen geht, was die kirchlichen Autoritäten in einer Pressekonferenz bestätigten, zu der weder unabhähgige Journalisten noch Blogger eingeladen waren.
Dieses Thema macht mir einerseits Hoffnung, hat aber andererseits einen trüben Beigeschmack. Es ist, als gäbe es einen Tisch, der nur auf zwei Beinen stehen wollte, während das dritte Bein – ausgeschlossen oder ignoriert – das größte Gewicht der Entscheidungen zu tragen hätte. Jede Diskussion bleibt eingeschränkt, die nicht diesen so wichtigen Teil der Nation mit einbezieht, die Gruppen und Vereinigungen der zivilen Gesellschaft. Etwas, das das Militär, die Bürger, Katholiken und Atheisten, Anhänger der Partei und Dissidenten gleichermaßen betrifft, sollte nicht nur zwischen Uniformen und Kardinalsroben diskutiert werden. Die Sprecher der verletzten Menschen in Kuba, deren Kinder, Ehepartner oder Eltern aus politischen Gründen im Gefängnis sind, glänzen bei diesen Treffen durch Abwesenheit. Wie kann man sich für einen Verletzten einsetzen, ohne diesem die Gelegenheit zu geben, sich zu äußern, ohne ihm zu erlauben, dort, wo man über sein Schicksal spricht, dabei zu sein.
Pedro, Pablo und Adolfo werden mich wieder anrufen. Ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll, über die Treffen hinter verschlossenen Türen, über die Abkommen, die ein Geheimnis bleiben. Ich wünsche mir so sehr, dass ihre Namen auf dieser Liste der möglichen Begünstigten einer “außergewöhnlichen Bewährung” stehen, dass ich mich von der Hoffnung hinreißen lasse. Aber man darf sich nicht täuschen lassen. Während die freie Meinung und ihre Äußerung in unserem Strafgesetzbuch kriminalisiert werden, wird es eine Liste von Häftlingen geben, die entlassen werden. Diese Vermittlung der Kirche ist zu begrüßen, aber die kubanischen Autoritäten sollten auch alle anderen Mitbürger anhören, auch die, die sich ihnen widersetzen. Indem sie immer den Dialog denjenigen verweigert haben, die kritische Positionen vertreten, haben sie erreicht, dass heute der Tisch nur auf zwei Beinen steht. Es gibt mehrere Beine, die ihm das Gleichgewicht der Vielfalt geben könnten, sie müssen sie nur anerkennen und leben lassen.
Ich war 19 und er schon 100 Jahre tot. In der Schule fürchteten wir uns vor den Grammatik-Prüfungen, in denen wir einen seiner komplexen Sätze analysieren mussten. Uns wurde so viele Male wiederholt, dass José Martí der “intellektuelle Autor der Überfalls auf die Moncada-Festung” war, dass wir es uns bildlich vorstellten, wie er in jenem Morgengrauen voller Schüsse und Tote dabei war. Auf den politischen Plakaten schmückten seine – aus dem Zusammenhang gerissenen – Sätze eine Stadt, die im Elend der Sonderperiode (Período Especial) versank. Ich erinnere mich, dass wir einige der Sätze ironisch abwandelten, zum Beispiel diesen: “Armut geht vorbei, was nicht vorbeigeht, ist die Schande” in: “Armut geht vorbei, was nicht vorbeikommt, ist der 174″. Damit meinten wir den Bus, der von Vedado nach La Víbora fuhr.
Es fehlte nicht an Fehlinformierten, die dem Apostel die Schuld an allem, was passierte, zuschrieben. Während der Tage der Stromausfälle und wenig Essens versetzten sie seinen Gipsbüsten diverse Strafen. Die maßlose Verfälschung von Martís Gedankengut – das nach Belieben der Mächtigen angepasst wurde – sorgte dafür, dass Dutzende meiner Klassenkameraden sein gesamtes Werk ablehnten. Nur eine kleine Gruppe von uns Heranwachsenden las seine Liebesgedichte oder seine freien Verse, und so erhielten wir uns einen anderen Pepe, einen menschlicheren, uns näheren. Ich war damals am Pädagogischen Institut, einem Sprungbrett, von dem aus ich Philologie oder Journalismus studieren konnte, zwei Berufe, die er meisterhaft ausgeübt hatte. Dort wurde mir ein Mann mit entschlossenem Gesichtsausdruck ptäsentiert, den man ohne Widerworte anbeten musste, und der offiziell als die Inspiration dessen, was wir lebten, definiert wurde.
In jenen Tagen, als sich das hundertste Jubiläum seines Todes näherte, fiel es mir ein, einen kleinen Leitartikel für die Zeitschrift zu schreiben, die eine Gruppe von uns Studenten schrieb. Es hieß “Wort für Wort” und enthielt Gedichte, literarische Analysen und einen Abschnitt, in dem wir sprachliche Fehler, die in den Fluren der Fakultät für Spanisch und Literatur zu hören waren, aufschrieben. Ich schrieb ein paar kurze, leidenschaftliche Zeilen, in denen ich sagte, dass wir Teil einer “anderen hundertjährigen Generation” seien, deren Aufgabe es ist, das Vaterland vor “anderen Gefahren” zu schützen. Diese kleine Überschreitung der bestehenden Normen, wie der Held zu interpretieren ist, endete mit der Schließung unserer bescheidenen Zeitung und mit meinem ersten Treffen mit den “Jungs des Apparats”. Nur sie waren befähigt, sein Schreiben zu entschlüssen und zu beherrschen, schienen sie mir mit ihrer versteckten Warnung sagen zu wollen, aber ich lächelte in mich hinein: ich kannte schon einen anderen Martí, und der war unbezähmbarer, rebellischer.
Der 10. Kongress der Nationalen Bauernvereinigung ging gestern in einem sehr kritischen Moment für den landwirtschaftlichen Sektor in Kuba zu Ende. Während im Fernsehen die langen Sitzungen hinter verschlossenen Türen übertragen werden, ist die Hauptsorge in den Häusern, wie wir etwas finden und bezahlen können, was auf unseren Tellern landet. Reis, unser täglicher Begleiter bei Tisch, unentbehrlich für die einen, langweilig für die anderen, ist das neueste Produkt, das sich in die Liste der Güter einreiht, die knapp geworden sind. In einem Land, in dem die Mehrheit eine Mahlzeit nicht für vollwertig hält, bei der es nicht wenigstens ein paar Löffel von diesem Getreide gibt, ist sein Fehlen ein Grund für Verzweiflung und Beunruhigung.
Nach so vielen Aufrufen zur Leistung, nach den großen Ankündigungen, unbenutztes Land aufgeteilt zu haben und nach den Reden, die gespickt waren mit Aufrufen, auf den Bauernhöfen zu arbeiten, stellt sich jetzt heraus, dass im letzten Jahr die landwirtschaftliche Produktion um 13% und die viehwirtschaftliche Produktion um 3,1% gesunken sind. Es wird klar, dass sich Slogans wie “Bohnen sind wichtiger als Kanonen” oder “Wir müssen eine Kehrtwende für das Land machen” nicht in Essen verwandeln.
Was passiert also gerade? Wie kann es sein, dass eine Insel mit so viel fruchtbarem Boden voller Menschen ist, die sehnsüchtig auf Malangas, Bananen oder Yucas warten müssen? Warum ist Schweinefleisch zu einer Delikatesse geworden, die man nur ein- oder zwei Mal im Monat genießen kann und dann auch nur zu einem überhöhten Preis? Wie haben sie es geschafft, die meisten unserer leckeren Früchte auf die Liste der ausgestorbenen Dinge zu verbannen? Die Verstaatlichung, die Kontrolle und der Zentralismus haben uns an diesen Punkt gebracht und ich befürchte, dass sie jetzt versuchen, uns aus diesem Loch mit den gleichen Methoden herauszuholen, mit denen sie uns hineinwarfen.
Die Lösung wird nicht kommen, weil eine Militäruniform uns dazu aufruft, größte Opfer zu bringen und das Land “für das Vaterland” zu säen. Sie wird auch aus keinem Kongress heraus entstehen, deren Teilnehmer seit langer Zeit ihren Rücken nicht einmal mehr zum Unkraut jäten krümmen. Ich erhoffte mir von dem Abschlussbericht des Bauernkongresses den Vorsatz, die absurden Einschränkungen abzuschaffen. Aufgrund der schlimmen Ernährungssituation glaubte ich, dass sie aufhören würden, die Figur des Zwischenverkäufers, ohne den die Kisten voller Tomaten nie den Markt erreichen würden, zu verteufeln und zu ahnden. Es wird sich erst ein Ende dieser Unproduktivität abzeichnen, wenn die Bauern ihre Ware direkt an die Bevölkerung verkaufen können – und natürlich dafür ihre Steuern zahlen – ohne das “Recht der ersten Nacht”, das der Staat immer noch wahrnimmt. Wenn man den Bauern nicht erlaubt, landwirtschaftliche Geräte zu kaufen und selbst zu entscheiden, was sie anbauen und worin sie das mit dem Verkauf ihrer Produkte verdiente Geld investieren, wird von diesem Kongress nur eine Akte zurückbleiben. Noch ein Kongress,
Eine Auswahl des Subskriptionstextes steht unten.*
Wir werden sie zur Wahrung der Gesetze zwingen.
Julio, Rechtsanwalt
Vor mehr als 60 Tagen habe ich eine Anzeige wegen illegaler Festnahme, Polizeigewalt und willkürlicher Inhaftierung an mehrere kubanische Institutionen geschickt. Nach dem Tod von Orlando Zapata Tamayo hinderten die darauf folgenden illegalen Festnahmen mehr als Hundert Personen daran, an den Begräbnisfeierlichkeiten teilzunehmen. Ich war unter den vielen Menschen, die am 24. Februar in der Arrestzelle landeten, als wir uns in das Kondolenzbuch, das in seinem Namen aufgelegen hatte, eintragen wollten. Die Härte der Gewalt, die gegen mich eingesetzt wurde, und die Übertretung der Vorschriften bei der Personenfestnahme in einer Polizeistation veranlassten mich dazu, eine Klage einzureichen, obwohl ich wenig Hoffnung hatte, dass sie vor einem Gericht behandelt würde. Während all dieser Zeit wartete ich auf eine Antwort entweder der Militär- oder der Generalstaatsanwaltschaft. Es kostete mich große Anstrengungen, dieses aufschlussreiche Zeugnis, das schmerzhaft zeigt, wie unsere Rechte mit Füßen getreten werden, nicht zu veröffentlichen.
Glücklicherweise konnte ich mit meinem Mobiltelefon den Ton der Vorkommnisse an jenem grauen Mittwoch aufzeichnen. Nachdem es konfisziert worden war, nahm es sogar die Gespräche auf, die die Staatssicherheitsagenten und die Polizisten ohne Erkennungsmarken führten, die uns gewaltsam in der Polizeistation Infanta y Manglar eingesperrt hatten. Das Beweismaterial enthält die Namen einiger verantwortlicher Personen und enthüllt den politischen Hintergrund der Operation gegen Oppositionelle, unabhängige Journalisten und Blogger. Ich habe Kopien von diesem Protokoll der „Entführung“ auch an internationale Organisationen zur Wahrung der Menschenrechte, an solche zum Schutz von Journalisten und an all jene, die mit Misshandlungen zu tun haben, geschickt. Mehrere Anwälte des kubanischen Rechtsverbandes haben mich bei diesem Unterfangen unterstützt.
Auch wenn wenig Hoffnung besteht, dass irgendjemand verurteilt wird, so wissen jetzt wenigstens die Verantwortlichen, dass ihre Missetaten nicht mehr durch das Schweigen der Opfer im Verborgenen bleiben. Die Technik ermöglichte es, dass all dies ans Licht kommt.
*Einige Anmerkungen zur Vervollständigung von diesem Dossier der “Entführung“:
-Die weibliche Stimme, die zusammen mit mir bei der Aufnahme zu hören ist, gehört meiner Schwester Yunia Sánchez.
- Niederschrift der Aufnahme:
http://www.desdecuba.com/generaciony/wp-content/uploads/2010/05/transcripcion_grabacion.pdf
-Empfangsbestätigung des Schreibens an die Militär-, Generalstaatsanwaltschaft, die Volksversammlung, die Polizeistation, wo die Vorkommnisse stattfanden, an den Staatsrat und den Sitz der Nationalen Revolutionspolizei.
* Die Übersetzung des Subskriptionstextes in Ausschnitten:
(1) Die beobachten uns. Schon eine Weile. (4) Personalausweis, bitte. Wer sind Sie? Die Staatsautorität? Oder? Dann bringen Sie mir einen uniformierten Polizisten! (6) Lassen Sie sie los! – Sagt Yunia, als diese Zivilisten versuchten, meine Arme festzuhalten. (9) Nein!!!! Sie begehen das Delikt der Einschüchterung, wenn Sie mich an meinem Tun hindern. Lassen Sie mich los! Lassen Sie mich los! Lassen Sie mich los! – Zwei Frauen halten mich an den Armen fest. (10) Kennen Sie das Delikt der Einschüchterung? Sie hindern mich etwas zu tun, was das Gesetz nicht verbietet. (12) Wer sind Sie? Ich weise mich nur vor einem Uniformierten aus. Bringen Sie einen Uniformierten! (14) Ich kann keinen in Zivil anerkennen, Sie könnten mich ja auch vergewaltigen, mich entführen. (15) Basta. Du musst ihr keine Erklärungen geben. – Sagen die beiden Frauen – (16) Ist doch klar, Ihr seid nicht die Autorität, Ihr seid dazu nicht berechtigt. (19) Weil Ihr in Zivil seid, Ihr habt keinen Haftbefehl, keinen polizeilichen Befehl. Ihr habt keine Berechtigung dazu. (23) Ausweisen? Als Kind hat man mir beigebracht, dass ein Polizist einen Ausweis mit einer Dienstnummer haben muss … (24) Da täuschen Sie sich. Das ist Ihr Fehler. (26) Jetzt kommt ein Käfigwagen und ich versuche zu telefonieren, um meine Situation bekannt zu machen. (28) Machen Sie ihr Handy gefälligst aus! (29) Ich werde es nicht ausmachen. Ich habe es Ihnen schon gesagt, dass Sie das Delikt der Einschüchterung begehen. (30) Machen Sie das Handy aus! – Ich werde es nicht tun. (31) Fassen Sie mich nicht an! (35) Da sind schon die Streifenpolizisten, die Sie sehen wollten. (36) Gut. Sehr gut. Gehen wir! Ich habe keine Angst vor der Polizei. Fass mich nicht an! – Die Frauen in Zivil versuchten weiter, mich festzuhalten und mir das Handy wegzunehmen. (39) Was ist hier los? – Erste Schläge – (40) Das ist ein Verbrechen. – Die Schläge nahmen zu – Ja, ja – sagte eine ironisch. (41) Feige! (42) Ist das Eure einzige Methode? (43) Lass mich los! (45) Lass mich los! –Meine Schwester hatten sie schon in den vergitterten Wagen gesteckt. (46 – 61) Lassen Sie mich los! (62) Sie schaffen es, mich mit Gewalt in den vergitterten Wagen zu werfen und knallen die Tür zu. (64) Ihr seid Rechtsbrecher. Ja, das seid Ihr. Ihr habt keine Berechtigung dazu. (65) Ihr begeht das Delikt der Entführung und der Einschüchterung. Entführung und Einschüchterung. Gewalt. Ihr habt kein Recht dazu. (70) Du bist ein Polizist und du musst mich vertreten als Bürgerin. Du darfst mich nicht schlagen. (71) Ich vertrete die Kubanische Revolution. (72) Na und? Die Polizei vertritt aber keine Ideologie. Die Polizei, falls du das nicht weißt, vertritt die Interessen des Volkes. (73) Nicht die Interessen einer Partei. Verstanden?
Als Polizist kannst du keine Politik vertreten. Du musst uns alle vertreten. (75) Ihr denkt, dieses Land gehört Euch. (77) Dieses Land gehört uns, den Bürgern. (78) Ich bin ganz ruhig, sag ich zu meiner Schwester. Die sind es, die hier etwas Rechtswidriges tun. (79) Ich nicht. Ich spazierte durch eine Straße meiner Stadt, meines Viertels, als ich mit Gewalt in diesen Wagen gesteckt wurde. (80) Gewalttätige! Euch ist es nicht genug, dass ein Mensch gestorben ist, es reicht euch nicht, was? (83) Der Gitterwagen fährt weiter. (84) Ich bin gespannt, wie das endet. Das müsste im Polizeirevier mit der Aufnahme eines Protokolls enden, sonst wäre es eine Entführung. Eine Entführung, mit der Polizei als Komplize. (86) Wie alt bist du eigentlich? – Ich wende mich zu einer jungen Zivilistin, die mich geschlagen hatte. – (87) Du bist jung. Warum machst du das mit? (88) Glaubst du, dass es rechtens ist, wenn eine Person, die einfach durch die Straßen geht, geschlagen und in einen Wagen gestoßen wird? Was willst du deinen Enkelkindern später erzählen? Dass du damit beschäftigst warst, den Kubanern die Rechte zu rauben? (92) Nein, nein. Ich bin ganz ruhig. Ich muss nur die Wahrheit hier sagen. (93) Na gut … die paar blauen Flecken – sag ich zu meiner Schwester ironisch – als sie mich auf meine blutigen Handknöchel aufmerksam macht. (94) Der Gitterwagen hält. Wir sind im Hinterhof der vierten Polizeistation Ecke Infanta y Manglar. (96) Ihr seid alle so feige geworden. Die olivgrüne Uniform, die Sierra Maestra, der Bart, das alles hat nichts geholfen, am Ende schlagt ihr Frauen. (98) Wie konntet ihr so tief fallen? (99) Die Macht. Die Macht. Die Macht des Militärs. Die Macht, die das Wort nicht kennt. (101) Arme Menschen. Sie wissen nicht, dass das Wort den Boden, auf dem sie stehen, durchbohrt. (104) Meine Kinder werden das nicht mehr erleben. Keines meiner Kinder. Kein Enkelkind von mir wird mit Gewalt in einen Wagen geworfen, nur weil es auf der Straße spazieren geht. (106) Eines Tages werdet ihr vor Gericht stehen und ihr werdet sagen müssen: Ja, ich habe mich geirrt. (108) Ihr werdet mich anhören müssen, denn, wenn ich was kann, dann reden. (109) Ihr nicht. Ihr redet nicht, weil ihr von oben keinen Auftrag zum Reden habt. (111) Diese Person erlaubt Euch nicht zu reden, Euch auszudrücken. Arme Menschen. Letztendlich seid ihr Gefangene der Macht. (114) Ihr seid Gefangene einer Maschinerie, die Euch am Ende nicht verteidigen wird. Rom bezahlt, aber verachtet die Verräter. (115) Mädchen, halt den Mund! (119) Ich will nichts mehr von Maschinerie und sowas…. hören. (121) Das ist dein Problem. (124) Hör auf mit dem Gelaber! (125) Was ist das für eine Ausdrucksweise, das kann doch nicht wahr sein. Da sieht man, dass ihr die Rechte der Menschen nicht respektiert. (129) Ihr habt keine Argumente. (130) Ich will dein Gelaber nicht mehr hören. Verstanden? (132) Das, was du redest interessiert mich nicht. Hör auf mich anzuschauen! Ich will deinen Mund nicht mehr reden hören. Verstanden? (133) Du wirst mich hören müssen und wenn du mich nicht mehr anhören willst, dann musst du mich töten. (135) … und wirst dafür bezahlen. (137) Dann rede was du willst. Ich muss dein Gelaber nicht hören … (138) Dann lass mich reden. Wo ist das Problem? Bohren meine Worte in deine Ohren? (139) Aua! Es tut weh: – Sagt er ironisch. (140) Es tut dir weh, weil ich dir ins Gewissen rede, das Gewissen, das bei dir so klein wie eine Kichererbse ist. (146) In der Militärakademie haben sie dir nur Schlagen beigebracht. (147) Bring mich hier raus! (148) Bringt ihn raus! (151) Die Tür des Gitterwagens geht auf. Eine Gruppe Polizisten ohne Kennzeichnung steht davor. (155) Warum habt ihr keine Kennzeichnung? (157) Weil wir alle Verbrecher sind. – Sagen sie mit Ironie. – (159) Bringt sie da hin! (160) Nein, ich werde sie nicht allein lassen. – Sagt meine Schwester und hält sich an meinem Arm fest. (163) Sie wird hier nicht allein bleiben, versucht Yunia mich zu schützen. (169) Bitte, geben sie mir die Tasche zurück! (174) Ich werde nicht zulassen, dass mit ihr was passiert. (176) Yunia … – ruft Ricardo Medina, der in der Männerzelle des Polizeireviers sitzt. (178) Vorsicht mit ihr! – ruft Ricardo. (179) Vorsicht mit ihr! Tut ihr nicht weh! Das ist Yoani Sánchez. (182) Ich bin hier gegen meinen Willen – sage ich auf dem Boden liegend, während ich mit Tritten aufgefordert werde aufzustehen. (184) Warum ist sie noch nicht in der Einzelzelle? – fragt ein Polizist einen anderen, der mir bereits das Handy weggenommen hatte. (185) Weil sie ein Handy bei sich hatte. Schau mal nach, ob sie noch eins bei sich hat! (187) Ich habe es ihr schon abgenommen. (188) Es wird konfisziert. Her damit! (189) Warte, ich besorge eine Einzelzelle. (190) Das ist Yoani Cordero. (192) Sie gehen über den Flur der Polizeistation in die nächste Etage und tragen das Handy bei sich, welches alles aufnimmt. (201) Chef, (unterhalten sich die Polizisten) da unten haben wir ein Problem. Sie haben eine der Rädelsführer mitgebracht. Wir mussten sie sogar reinschleppen. (202) Wen, die Frau? Ja. (204) Da unten ist keiner. Sie sind allein. Diese Leute sind alle da unten zusammen und sie machen Probleme. (207) Geh zu Marrero. Er soll noch einen Mann zur Verfügung stellen. (219) Kannst du bitte aufstehen? (220) Wer verlangt das von mir? (221) Die Polizei verlangt es von dir. (222) Können sie sich ausweisen, bitte? Denn diese Polizisten haben keine Kennzeichnung. (223) Wer hat dir gesagt, dass die Polizei eine Kennzeichnung braucht? (224) Eine Kennzeichnung müssen sie haben, sonst weiß ich nicht mit wem … (225) Das war früher. – lügt er (226) Nein, entschuldigen Sie. In der Schule hat man mir beigebracht … (227) Ich kläre dich auf. Du befindest dich auf dem Polizeirevier. (228) Auf dem Polizeirevier. Bist du jetzt zufrieden? (Er zeigt mir einen Ausweis, mit unkenntlich gemachtem Namen) (229) Zeigen Sie mir Ihren Namen! Das kann auch eine Fotokopie sein. (230) Sie will den Personalausweis. – sagt einer und nimmt mir das Dokument weg, bevor ich etwas lesen kann. (231) Schau mal, das Gitter hängt an zwei Scharnieren, du musst es hier aufmachen, bitte. (232) Gut. Warum soll ich da eingesperrt werden? (233) Natürlich wirst du eingesperrt. (234) Aha, ins Hotel. – Ich habe noch die Kraft Scherze zu machen. (237) Sie machen das Gitter zu und lassen meine Schwester und mich in einer Zelle, die nach Urin stinkt, zurück. Darin befindet sich noch eine ängstliche Frau. Sie sagt uns, dass sie auf der Straße mit ein wenig Alkohol aufgegriffen wurde. (Die zwei Polizisten unterhalten sich) (239) Eine schwierige Frau. (244) Schau mal, Sie hat mit ihrem Handy Sachen aufgenommen. (252) Denkt daran, wenn ihr das Mädchen erwischt, nehmt ihr alles ab! Die Handys! Sie nehmen alles auf. (254) Die haben bestimmt eine PIN und andre Sachen. Gib mal die Kamera her! – Er meint mein Handy und das meiner Schwester. (256) Entschuldigung: diese mit den schwarzen Haaren, ist sie eine von den Damen in Weiß? (257) Sie sind von einer Gruppierung, aber nicht von den Damen in Weiß. (259) Sie ist die Rädelsführerin. (262) Sie sind Schwestern. (263) Yoani Sánchez Cordero (266) Vier. Und hier haben wir noch sechs. Sind zehn Personen. – Sie meinen die Festgenommenen im Rahmen der Operation um die Beerdigung von Zapata Tamayo. (267) Es wird Zeit diese ganzen Leute zu beseitigen, …. (269) Weißt du noch ungefähr, was wem gehörte? – Sie reden über unsere abgenommenen Sachen. (270) Das hier ist von der Yoani. (271) Das ist die, die die Kamera hat, oder? (273) Und das hier, wem gehört das? (274) Weiß ich nicht. (275) Sie drücken auf eine Taste des Handys und die Aufnahme wird abgebrochen.
Zum Video:
Die Frau, offensichtlich eine ehemalige Inhaftierte eines Frauengefängnisses auf Kuba, erzählt von einer Mitgefangenen. Diese sei zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden, nur weil sie Einkaufstaschen aus Plastik schwarz verkauft habe. Die Mutter von zwei Kindern habe die furchtbare Situation im Gefängnis nicht ausgehalten und sich die Pulsadern aufgeschnitten. Halbtot sei sie in eine Einzelzelle geschleppt worden, wo sie sich noch zusätzlich in die Brust gestochen habe und gestorben sei.
Für Dania Virgen García
Die Kulisse der Unterwerfung war einst ein altes Gefängnis mit dicken Mauern, etwa in der Form der Festung La Cabaña an der Bucht von Havanna, ein Gefängnis, das früher eine Kaserne war. Die Soldaten leiden nämlich unter ähnlichen Einschränkungen wie die Gefangenen, sie können sich ebenso wenig wie freie Wesen benehmen. Beide sind mit einer Fußfessel angekettet, mag diese nun aus einer strafrechtlichen Sanktion bestehen oder aus der Macht ihrer Unteroffiziere und Kommandeure. José Martí schrieb “General, man gründet nicht ein Volk so, wie man ein Feldlager führt”, doch genauso gut hätte er den Vergleich mit einem Gefängnis ziehen können, wo der Bürger von der Gnade seiner Wärter abhängig ist und im Schatten ihrer Wachhunde leben muss.
Nun haben auch wir moderne Gefängnisse, sie sehen zwar wie Internate auf dem Lande aus, aber in ihren Methoden der Unterwerfung sind sie genauso archaisch. Sie haben keine dicken Gitterstäbe, wohl aber Leutnants, die das Selbstwertgefühl herabsetzen, Ärzte, die nicht da sind, wenn man sie braucht, und den Druck einer Doktrin, nach der dem Schuldigen zur Last gelegt wird, dass er sich nicht zu einem “Neuen Menschen” formen ließ. In vielen kubanischen Gefängnissen versucht man, dem Menschen die Selbstachtung zu nehmen. So müssen sie mit ihren Exkrementen und denen ihrer Zellengenossen leben. Im Frauengefängnis im Manto Negro, zum Beispiel, sind die Wände befleckt mit Tränen, Blut, anderen Körperflüssigkeiten und Speichel; und es gibt auch Namen und Daten, Zaubersprüche, Drohungen und Versprechungen.
Die Ziegelsteine des einen, wie des anderen Gefängnisses -des alten wie des modernen- sind so angeordnet, dass die Freiheit nicht durch sie hindurchsickern kann, dass kein Quäntchen Optimismus durch einen Spalt Einlass findet. Die Erbauer haben sie aufgrund ihrer eigenen Phobien errichtet, und dabei alles potenziert, was ihnen selbst Angst machen würde. Das Elend eines Gefängnisses ist das pervertierte Gesicht der Gerechtigkeit, und die Leute, die in unserem Land gewisse düstere Gefängnisse gebaut haben und sie unterhalten, bekennen dadurch, dass sie das menschliche Wesen fürchten.
Vor ein paar Tagen bescherte mir das Internet einmal mehr ein paar erfreuliche Überraschungen. Ich war mitten in einem Behördengang mit dem Versuch, aus Kuba auszureisen, als mein Handy klingelte und eine Stimme mit madrilenischem Akzent mich bat, sich mit ihm zu treffen. Ich wusste nicht, wer dieser Mann war, weil gerade ein Lastwagen vorbeifuhr, als er sich vorstellte. Aber ich sagte ihm zu, dass um 16:30 frischer Kaffee auf ihn und seine Freunde im 14. Stock dieser Betonmasse auf ihn warten würden. Eine halbe Stunde später erhielt ich eine SMS einer Kommentatorin von Generación Y, in der stand, dass schon in allen digitalen Foren die Nachricht kursierte, dass Rosa Díez mich besuchen würde. Nur so konnte ich das Rätsel dieses mir unverständlichen Anrufs lösen, und ich sagte belustigt zu Reinaldo: “Unser reales Leben passiert einige Stunden später als unser virtuelles”.
Schließlich erfüllte sich die Vorhersage aus dem Netz und die Sprecherin der spanischen Partei Union Fortschritt und Demokratie (Unión Progreso y Democracia, UPD) klopfte an meine Tür. Wir sprachen miteinander wie alte Bekannte, die sich nach langer Zeit wieder finden und sich an einer Weggabelung treffen, um sich von den Steinen, den Höhlen und den Sonnenuntergängen zu erzählen. Wir tauschten Energie aus, denn glaubt mir, diese kleine, dünne Frau strahlt einen Enthusiasmus aus, den ich bislang nur in sehr jungen Leuten gesehen habe. Unser Hauptthema war Kuba, diese Insel, auf der es genug Platz für alle gibt, die aber zu einem exklusiven Terrain für diejenigen gemacht werden soll, die einer bestimmten Ideologie folgen. Ich erzählte ihr von meinen Bedenken, aber ich hatte auch Zeit, ihr detailliert meine Hoffnungen darzulegen und meine positiven Prognosen aufzuzählen. Und sie hörte uns zu, ohne uns missionieren zu wollen.
Bevor sie ging, rief Rosa Díez in ihrem iPhone die Website der UPD auf. Auf dem glänzenden Bildschirm erschien eine moderne Website, hervorgehoben in Magenta, die fast täglich aktualisiert wird. In den Wänden dieser kleinen Wohnung, die schon Dutzende von Kubanern vom Internet haben reden hören, als sei es ein mythischer Ort, der unerreichbar ist, hat uns dieses kleine technische Gerät ein Stück Cyberspace geschenkt. Für uns, die wir während der Academia Blogger mit einem Server arbeiten, der das Internet simuliert, wurde es plötzlich möglich, die Kilobytes durch unsere Hände fließen zu spüren. Ich verspürte den dringenden Wunsch, mit Rosa Díez’ iPhone davonzulaufen, mich in meinem Zimmer zu verschanzen und all die Seiten aufzurufen, die im kubanischen Netz blockiert sind. Eine Sekunde lang wünschte ich, es behalten zu können, um mein eigenes Blog bearbeiten zu können, das in den Hotels und Internet-Cafés immer noch zensiert wird. Aber ich gab es ihr zurück, allerdings sehr niedergeschlagen, das gestehe ich.
Für einen Moment erschien mir die kleine Fahne, die an meiner Tür hängt und für “Internet für alle” plädiert, nicht mehr so träumerisch. Eine unermüdlich webende Spinne namens Rosa hatte uns den dünnsten aller Fäden des großen weltweiten Netzes gezeigt.
Ein Freund machte mich auf die seltsamen farbigen Punkte auf den Böden der Bier- und Limonadedosen aufmerksam, die in den Cafeterías und Restaurants verkauft werden. Ich betrachtete es genauer, und es stimmte. Der Punkt war auf einigen Dosen rot, und blau oder grün auf anderen. Ich habe weiter gesucht, auch auf den leeren oder halb zerdrückten Dosen im Recyclinghof, und der merkwürdige “Stempel” war auf einem Großteil von ihnen zu finden. Die Konturen haben nicht die Präzision einer Etikettiermaschine, sondern eher den wackeligen Strich einer Hand, die etwas Verbotenes tut.
Nun, auch wenn es nach einer Kleinigkeit aussieht, hinter diesem bunten Punkt steckt ein lukratives Netzwerk, das die staatlichen Unternehmen dazu nutzt, seine eigenen Produkte zu verkaufen. Die Angestellten in der Gastronomie kaufen die Getränkedosen in den CUC-Läden und verkaufen sie dann – in dem Geschäft, in dem sie arbeiten – mit einem Gewinn von 10 bis 50% des Ausgangspreises. Während ihres Arbeitstages verkaufen sie bevorzugt ihre “eigenen” Produkte, und verzögern so den Verkauf der staatlichen Dosen. Am Ende des Tages erzielen sie mit der Summe der einzelnen Centavos viel höhere Dividenden, als sie je mit dem symbolischen Gehalt in kubanischen Pesos verdienen.
Also kennzeichnen die farbigen Punkte, wem das Getränk gehört, das verkauft wurde. Die des Managers des Lokals könnten rot sein, die Kellnerin markiert mit blau und der Koch hat sich womöglich für einen orangefarbenen Punkt entschieden. Jeder bekommt seinen Teil, sonst läge ja kein Sinn darin, früh aufzustehen, mit einem überfüllten Bus zu fahren und acht Stunden zu arbeiten, nur um am Ende des Monats umgerechnet 20 USD zu erhalten.
Es gibt auch Schwarzbrauereien, in denen die Biere Bucanero und Cristal hergestellt werden, die genau so aussehen wie die Originale. Kaum einer der langjährigen Biertrinker bemerkt den Unterschied. Diese Nachahmungsindustrien befinden sich in Häusern, die aussehen, als wohnte eine Familie darin und in den Zimmern schnalzt eine hausgemachte Dosenmaschine, wenn sie die Dosen schließt. Diese Produkte werden die vom Staat hergestellten ersetzen, sie werden diesem Großen Boss die unfairste Konkurrenz sein, die es geben kann und außerdem werden sie einen Großteil der Kunden hereinlegen. Ein verworrenes Netzwerk des Fälschens und Wiederverkaufens, das das gestörte System der Zentralisierung untergräbt und die Verdienste auf Tausende von privaten Geldbeuteln umleitet.
Er hatte jede Sorte von Büchern repariert, von Bibeln bis zu Wiegendrucken mit Blättern, die schon fast zu Staub zerfielen. Er war sehr gut darin, herausgerissene Seiten wieder an ihren Platz zu fügen, die Buchdeckel zu reparieren und sie mit einer chemischen Lösung zu tränken, die die Druckerschwärze wieder hervortreten ließ. Durch seine Hände waren Manuskripte des neunzehnten Jahrhunderts gegangen, Erstausgaben der Werke von José Martí und sogar einige Exemplare der Verfassung von 1940. Allen gab er die Eleganz zurück, die sie einmal besaßen und während er sie restaurierte, las er in ihnen, wie der Arzt, der sich in die Seele eines Patienten vertiefen will, dessen innere Organe er schon sehr gut kennt.
Noch nie hat er jedoch ein Buch gesehen wie das, was ihm an jenem Nachmittag Ende der achtziger Jahre gebracht wurde. Wegen seiner Größe und Dicke schien es ein Rezepturbuch eines Apothekers zu sein, aber es enthielt keine chemischen Formeln oder Medikamentenbezeichnungen, sondern es war voller Denunziationen. Es war die minuziöse Auflistung von allen Berichten, die die Angestellten eines Betriebes über ihre Arbeitskollegen gemacht hatten. Ohne sich über ihre Indiskretion klar zu sein, gab die Sekretärin diese Ansammlung von Denunziationen zur Reparatur, der Buchdeckel war abgeschabt und mehrere Bögen hatten sich gelöst. Und so gelangte jenes unschätzbare Zeugnis des Verrats in Papierform in die Hände des beharrlichen Bibliothekars.
Wie bei der Handlung der „Gefährlichen Liebschaften“ konnte man in einem Teil lesen, dass Alberto, der Personalchef beschuldigt worden war, firmeneigenes Material nach Hause mitgenommen zu haben. Wenige Seiten danach war es der Verratene selbst, der berichtete, dass die Putzhilfe im Speisesaal konterrevolutionäre Ausdrücke benutzt habe. Die Denunziationen gingen über Kreuz und woben ein reales und abscheuliches Bild, wo jeder jeden ausspioniert. Die Buchhalterin Maricusa verkaufte nach Angabe ihrer Arbeitskollegin vom Büro aus stückweise Zigaretten, aber wenn sie nicht mit dieser illegalen Tätigkeit beschäftigt war, widmete sie sich der Meldung, dass die Betriebsleiterin eine Stunde vor Betriebsschluss wegging. Es wurde mehrere Male erwähnt, dass der Mechaniker außereheliche Beziehungen mit der von der Gewerkschaft habe, außerdem trugen mehrere Berichte über die Köchin seine eigene Unterschrift.
Bei Beendigung der Lektüre konnte man nur großes Mitleid empfinden mit diesen „Darstellern“, die sich dazu verpflichtet fühlten, ein boshaftes und unaufrichtiges Intrigenspiel aufzuführen. So kam es, dass der Restaurateur das Buch sehr schnell zurückgab, nachdem er die schlechteste Arbeit gemacht hatte, die seine Hände je ausgeführt hatten. Auch heute noch denkt er unaufhörlich an die Namen, Berichte und Beschuldigungen, die sich auf jenen Seiten noch weiterhin all diese Jahre lang angesammelt haben.
Mit einem hautengen T-Shirt und gegeltem Haar bietet er seinen Körper an, die Nacht für nur zwanzig konvertible Pesos. Sein Gesicht weist die vorspringenden Backenknochen und schmalen Augen auf, die so oft unter denen zu finden sind, die aus dem Osten des Landes kommen. Er bewegt die ganze Zeit seine Arme mit einer Mischung aus Laszivität und Unschuld, die einmal Mitleid, einmal Begehren hervorruft. Er gehört zu der umfangreichen Gruppe von Kubanern, die sich ihren Lebensunterhalt mit dem Schweiß ihres Beckens verdienen und Sex an Ausländer und Einheimische verkaufen. Ein Gewerbe der schnellen Liebe, der kurzen Zärtlichkeiten, das auf dieser Insel in den letzten zwanzig Jahren beträchtlich gewachsen ist.
Havanna hat manchmal etwas von einem Bordell, vor allem wenn man durch die Montestraße bis zur Kreuzung mit der Cienfuegosstraße geht. Junge Frauen in auffälliger, aber ein wenig verwaschener Kleidung bieten ihre „Dienste“ an, besonders bei Einbruch der Nacht, wenn das Elastan nicht so ausgeleiert aussieht und die Ringe unter ihren Augen nicht so dunkel wirken. Das sind Frauen, die nicht konkurrieren können, wenn es darum geht, einen Manager oder einen Touristen abzuschleppen, der sie in ein Hotel mitnimmt und ihnen am nächsten Tag ein Frühstück mit Milch anbietet. Sie benutzen kein Markenparfum und sie vollziehen ihr Geschäft im engen Zimmer eines Solars* oder auf einem Treppenabsatz. Sie handeln mit Seufzern und tauschen ihre Zuckungen gegen Geld.
Diese Männer und Frauen, die mit der Lust Handel treiben, vermeiden es, den Uniformierten, die die Gegend überwachen, zu begegnen. Einem von ihnen in die Hände zu fallen, könnte eine Nacht in der Arrestzelle bedeuten oder für diejenigen, die sich illegal in der Stadt aufhalte, die Abschiebung in ihre Heimatprovinz. Alles kann sich anders regeln lassen, wenn der Polizist auf das Angebot eines Oberschenkels eingeht und beschließt, die Verwarnung für einige kurze Minuten der Intimität fallen zu lassen. Einige Ordnungshüter werden regelmäßig zurückkommen, um ihren Lohn einzufordern, in Geld oder in Dienstleistung, für die Erlaubnis, dass diese nächtlichen Wesen weiterhin an den Ecken stehen dürfen. Wenn sie es ihm verweigern, kann das dazu führen, dass die Frauen in einem Umerziehungslager für Prostituierte landen, und dass die Männer einer Straftat vorkrimineller Gefährlichkeit angeklagt werden.
So schließt sich der Kreis des bezahlten Sexes in einer Stadt, wo ehrbare Arbeit eine Reliquie aus dem Museum ist und die Notlage viele dazu bringt, auf ihren Körper zu setzen und andere anzumachen in Erwartung eines Angebots.
Anm. d. Ü.
Solar*: typisch für Havanna Centro. Das sind schnell errichtete, meist illegale Zimmer um einen Hof oder innerhalb eines großen baufälligen alten Hauses. In jedem Zimmer wohnt eine ganze Familie. Toilette ist für alle auf dem Hof. Die Solares bilden immer einen Mikrokosmos innerhalb des Viertels, sie sind praktisch wie eine kleine geschlossen Favela mitten in der Stadt.
Foto: Zeit des Glaubens, der Zustimmung und der Betreuung von Wahlurnen
Welch weiten Weg habe ich zurückgelegt, angefangen von der Pionierin, die sich um Wahlurnen kümmerte, bis zur Erwachsenen mit mehreren Jahren der Wahlenthaltung hinter sich. Meine Schwester und ich gingen in unseren Schuluniformen an den Wahlsonntagen hin, um jedes Mal martialisch zu grüßen, wenn jemand den Wahlzettel in den Schlitz schob. Ich erinnere mich an mindestens drei Gründe für meine Teilnahme an jenen Wahlen: wir glaubten noch daran, dass die Macht des Volkes eine Macht war; es war nicht möglich, „nein“ zu sagen, wenn die Lehrerin mit all ihrer Autorität uns dazu aufrief und außerdem wurde an diesen Tagen ein sehr leckeres Käsebrötchen verteilt. Ich versäumte wirklich keinen einzigen dieser Tage, da sie uns mitten in der so strengen Nahrungsrationierung auch einen Fruchtsaft im wachsbeschichteten Becher gaben, den man sonst nie zu probieren bekam.
Mit dem Eintritt der Neunziger Jahre wuchsen viele von uns kindlichen „Wächtern“ der Wahlen zu Jugendlichen heran, die Wahlzettel durch Sätze mit Ausrufungszeichen ungültig machten. Ich erinnere mich noch daran, als ich das erste Mal den Holzkasten betrat, entschlossen das Stück Papier dort zu beschmieren, wo wir unser Kreuz bei „alle wählen“ setzen sollten. Eine Nachbarin warnte mich, ich solle bloß nicht auf die Idee kommen, eine politische Parole zu schreiben, anstatt ein fügsames Kreuz neben die Namen zu setzen, da jeder Wahlzettel eine Identifikationsnummer habe. „Sie werden wissen, dass du es warst“, versicherte sie mir und führte zur Bestätigung einige Geschichten von Leuten an, die gemaßregelt wurden, weil sie etwas Ähnliches getan hatten. Aber es gibt bestimmte Momente im Leben, da spielen Schelte oder Strafe keine Rolle mehr.
Später stellte ich fest, als ich die Zahl der Freunde und Angehörigen, die ihre Wahlzettel ungültig gemacht hatten, zusammenrechnete, dass sie proportional nicht mit den Ziffern im Einklang standen, die im Fernsehen bekannt gegeben wurden. Entweder die Leute logen, die behauptet hatten, ein Graffiti anstelle ihrer Zustimmung abgegeben zu haben, oder die offiziellen Statistiken stimmten nicht mit der Wirklichkeit überein. So wechselte ich zur zweiten Phase der Verdrossenheit, und ich übernahm die Position von Leuten, die das Vertrauen in das Wahlverfahren für einen Kandidaten der Volksversammlung total verloren hatten. Daher kommt es, dass ich jetzt an Wahlsonntagen zu Hause bleibe. Ich weiß nicht, ob sie immer noch Käsebrötchen an die Kinder verteilen, die die Wahlurnen bewachen, aber ich weiß, dass man sie an die Türen der Säumigen klopfen lässt mit der Aufforderung, zur Wahl zu gehen. Vielleicht – wenn alles so bleibt- werden einige von ihnen, 16 Jahre alt, den Rotstift nehmen, um ihren Wahlschein zu bekritzeln, oder sie werden sich -genau wie ich- der Stimmenthaltung als Form des Protestes bedienen.
* Ein Ausspruch Fidels im ersten Jahr der Revolution, mit dem er auf die Forderung nach Präsidentenwahlen im Land reagierte.
Gestern Abend besuchte mich ein Freund, der in Las Villas lebt. Um in die Hauptstadt zu kommen, muss er erst die Transportprobleme lösen und den ihn umgebenden Bewachungsring überwinden. Er erzählte mir, er sei vor einigen Monaten festgenommen worden und man habe ihm das Handy einige Stunden lang weggenommen, bis ein schlecht gelaunter Polizeibeamter mit dem kleinen Nokia in der Hand erschienen sei. „Jetzt hast du wirklich Probleme“ wiederholte der Oberleutnant der Staatssicherheit immer wieder, der ihn in jener Polizeistation festhielt. Der Grund für diese alarmierende Botschaft war, dass in seiner Telefonliste ein Eintrag unter der Bezeichnung Twitter mit einer Nummer von Großbritannien* stand.
“Keiner kann dich mehr vor 15 Jahren Gefängnis retten“, drohte ihm der Polizist und bekräftigte, es sei ein enormes Verbrechen, jemandem mit einem so seltsamen Namen, der außerdem so weit entfernt wohnt, eine SMS zu schicken. Er weiß nicht, dass der Weg, unsere Tweets in den Cyberspace zu schicken, einfach darin besteht, bloße Textbotschaften über einen Mobilfunkdienst zu versenden. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass unsere kurzen Texte, anstatt in die Hände eines Mitglieds des britischen Geheimdienstes, zu diesem blauen Vogel gelangen werden, der mit ihnen durch den Cyberspace fliegt. Es ist richtig, dass es sich um einen Blindflug handelt und dass wir keine Antworten oder Leserkommentare lesen können, aber wenigstens erzählen wir in 140 Zeichen etwas von der Insel.
Da sie immer an konspiratives Verhalten, Agenten und Verschwörungen denken, haben sie noch nicht kapiert, dass die Technologie jeden Bürger inzwischen zu seinem eigenen Verbreitungsmedium gemacht hat. Es sind nicht mehr die ausländischen Korrespondenten, die eine bestimmte Nachricht vor den Augen der Welt verbreiten, sondern es sind unsere Cyberspace-Flüge mit Twitter, die immer mehr zu Informationsquellen werden. Mein Freund erzählt es mir auf seine Weise:“ Yoani, als wir nach Havanna kamen, hatten wir eine große Operative hinter uns. Ich verfasste schon im Vorfeld eine SMS, um darauf aufmerksam zu machen, falls sie uns verhaften.“ Vielleicht war es das glänzende Display von Nokia oder die Überzeugung, dass zwischen Verfolgtem und Verfolgern etwas Neues passiert, was verhinderte, dass sie ihn in einen Streifenwagen steckten. Wenn sie ihn abgefangen hätten, hätte ein kurzer Tastendruck seinen Schrei im Netz verbreitet und das berichtet, wozu die internationale Presse Stunden gebraucht hätte, um es in Erfahrung zu bringen.
Ich verabschiedete ihn an der Tür und er hielt sein Handy in der Hand wie eine sanft leuchtende Taschenlampe. Ein bereits vorbereiteter Text im Ordner „Entwürfe“ würde ihn vor den Schatten schützen, die auf ihn dort unten warteten.
* Unter den Diensten, die Twitter anbietet, gibt es auch die Möglichkeit für diejenigen unter uns, die keinen Zugang zum Internet haben, via SMS etwas zu veröffentlichen. Das geschieht über eine Servicenummer, an die man die Nachrichten schickt, die dann sofort im Posteingang des Nutzers erscheinen.
Aufmerksame Augen, ein Trommelfell, spezialisiert auf das schlüpfrige Geräusch beim Abzweigen von Ressourcen und braune, beinahe erdbraune Uniformen. Das sind die „Braunen“, ein regelrechtes Heer von Inspektoren, die in den Betrieben darüber wachen, dass nicht das wenige, was uns bleibt, noch durch Diebstahl entwendet wird. Sie funktionieren wie ein Schutzcorps, das aber nicht der Verwaltung der Firma unterstellt ist, wo man sie anstellt. Wie Soldaten gehorchen sie einer höheren Struktur von Anordnung und Befehl. Im Gegenzug bekommen sie ein besseres Gehalt, einige Kilogramm Hühnchen jeden Monat und diese appetitliche Zwischenmahlzeit, die sie auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen. Sie bilden die neue Truppe von Wirtschaftsprüfern, in einem Land, in dem die Angestellten nicht an ihrem Verdienst gemessen werden, sondern an dem, was sie für den Schwarzmarkt abzweigen können.
Diese Kontrolleure verbleiben nur für kurze Zeit in jedem Betrieb, um zu vermeiden, dass sie irgendwelche Beziehungen mit den Angestellten eingehen und in die Fesseln der Korruption geraten könnten. In den Tabakfabriken sollen sie die Dreher überprüfen, damit sie nicht unter ihrer Kleidung Blätter oder fertig gedrehte Zigarren hinausschmuggeln. In der Firma Suchel der Gemeinde Cerro beschäftigen sie sich damit, in den Taschen der Arbeiter nach Extrakten von Schampons und Parfums zu suchen. Mitten auf der Landstraße überprüfen sie, ob jeder Buspassagier eine gültige Fahrkarte hat und bei Río Zaza sollten sie verhindern, dass Milchtüten und Tomatenkonzentrat das Gelände illegal verließen. Darauf trainiert, Siegel zu überprüfen, Schlösser zu schließen und die Produktbestände in einem Lager aufzulisten, gelang es ihnen dennoch nicht, die dauernden Abzweigungen zu stoppen. Die Aufgabe, Sphären von Effizienz und Kontrolle zu schaffen, scheint auf einer Insel unmöglich, wo es zur Überlebensstrategie gehört, den Staat zu bestehlen.
Das Problem ist, dass die Regierung zwar weiß, dass die Leute in jedem Betrieb klauen, aber auch begreift, dass ein Klima höchster sozialer Spannungen entstehen würde, schlösse man alle Möglichkeiten zur Unterschlagung. Vor den Warenabzweigungen die Augen zu verschließen, war bis jetzt eine Methode, die Gesetzesbrecher ruhig zu halten, damit sie nicht auf andere, öffentlichere Weise ihre Unzufriedenheit kund taten. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sich dessen bewusst, dass sie durch Zustimmung und Schweigen verhindern, dass ihr Leben durchleuchtet wird und der illegale Broterwerb, von dem sich ihre Familie ernährt, ans Licht kommt. Die Duldung der Veruntreuung war viele Jahre lang eine effiziente Währung im Austausch gegen Fügsamkeit. Daher rühren die Schwierigkeiten, sie auszurotten, ohne das eigene System in die Luft zu jagen. Die „Braunen“ werden nicht vermeiden können, dass auch weiterhin Ressourcen abgezweigt werden, denn die Korruption ist der Lebenssaft, der im Grunde auch die Leute ernährt, die heute Heerscharen von Wirtschaftsprüfern auf die Straße schicken.
PS: Ich empfehle, den Artikel von Esteban Morales „Korruption: Die wahre Konterrevolution?“ zu lesen.
Anm. d. Ü.
* Bei der Überschrift handelt es sich offensichtlich um eine Sprachspielerei. Yoani spielt auf den römisch-katholischen Karmeliterorden an, der sich im 16. Jahrhundert in beschuhte und barfüßige (Bettelorden) Karmeliter spaltete. Zugleich heißt carmelitas in Kuba “die Braunen”.
Caridad könnte auf einer Landkarte die Provinz Sancti Spiritus nicht finden, wo die Firma liegt, die der Chilene Max Marambio leitete. Sie ist aber bestens informiert über all die Gerüchte zur Schließung der Firma und zu deren Korruptionsskandalen. Sie hat gelernt, Auslassungen in der Presse richtig zu deuten und die Wiederholung von bestimmten Themen als Versuch zu lesen, andere interessantere zu vertuschen. Deswegen gibt sie sich nicht mit der von Zucker umhüllten Pille zufrieden, die ihr die nationale Berichterstattung verabreicht. Dieser vierzigjährigen Frau aus Havanna haben die Gerüchte, die in den letzten Wochen auf der Straße zu hören waren, ein Sprichwort wieder in Erinnerung gerufen, das sie hartnäckig wiederholt: „Wenn der Fluss rauscht, bringt er Steine.“ Ausgerechnet der Name der Fabrik Río Zaza ist fortwährend in den Gesprächen zu hören, obwohl die Staatszeitung Granma nur in einer kurzen Notiz über den Tod ihres Generaldirektors Roberto Baudrand die Tatsache erwähnte, dass die Firma Ziel einer Untersuchungskommission ist.
In den Journalistenakademien sollten bestimmte Lektionen durchgenommen werden. Eine davon, die wir Kubaner nach langem Lesen zwischen den Zeilen verinnerlicht haben, lautet, dass das Verheimlichen einer Nachricht das Interesse für sie erst richtig entfacht, und Mutmaßungen und Spekulationen über Einzelheiten Vorschub leistet. Zur Zeit sind wir dazu aufgerufen, an Aktionen zur neuerlichen Bestätigung des revolutionären Prozesses teilzunehmen und eine Medienkampagne gegen Kuba zu verurteilen, von der bis jetzt kein einziges Dokument veröffentlicht worden ist. Deshalb hegen wir alle die Vermutung, dass sie mit diesem großen Trara irgend etwas Wichtiges verbergen wollen. Die hinausgeschobene Bestätigung, dass irgendetwas in dieser Joint Venture Firma passiert ist, hat bewirkt, dass die ausländische Presse, unabhängige Journalisten und wir Blogger das Thema den offiziellen und unter staatlicher Kontrolle stehenden Reportern entrissen haben. Sie müssen Loblieder singen und dürfen nichts vom Schmutz unter dem Teppich erzählen.
Caridad hatte recht mit dem Rauschen, mit dem Bach, der zu einem donnernden Strom anschwoll. Hinter dem Schweigen und den Ablenkungen verbirgt sich etwas, was gewaltig stinkt. Es riecht nach grünen Scheinen, nach Unterschlagungen, es birgt den Gestank nach Korruption, die nicht mehr nur an einer Stelle zu lokalisieren ist, sondern systemimmanent ist. Die Heerscharen von Wirtschaftsprüfern, die in den nächsten Tagen ausschwärmen werden, können dieses Ausbluten nicht aufhalten. Sie bräuchten noch einmal so viele Leute, um die Inspektoren zu überprüfen, die Wächter zu bewachen, die Kontrolleure zu kontrollieren. Die Steine, die der Fluss bringt, sind zu zahlreich und riesig, wir alle hören sie hinter den Parolen rumoren.
Foto: Mir gefallen große Sachen, denn die sieht man schon von weitem.
Immer wieder, quasi als Endlosschleife, werden bei uns Maßnahmen angekündigt, die unsere Wirtschaft beschleunigen sollen. Dieses Mal heißt es „Reduzierung von aufgeblähten Belegschaften“*, obwohl sich diese Aktion aus der Sicht der Leute, die ihren Arbeitsplatz verlieren werden, mit einem Wort zusammenfassen ließe, nämlich „Arbeitslosigkeit“. Lange Reportagen im Fernsehen zeigen, dass das Problem mangelnder Effizienz auf die personelle Überbesetzung in Büros, Fabriken und sogar Krankenhäusern zurück zu führen ist. Jeder Arbeitstag soll mit Inhalt gefüllt werden, um Müßiggang zu vermeiden, sagt man uns in den Medien, als ob diese so elementare Grundregel erst vor ein paar Wochen entdeckt worden wäre.
Einige Wirtschaftswissenschaftler warnen davor, dass die Zahl der Arbeitslosen auf mehr als 25 % steigen würde, wenn man all die Leute, die in ihrer Funktion überflüssig sind, nach Hause schickt. Jeder vierte Arbeiter könnte entlassen werden, um die aufgeblähten Betriebe zu sanieren, denn das Land hat nicht die Mittel, inaktive Arbeitskräfte weiterzubezahlen. Eine so große Zahl von Unbeschäftigten würde einen Anstieg von sozialer Unzufriedenheit mit sich bringen. Hundert Tausende von Personen sähen sich veranlasst, illegale Geschäfte zu betreiben. Am Ende greift man auf den Trick zurück, schlanke Belegschaften zu präsentieren, um die Beschäftigungsstatistiken zu manipulieren. Ich überlege, was in diesen staatlichen Institutionen voller Bürokraten passieren würde oder was mit der umfangreichen Liste all der Leute geschähe, die für die Staatssicherheit arbeiten. Gäbe es bei ihnen auch eine Reduzierung der Belegschaft? Wenn ich die wachsende Zahl von Polizisten in Zivil durch die Straßen streifen sehe, dann glaube ich, man sollte bei ihnen anfangen, den so großen Exzess zu beseitigen. Um den schönen Schein zu wahren, wird man wohl die Leute, die außen vor bleiben, nicht Arbeitslose nennen, sondern man wird sie mit der gewissen Subtilität, die schon bei anderer Gelegenheit oft zur Anwendung kam, so etwas wie „Ersatzleute“ oder „Menschen zwischen zwei Jobs“ nennen.
Wenige Tage vor den Festivitäten zum ersten Mai sehen sich viele Kubaner der Gefahr ausgesetzt, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Dennoch bin ich mir sicher, dass wir bei dem Aufmarsch auf der Plaza kein einziges Plakat sehen werden, das eine abweichende Meinung zeigt oder eine Kritik angesichts der Personalreduzierung. Der Präsident der Kubanischen Arbeitergewerkschaft (CTC) selbst sagte, die Versammlung der Arbeiter diene dazu, ihre Unterstützung des revolutionären Prozesses von neuem zu bekräftigen und die so genannte Medienkampagne gegen Kuba zu verurteilen. Die einzige legale Gewerkschaftsgruppierung des Landes zeigt so ihre Funktion als Orientierung gebende Übermittlerin zwischen Machtausübenden und Arbeitern, aber trägt keine Forderungen in umgekehrter Richtung. Wir werden sie vor der Tribüne vorbeiziehen sehen, kurz davor, ihre Arbeit zu verlieren, aber sie werden ein Transparent mit Schmähparolen gegen die Europäische Union und die Vereinigten Staaten tragen. Keiner wird diesen Tag als Chance nutzen können, um echte Forderungen zu stellen, als Zusammenkunft, um vom großen Boss, d. h. dem Staat, zu verlangen, ihn nicht auf die Straße zu setzen.
Anm. d. Ü.
* In der Planwirtschaft gibt es für jeden Betrieb eine Art Personal-Schablone (Plantilla), die genau vorschreibt, welche Arbeitsplätze dieser Betrieb belegen kann. Jedes Abweichen von der Vorschrift bedarf der Genehmigung durch eine höhere Instanz.
Nach Erfolg zu streben bedeutete für Kubaner meiner Generation an einer schrecklichen ideologischen Verwirrung zu leiden, gleichgültig ob man sich im persönlichen Bereich hervortun wollte, oder im beruflichen und wirtschaftlichen Umfeld. Man erzog uns dazu, bescheiden zu sein und man legte uns die Regel auf, bei Entgegennahme irgendeiner öffentlichen Anerkennung selbstverständlich hervorzuheben, dass es ohne die Hilfe der uns umgebenden Genossen unmöglich gewesen wäre, ein solches Resultat zu erzielen. Genau so verhielt es sich mit dem simplen Besitz eines Gegenstands, mit dem Genuss einer Bequemlichkeit oder mit dem „ungesunden“ Streben nach Erfolg.
Die Neigung, sich mit anderen messen zu wollen, bestrafte man mit einer Etikettierung, die aus unserer Akte sehr schwer wieder los zu bekommen war, nämlich der Anschuldigung „überheblich“ und „unbescheiden“ zu sein. Der Erfolg musste eine gemeinsame Sache sein oder zumindest so erscheinen, Ergebnis der Anstrengung aller unter der klugen Leitung der Partei. So lernten wir, dass man sein Selbstwertgefühl kaschieren und seinem unternehmerischen Enthusiasmus Zügel anlegen musste. Das Mittelmaß hatte in dieser Gesellschaft Hochkonjunktur, die schließlich den mutigsten Individuen die Flügel stutzte, während sie den Konformismus förderte. Das waren die Zeiten, in denen man materielle Besitztümer verbarg, in denen man zeigte, dass wir alle Kinder von aufopferungsvollen Proletariern waren, und behauptete, die Reichen abgrundtief zu hassen.
Einige von ihnen taten so, als ob sie die Gleichmacherei begrüßen würden, aber in Wirklichkeit häuften sie Privilegien an und sammelten Reichtümer, während sie in ihren Reden die Menschen immer wieder zur Genügsamkeit aufforderten. Das waren Leute, die in ihren Autobiografien unaufhörlich sagten, dass sie einer armen Familie entstammten, und dass es ihr Hauptanliegen sei, dem Vaterland zu dienen. Mit der Zeit entdeckten ihre Arbeitskollegen aber, dass sich hinter der Fassade des Asketen jemand verbarg, der Staatsressourcen abzweigte und zunehmend materielle Besitztümer anhäufte. Auch heute noch sitzt die Maske der Bescheidenheit auf ihren Gesichtern, obwohl ihre massigen Bäuche genau das Gegenteil besagen.
Ausgerechnet gestern, am Vorabend der Präsentation einer Zusammenstellung meiner Texte unter dem Titel „Cuba Libre“ in Chile, erreichte mich ein Informationsschreiben der Zollbehörde der Republik. Darin bestätigte man mir die Konfiszierung der zehn Exemplare meines Buches, die über DHL verschickt worden waren. Man erklärte mir in den altertümlichen und kurzen Worten der Bürokratie:
Bei der physischen Untersuchung des Päckchens wurde eine Dokumentation entdeckt, deren Inhalt gegen die allgemeinen Interessen der Nation verstößt, weswegen es der Beschlagnahmung zugeführt wird in Übereinstimmung mit der geltenden Rechtssprechung.
Ich versuche mir die Szene vorzustellen, wie die “Spezialisten” hin und herüberlegen, ob man es erlauben solle oder nicht, dass das Buch die Grenzen dieser Insel passiert und in meine Hände gelangt. Würden sie auf seinen Seiten nach irgendeinem obszönen Bild suchen, das gegen die Moral verstoßen könnte? Sie fanden ganz gewiss keines zwischen den Fotos von Propagandatafeln mit politischen Parolen, von morschen Eingeweiden eines verlassenen Automobils und von kubanischen Flaggen, die auf einem Markt zu sehen sind, wo die nationale Währung nicht gilt. Letzteres könnte obszön erscheinen, aber das ist nicht meine Schuld.
Sollten es eifersüchtige Doktoren der Grammatik gewesen sein, die die Sätze von Cuba Libre durchschnüffelten, vielleicht auf der Suche nach einem Fehler oder einer falsch gebrauchten Verbalzeit? Handelte es sich zufällig um militärische Analytiker, die zwischen den Abschnitten meiner Chroniken nach verborgenen Codes forschten, nach Enthüllungen über die Wirtschaft oder geheimen Dokumenten der Staatssicherheit? Nichts davon haben sie gefunden, nicht einmal das Rezept zur Herstellung von Guarapo, dieses fast ausgestorbenen Nationalgetränkes, das man erhält, wenn man Zuckerrohr auspresst.
Ich gebe mich mit der Vorstellung zufrieden, dass die Leute, die verhinderten, dass die spanische Version meiner Texte Hunderte meiner Freunde erreichten, unter denen sie zirkulieren sollten, einfach nur einige Uniformierte mit mehr Disziplin als Lesefähigkeit waren. Wahrscheinlich erhielten sie Anweisungen von den Lauschern, die ständig mein Telefon überwachen; sie könnten sie vielleicht sogar davor gewarnt haben, den Inhalt zu lesen. Wenn drei Jahre der Veröffentlichung im Cyberspace nur dazu gedient hätten, dass meine Stimme bis zu diesen fürchterlichen Zensoren vordringt, dann wäre das für mich schon ein hinreichender Grund, zufrieden zu sein. Etwas von mir verbliebe in ihnen, ebenso wie ihre repressive Anwesenheit meine Chroniken geprägt hat, sie dazu angestoßen hat, den Sprung in die Freiheit zu wagen.
Foto: Nur Beine zum Marschieren, weder Gesichter noch Hände
Die wichtigste Versammlung der Union der Jungen Kommunisten (UJC) ging in Havanna zu Ende, aber ihr großer Bruder, die Partei gibt das Datum, an dem sie ihren sechsten Kongress feiern wird, immer noch nicht bekannt. Raúl Castro behauptete Anfang 2009, dass er in Kürze eine nationale Konferenz der PCC zusammenrufen werde, aber dieser Tage kann sie niemand im Zeitplan ausfindig machen. Die UJC ist ihr dann vorausgeeilt und hat sich im Palast der Konventionen versammelt und Themen diskutiert, die fruchtbare Auseinandersetzungen ermöglicht hätten, wenn sie in einem Rahmen von wechselseitigem Respekt stattgefunden hätte.
Unter dem Motto “Alles für die Revolution” beobachteten Hunderte von jugendlichen Gesichtern den Tisch des Vorsitzes, der gefüllt war mit Funktionären, die schon mehr als sechs Jahrzehnte ihres Lebens vollendet hatten. Die alte Generation befand sich nicht dort, um den Jüngsten zu sagen: „Das Land gehört auch euch, jetzt seid ihr dran, die Richtung zu bestimmen“, sondern sie forderte sie zum Opfer auf, sie ermahnte sie wegen der geringen Kampfeslust und wollte ihnen einen Pakt der Kontinuität und der ewigen Treue abringen. Das ist die Art von Aktionen, die eine politische Partei gegenüber ihrer Basis an den Tag legt, aber im Falle Kubas handelt es sich um die einzige gesetzlich erlaubte Jugendorganisation. Es ist bemerkenswert, dass in einem Alter, in dem wir die unterschiedlichsten Posen einnehmen und die unglaublichsten Fahnen verteidigen, unseren Jugendlichen nur die aktive Mitgliedschaft mit der roten Kennkarte erlaubt ist. Viele von ihnen würden unter freieren Umständen die Reihen in einer ökologischen Gruppe vergrößern, sie würden sich einem Streikposten von Gewerkschaftsaktivisten anschließen oder sie würden sich einreihen, um das Ende des verpflichtenden Militärdienstes zu fordern.
Wer heute einen Teil der UJC bildet, wurde geboren, als die Sonderperiode schon begonnen hatte, sie fanden kein Spielzeug in den Läden der rationierten Produkte vor und sie bekamen Milch auf legale Weise nur bis sieben. Sie wuchsen dank des Schwarzmarktes heran und sie trugen Schuhe, weil ihre Eltern Staatsressourcen abzweigten oder weil sie einen Verwandten im Exil um Hilfe baten, damit sie welche kaufen konnten. Es handelt sich um eine Generation, die mitten in der touristischen Apartheid aufgewachsen ist, welche es den Kubanern verbot, Hotels zu betreten oder bestimmte Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen; Kinder, die mit leeren Parolen in den Schulen aufwuchsen und mit Worten des Überdrusses zu Hause. Trotz ihres Versprechens der Loyalität habe ich den Verdacht, dass sie der Vergeltung zuneigen, dem Moment, wo sie all die Versprechen, die sie den Erwachsenen gegeben haben, brechen werden.
Vor zwanzig Jahren begannen sich unsere Straßen mit Fahrrädern zu füllen und von Autos zu leeren. Das war keine Mode, um die Umwelt zu schützen oder den Körper zu trainieren, sondern die direkte Folge des Endes der sowjetischen Unterstützung. Die Erdöllieferung zu Vorzugspreisen aus dem Osten brach ab, der öffentliche Verkehr kollabierte und mein Vater verlor seine Anstellung als Zugmechaniker. Während jener Jahre konnte der Weg zur Arbeit genau solange dauern wie ein halber Arbeitstag und oft reisten wir, indem wir wie Menschentrauben an den Türen der Omnibusse hingen.
Dann kamen nach und nach Ladungen von Fahrrädern aus dem Land des Deng Xiaoping und wurden unter herausragenden Arbeitern und erstrangigen Studenten verteilt. Der Preis für eine verdiente Arbeit oder bedingungslose Ideologietreue war nicht mehr eine Reise in die DDR oder die Auslieferung des neuesten Ladamodells, sondern ein glänzendes Rad Marke Forever. Es tauchten überall Parkplätze auf, wo die leichten Fahrräder vor Dieben geschützt wurden und mein Vater eröffnete eine Reparaturwerkstatt für Reifenpannen. Es erschienen auch einige Neuerungen, man montierte an die Räder Babysitze, Anhänger und vorne Körbe. Sogar Frauen fortgeschrittenen Alters, die nur ungern ihre Beine zeigten, während sie in die Pedale traten, gewöhnten sich schließlich an den Rhythmus der Zeit.
Mit der Dollarisierung der Wirtschaft wurde es hohen Funktionären, Künstlern und im Lande lebenden Ausländern erlaubt, ihre eigenen Autos einzuführen, während die Touristen einen Peugeot oder einen Citröen mieten konnten. So erlebten die Straßen von neuem das beständige Rollen der Reifen. Die Zahl der Fahrräder ging zurück, weil keine Boote mehr ankamen, die mit ihnen beladenen waren, die Ersatzteile wurden rar und die Kubaner wurden es müde, überall hin zu radeln. Eine leichte Verbesserung bei den Busstrecken brachte viele dazu, sich ihres rollenden Kameraden zu entledigen, als ob sie sich mit dieser Geste von der Krise befreien würden.
Mehr als ein Jahrzehnt lang zeigte die Ecke zwischen den Straßen Infanta und Manglar den unvollendeten Rohbau eines Gebäudes von zwanzig Stockwerken. Seine Vollendung war mit dem Eintritt der Sonderperiode und mit dem Ende jenes Konstruktionskonzepts, das „Mikrobrigaden“ hieß, ins Stocken geraten. Die Leute, die damals begannen, die Fundamente zu legen mit der Illusion, einmal ein Appartement in der hoch aufgeschossenen Immobilie zu bekommen, tobten in ihrer Machtlosigkeit, als ihnen verkündet wurde, dass ihr Bau nicht fortgesetzt werden könne. Sie hatten Jahre ihres Lebens hingegeben für den Aufbau der Mauern und plötzlich entglitt ihnen das ersehnte Zuhause mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der die sowjetischen Techniker die Flugzeuge bestiegen, um in ihre Heimat zurückzukehren.
Mit seinen zwanzig unvollendeten Stockwerken, noch umgeben von Resten von Baumaterialien wurde der Bau eine von diesen neuen Ruinen, die unsere Stadt verschandeln. Die enormen Wohnungsprobleme bewirkten, dass viele planten, sie illegal zu besetzten, nur, um nicht weiter in Herbergen für die Geschädigten von irgendwelchen weit zurückliegenden Zyklonen zubringen zu müssen. Der Platz war jedoch gut bewacht, da in irgendeinem Büro schon ein Plan köchelte, um die Arbeiten wieder aufzunehmen und die Appartements zu übergeben. Die Nachbarn sahen die Kräne zurückkehren, die Lastwagen mit Zement und einige Bauarbeiter, die nach der Einweihung nicht dort wohnen sollten. Anstelle der ursprünglichen Mitglieder der Minibrigaden würden die Eigentümer nun nach ihren politischen, künstlerischen oder journalistischen Verdiensten ausgewählt werden. Wir alle verstanden worum es ging: das Gebäude von Infanta und Manglar sollte den Treuesten übergeben werden.
Mitten in der Medienkampagne zur Rückführung von Elián González nach Kuba, stachen einige Stimmen hervor, die ihre Begeisterung gleich mit dem Schlüssel zu einer neuen Wohnung entschädigt sahen. Der Volkswitz taufte das Gebäude in Cerro schließlich „Ruhm und Applaus“, in Anspielung auf eine Fernsehsendung, denn es begann sich mit Sängern, Regisseuren, Karikaturisten, Ministern, Reportern und Schauspielern zu füllen. An der Schlacht der Ideen* teilzunehmen hatte schon ein konkretes Ergebnis, nämlich ein Aussichtsfenster mit dem Blick auf das ärmste Viertel von San Martín genießen zu können. Viele veranlasste die Aussicht, endlich eine eigene Wohnung bekommen zu können, sich noch mehr der offiziellen Linie zu verpflichten, und die bedingungslose Ideologietreue ihres öffentlichen Erscheinungsbildes steigerte sich noch um einige Grade. Unten füllte sich der beleuchtete Parkplatz schnell mit modernen Autos, die kamen, um die schon beträchtlichen Pfründe noch zu vervollständigen.
Die Augen, die aus den einfachen angrenzenden Behausungen hervorspähen, staunen immer noch darüber, dass das ruinöse Gebäude von einst jetzt dieser Block ist, frisch gestrichen mit Sonnenschutzfenstern und mit berühmten Gesichtern, die aus jedem Fenster herausschauen.
* Die sogenannte Schlacht der Ideen war ein entscheidender Moment in der ideologischen Propaganda, die mit dem Fall Elián González einsetzte und ihr Ende schon vor einigen Jahren fand, ohne dass die offizielle Presse das verkündete. Sie verschlang enorme wirtschaftliche Ressourcen für die Mobilisierung der Teilnehmer von Offenen Foren, für die Herstellung von T-Shirts mit politischen Slogans und für die Organisation von Märschen zur revolutionären Bestätigung.
Das ist nicht die Chronik einer Frau, die es schafft, ihrem Ehemann, der sie schlecht behandelt, zu entfliehen, noch die Geschichte eines Jugendlichen, der seinen autoritären Eltern wegläuft. Die Überschrift bezieht sich auf einen anderen Prozess der Emanzipation, auf die lästige und feudalherrschaftliche Genehmigung, die Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker einholen müssen, um außerhalb dieser Insel zu reisen. Unter dem bezeichnenden Namen „Befreiung“ existiert ein verpflichtendes Procedere, das die Beschäftigten im öffentlichen Gesundheitswesen erfüllen müssen, sei es für eine zeitlich begrenzte oder endgültige Ausreise. In dem Gesuch des möglichen Reisenden wird vermerkt, ob dieser ein eigenes Haus oder Auto besitzt, denn der Staat wird dies konfiszieren, wenn er nicht vor Ablauf von 11 Monaten zurückkehrt. Der Dienstweg durchläuft zahlreiche Ebenen der Genehmigung, die ein Jahr oder ein Jahrzehnt dauern können. Viele erhalten nie eine Antwort.
Mario kümmerte sich um seine Patienten in einer Facharztpraxis und wurde gleich als ein Deserteur eingestuft, als er den Wunsch äußerte, sich mit seiner Familie auf der anderen Seite des Meeres wieder zu vereinen. Sofort musste er als Strafe den Platz eines Allgemeinarztes in einer Bereitschaftspraxis einnehmen, ziemlich weit weg von seinem Zuhause. Er wurde jeden Tag daran erinnert, dass jener Titel, der an der Wand seines Wohnzimmers hing, ihm von dieser Revolution gegeben worden war, die er jetzt verriet. Gezwungen es zu schlucken, ertrug er es fünf Jahre lang, Messerstiche zusammenzunähen und Untersuchungen durchzuführen für diesen Passagierschein, der es ihm ermöglichen sollte, das Land zu verlassen, den der Minister seines Berufzweiges ihm aber noch nicht unterschrieben hatte. „Wir haben viele Fälle, wir werden damit nicht fertig“, wiederholte die Sekretärin ihm gegenüber und seine Ehefrau im Exil brach am Telefon in Tränen aus, als er es ihr erzählte. Seine Kinder wuchsen während dessen an irgendeinem weit entfernten Ort ohne Vater auf.
Das Gefühl der Machtlosigkeit trieb Mario sogar soweit, seiner Mutter Vorwürfe zu machen dafür, dass sie ihn dazu ermutigt hatte, Medizin zu studieren. „Warum hast du mich nicht gewarnt“, schrie er sie eines Nachmittags an, als er seinen weißen Mantel nicht mehr ertragen konnte, der ihm zur Fußfessel geworden war. Als man ihm endlich erlaubte, ein Flugzeug zu besteigen, hatte sich auf seinem Hinterkopf eine runde kahle Stelle abgezeichnet und ein nervöser Tick hatte sich seiner Hände bemächtigt. Der Mann, den sie auf dem entfernten Flughafen willkommen hießen, war nicht mehr der unternehmungslustige Orthopäde von Jahren zuvor, sondern jemand, der entschlossen war, aus dem Krankenhaus auszuscheiden. Der beängstigende Prozess der „Befreiung“ hatte ihm die Lust genommen, ein Knie in Ordnung zu bringen oder einen Knöchel einzurichten; er musste unaufhörlich daran denken, dass dieser Beruf ihn von seiner Familie getrennt hatte.
Es kostete mich Mühe, meine Freundinnen aus den Universitätsvorbereitungskursen zu überzeugen, dass sie mich auf ihren russischen Tonbandgeräten Lieder von Silvio Rodríguez hören ließen. Ich bin in einem Viertel geboren, das vom Rhythmus des Salsa, Rumba und Guaguancó vibrierte, wo die poetischen Bilder dieses Liedermachers nicht sehr gut ankamen. Mir gelang es immer nur, einen Teil von Ojalá anzuhören, bevor eine von ihnen kam, um die Kassette zu wechseln und ein Thema von den Van Van oder von NG La Banda einzulegen. Die offiziellen Medien übertrugen jedoch ständig „Das blaue Einhorn“ und man spekulierte, ob sich hinter der Metapher eine Frau verbarg oder eine von der Wäscheleine gestohlene Jeans.
Genau in dem Moment, als ich anfing, mich für die Kompositionen dieses Troubadours zu begeistern, brach um mich herum alles zusammen. Es kam die Krise, Schläge bildeten die Antwort auf die Verzweiflung des Maleconazo* und die Flöße legten von dem Teil des Meeres ab, den ich durch meine Jalousie sah. Es schockierte, dass so viele weg wollten, während Silvio weiterhin jene Liedzeile sang: „ich lebe in einem freien Land, das nur auf dieser Erde und in diesem Augenblick frei sein kann“. Trotzdem berührten mich die Themen dieses fahrenden Sängers aus San Antonio, besonders jene, die persönliche Seiten anschlugen, denn die von sozialem und politischem Zuschnitt erschienen mir passé. Dann folgte die Universität und es kam das von ihm gesungene Lied „Der Narr“ heraus, wodurch ich ihn schließlich mit dem System, der Regierung, dem Status Quo, „der Sache“, und letztendlich mit der Gruppe an der Macht gleichsetzte.
Erst heute konnte ich die vollständigen Erklärungen lesen, die der Autor von „Für den, der Liebe verdient“ herausgegeben hatte. Die offizielle Presse hat sie nicht gebracht, aber sie gingen durch die ausländischen Medien und gelangten so schließlich zu uns zurück. Seine Worte scheinen jene Verszeile zu verleugnen: „ich sterbe wie ich gelebt habe“, wo er seine Weigerung verkündete, die Veränderungen zu akzeptieren, die wir Kubaner seit Jahrzehnten lauthals fordern. Man hört ihn jetzt in dem kritischen Ton reden, den die Ernüchterung mit sich bringt, aber mit der Vorsicht dessen, der zu viel zu verlieren hat, würde er all seine Ansichten über das nationale Desaster preisgeben. Er weiß, dass er vor unseren Augen „ein Mann von denen da“ ist, eine traurige Abstempelung für einen Troubadour, der in seinen Anfängen die Saiten der Unbeugsamkeit anschlug.
Bei der Herausgabe seiner letzten CD wagte Silvio ein linguistisches Spiel, in dem er das „R der Revolution“ überwinden und an seiner Stelle die „Evolution“ hervortreten ließ. Statt einen neuen Nonkonformisten auszuschließen, ist es besser, ihn in unsere Gruppe aufzunehmen, die wir Öffnung fordern. In diesem Sinne werde ich seinem Reim folgen und den unangenehmen Anfangsbuchstaben von „Repression“ ausstreichen. Mit einer leichten Umwandlung könnte dieses Wort und all das, was an ihm hängt, sich in „Expresión libre“ ( Redefreiheit) verwandeln, die wir so dringend brauchen. Ein sehr sonores „R“ – in dem Namen dessen, der uns regiert – soll auch von der Bühne abtreten und so bald wie möglich anderen Konsonanten unseres vielstimmigen Alphabets Raum geben.
Anm. d. Ü.
* Im August 1994 ereignete sich eine große Protestdemonstration infolge schlechter Lebensmittelversorgung am Malecon in Havanna.
Von der Kunst, Fidel Castro zu überleben
Originaltitel: Cuba libre. Vivere e scrivere all’Avana (Das ist die italienische Übersetzung des spanischen Originals, übersetzt von Gordiano Lupi, die dann ins Deutsche übertragen wurde.)*
Originalverlag: Rizzoli
Übersetzt von Bruno Genzler
Paperback, Klappenbroschur, 256 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
mit zahlreichen s/w Fotos und 12seitigem Farbbildteil
ISBN: 978-3-453-16737-7
Verlag: Heyne
Produktbeschreibungen
Pressestimmen
„Yoani Sánchez beschreibt den grauen Alltag in einer oft poetischen Sprache. Und sie versucht die großen Probleme durchs Prisma kleiner, persönlich erlebter Geschichten zu beleuchten. […] Was sie produziert, ist Literatur sui generis – und Aufklärung im besten Sinn des Wortes.“ (Die Zeit )
„Trotzdem ist der subjektive Blick dieser Frau gefährlicher für das Regime als markige Pamphlete. Denn er registriert den absurden Alltag, in dem man nach fünfzig Jahren der permanenten Revolution angekommen ist, die Zumutung der gepinselten Parolen und Paraden, die sie als ‚revolutionären Kitsch’ bezeichnet, die Lebensmittelknappheit in einem fruchtbaren Land, die verfallenden Wohnungen.“ (Süddeutsche Zeitung )
„Die junge Philologin betrachtet in ihren oft poetischen Miniaturen die Alltagsnöte der Kubaner, anstatt plakative Forderungen zu erheben.“ (FAZ )
Kurzbeschreibung
Kubas bekannteste Kritikerin packt aus – Geschichten einer Generation zwischen Zensur und Zukunft
Auf Kuba gilt sie als Staatsfeindin. Für das „Time Magazine” gehört sie zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt: Mit ihrem Blog “Generación Y” erreicht Yoani Sánchez weltweit ein Millionenpublikum. In “Cuba libre” erzählt sie die Wahrheit über das Leben auf Kuba, spricht offen über Zensur und Beschattung und bietet – fern jeder Reiseführerromantik – Einblicke in eine Welt, wie es sie wahrscheinlich nicht mehr lange geben wird …
Wie lebt es sich in einem der letzten sozialistischen Länder wirklich? Ob absurdes Revolutionstheater, lebenslang kaputte Fahrstühle oder der Kampf um die Lebensmittelration – Yoani Sánchez beschreibt den alltäglichen Wahnsinn in einem Land, das seit Jahrzehnten die Revolution probt und in dem Castros Parolen nach wie vor so präsent sind wie anderswo Coca-Cola-Reklame. Doch gleichzeitig ist klar, dass es früher oder später zu einem politischen Wandel auf Kuba kommen wird. Teils witzig, teils nachdenklich, aber nie ideologisch, spiegelt „Cuba libre” das Gefühl einer ganzen Generation in einem Land am Scheideweg.
Wie jedes Jahr erregt die Nationale Baseball-Liga die Aufmerksamkeit von Millionen Kubanern. „Der Ball“, wie wir es umgangssprachlich nennen, ist seit vielen Jahren unser Nationalsport und es verwundert nicht, dass darüber hitzige Diskussionen in den zentralen Parks auf der ganzen Insel entstehen. Für uns, die wir der Illusion nachgehen, dass sich die Menschen mit wichtigen Themen auseinandersetzen, ist es immer etwas enttäuschend, wenn wir merken, dass die Gruppe von Männern, die leidenschaftlich schrie und gestikulierte, nicht etwa darüber diskutierte, wie man die Dualität unserer Währung abschaffen könnte oder sich über ein ihr genommenes Recht beklagte, sondern nur darüber sprach, ob ein Spielzug richtig war oder welcher der beste Schlagmann unter den Spielern ist.
Aber die wichtigste sportliche Leidenschaft der Kubaner kommt auch nicht ganz ohne Politik aus, besonders, wenn sich ein Baseballstar dazu entschließt, von einer Reise ins Ausland nicht wieder zurückzukommen, oder wenn ein Spieler nicht mit der Mannschaft zu einem internationalen Spiel reisen darf, weil er nicht vertrauenswürdig erscheint und man fürchtet, dass er „desertiert“. Vor kurzem, in einer Begegnung zwischen zwei stark rivalisierenden Mannschaften, fühlte sich ein Spieler beleidigt, weil er dachte, dass der Ball geworfen wurde, um ihn zu treffen. Zur Überraschung der Zuschauer lief er in Richtung des Werfers, seinen Schläger bedrohlich schwingend. Die Spieler standen von der Bank auf, Fans liefen auf das Spielfeld, die Polizei versprühte großzügig Pfefferspray und verteilte Fußtritte und Stockschläge. Und die Kameras, die das Spiel übertrugen, zeigten zur anderen Seite und kein Fernsehzuschauer erfuhr, was geschah… in jenem Moment.
Aber die neuen Technologien ließen nicht zu, dass sich die prüde Zensur durchsetzte. Dutzende Digitalkameras und Handys filmten die Details. Diese Version der Vorkommnisse wurde auf CD gebrannt und auf USB-Sticks kopiert und so unter Tausenden von Personen verbreitet. Und was für tolle Diskussionen hatten wir danach in den Parks!
Silvio wurde unter Jubelschreiben von der Versammlung zur Nominierung des Delegierten seines Bezirks nach Hause begleitet. Er hatte nur 15 von insgesamt 120 Stimmen erhalten, aber sein Sieg war der Sieg der Ameise, die es schafft, die Mauer auszuhöhlen, der Triumph des leisen „Piep“, das man inmitten eines großen Geschreis trotzdem hört. Obwohl sie ins Rathaus von Punta Brava auch Personen mobilisiert hatten, die nicht im Wählerregister standen, kam der offizielle Kandidat nur auf 45 Hände, die sich zu seinen Gunsten hoben. Die Enthaltung war die Art, mit der 50% der Versammelten ihre Ablehnung – oder ihre Gleichgültigkeit – gegenüber einem Wahlverfahren äußerten, das kaum Einfluss auf das wirkliche Leben hat.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem Silvio Benítez zum ersten Mal davon sprach, sich in seinem Bezirk zu den Wahlen zur Versammlung der „Macht des Volkes“ aufstellen zu lassen. Nicht einmal seine engsten Freunde wagten zu hoffen, dass er tatsächlich nominiert würde geschweige denn es schaffen würde, von jemandem – außerhalb seiner Familie – öffentlich vorgeschlagen zu werden. Die Frustration a priori, die schon vorprogrammierte Enttäuschung haben sich zu weit in unsere Leben vorgedrängt. Deshalb fühlen wir uns schon besiegt, bevor wir überhaupt anfangen zu planen, wie man das Land verändern könnte. Das Floß, das durch das Meer gleitet oder das mitwissende Schweigen sind immer noch die meistgenutzten Strategien, mit denen man seine persönlichen Probleme löst, weil „das Problem“ auf nationaler Ebene ein dauerhaftes zu sein scheint.
Aber an jenem Abend war in Punta Brava die Fernsehserie nicht spannender als die abgenutzte Maschinerie der Wahl „des Besten und Begabtesten“. Die Straßen füllten sich vor Neugier darüber, ob „der Kandidat des Wechsels“ gewinnen würde. Silvio hatte ihnen ein anderes Programm versprochen, eines, das nicht von der Ideologie getrieben war, sondern von der Bürgerverwaltung. Und obwohl er es nicht schaffte, seinen Namen auf die Liste der über 15.000 Delegierten im ganzen Land zu setzen, so konnte er wenigstens die Hälfte der Wähler in seinem Bezirk dazu bringen, sich zu enthalten. Ohne sich zu trauen, für ihn zu stimmen, behielten viele seiner Nachbarn die Hände in ihren Hosentaschen, strichen über die Köpfe ihrer Kinder oder hielten sich an ihren Zigaretten fest, als sie aufgefordert wurden, die Hand zur Abstimmung zu heben. Seinen Triumph verdankt er diesen hängenden Armen, all diesen Mündern, die es nicht wagten, seinen Namen auszusprechen, aber ihn auch nicht verleugneten.
Es kommen schwierige Zeiten auf uns zu. Ich bin eigentlich optimistisch, aber es breitet sich in mir eine Unruhe aus, wenn ich an die kommenden Jahre denke. Es gibt zu viel angestaute Frustration. Sie haben in uns systematisch die Ablehnung anderslautender Meinungen gesät, und das lässt sich nicht in kurzer Zeit rückgängig machen. Gestern, als ich eine Hausfrau sah, die in vulgärer Form schrie: “Die Würmer proben den Aufstand!” – sie meinte die “Damen in weiß” (Damas de Blanco) – wurde mir klar, wie lang der Weg der Toleranz ist, der noch vor uns liegt. Lernen zu diskutieren, ohne zu beleidigen, in einer vielfältigen Gesellschaft miteinander zu leben und die Unterschiede zu respektieren, werden Pflichtfächer in unseren Schulen sein müssen. Es wird ein langer Prozess werden, allen verständlich zu machen, dass Vielfalt keine Krankheit ist, sondern die Heilung.
Ich fürchte, dass unsere Schreie chronisch werden und die Ohrfeige der schnellste Weg bleiben wird, um den anderen zum Schweigen zu bringen. Der Gedanke lässt mich erschauern, dass Kuba ein Land bleibt, in dem weiterhin Menschen für ihre politische oder ideologische Richtung physisch oder juristisch angegriffen werden können. Was für ein trauriges Land werden wir haben, wenn es für die Staatsgewalt normal bleibt, jemanden zu bestrafen, der der offiziellen Meinung widerspricht. Mir kommt eine Gesellschaft, die passiv bleibt, wenn friedfertige Frauen mit Gladiolen in ihren Händen verfolgt und belästigt werden, wie es gestern der Fall war, schon jetzt ziemlich krank vor. Aber dabei blieb es nicht in diesem Sektenwesen, sondern sie versuchten, sich zu rechtfertigen und dafür wurde eigens ein Drehbuch für die langweiligste Sendung des kubanischen Fernsehens angefertigt: den Runden Tisch (Mesa Redonda). Die Fernsehzuschauer konnten jedoch – nach zwei Stunden stoischen Zuhörens – feststellen, dass ihnen aufgrund der fehlenden Argumente nur noch Beleidigung, Verleumdung und Wortakrobatik geblieben waren.
Warum haben sie nicht den Mut, an dieses langweilige Set, an dem sie jeden Abend nur Monologe halten, wenigstens ein paar der Personen einzuladen, die anders denken? Der schüchternste und gemäßigste der Nonkonformistischen, die ich kenne, würde sie mit ein paar Fragen entblößen, und mit einigen kurzen Sätzen würde er ihre Verschwörungstheorie zum Einsturz bringen. Aber sie trauen sich nicht. So geschützt sie von der Macht sind – es gibt keinen schlimmeren Komplizen für einen Journalisten – und ihre Worte und Stifte von Vergünstigungen und Privilegien untermauert werden, wissen sie wohl, dass sie der Artillerie der Kritik nicht standhalten könnten. Deshalb rühmen sie die Schläge, hetzen mit Schlachtrufen auf und zeigen ausgewählte Videos, um zu beweisen, dass das Andersartige zerschlagen werden muss. Und so schüren sie den Fanatismus, diesen Keim, der sie selbst zu überleben droht: Das Vermächtnis aus Hass und Misstrauen, dass uns dieses System versucht zu hinterlassen.
Sich ständig am Rand zu bewegen und nur bis zu einem gewissen Punkt etwas zu sagen, ist notwendige Praxis für bestimmte kritische Künstler, die noch in Kuba leben. Ab und zu schenken sie uns einen mit Kritik gewürzten Satz, der in der ausländischen Presse zu lesen ist, aber keinerlei Echo in der nationalen Presse findet. Mit einem Fuß außerhalb der Insel und dem anderen darinnen, muss es schwierig sein, seine Meinung erst frei zu äußern und sie dann nur noch flüstern zu können. Die langen Aufenthalte im Ausland sind für einige Repräsentanten unserer Kultur zu einem Katalysator ihrer Meinungen geworden. Offensichtlich trägt der Kontakt mit anderen Wirklichkeiten – mit ihren guten und schlechten Errungenschaften – dazu bei, dass die übertrieben optimistischen Slogans sehr weit weg klingen und die Intoleranz im Hinterhof unerträglich wird.
Das jüngste Interview mit Pablo Milanés – Anm. d. Übers.: in Spanien unter dem Titel “Ich möchte einen Wechsel in Kuba so schnell wie möglich” veröffentlicht – enthält einerseits das Maß an Zurückhaltung, das ihm nicht den Heimweg verwehrt, und andererseits den Mut desjenigen, der sich sehr über das sorgt, was in seinem Land geschieht. Es ist zweifellos ein großes Risiko, diejenigen als “Reaktionäre ihrer eigenen Ideen” zu bezeichnen, die uns regieren, und die schon viele Schriftsteller, Musiker und Schauspieler, die weitaus weniger gesagt hatten, zensiert haben. Der Autor von “Yolanda” bewegt sich so auf des Messers Schneide, von der andere schon zerstückelt wurden. Bei diesem ehrlichen Vorhaben unterstützen ihn sein internationaler Ruhm und die Sympathie, die ihm Menschen von überall und vieler verschiedener Generationen entgegenbringen. Ein unbekannter Liedermacher aus der Nachbarschaft würde dafür teuer bezahlen, aber Pablo wird gebraucht.
Die Emigration hat zu viele Spuren im künstlerischen Bereich auf unseren Bühnen hinterlassen. Es sind nicht nur meine Kommilitonen aus der Universität und Altersgenossen aus der Nachbraschaft gegangen, sondern auch ein Prozentsatz der Repäsentanten der kubanischen Kultur – den viele als Mehrheit bezeichnen -, lebt außerhalb unserer Grenzen. Diese mächtige Stimme zu verlieren, käme dem Zugeständnis gleich, dass diejenigen, die die Musik schrieben, die den Bau der Utopie begleitete, jetzt nicht mehr an sie glauben. Deshalb wird auf keiner offiziellen Webseite eine aggressive und drohende Streitschrift gegen die Offenheit des Interviewten erscheinen. Das Konsulat in Madrid wird ihn nicht wissen lassen, dass er in seinem eigenen Land nicht mehr gerne gesehen ist, und er wird nicht bezichtigt werden, mit den Worten des “Herren im Norden” gesprochen zu haben. Keine dieser stigmatisierenden Maßnahmen wird gegen Pablo angewendet werden, aber in den geheimen Versammlungen der Minister und den geschlossenen Kreisen der Macht wird man ihm nie verzeihen, dass er sich wie ein freier Mann benommen hat.
* Anm. d. Übers.: Der Titel dieses Posts bezieht sich auf ein Lied von Pablo Milanés.
Foto: http://media.photobucket.com/
Ein Platzregen der Ereignisse ergießt sich über Kuba. Die ersten Tropfen fielen Anfang Januar mit dem Tod durch Unterernährung und Kälte von mehreren Patienten des Psychiatrischen Krankenhauses in Havanna. Der Wolkenbruch der Probleme wurde heftiger, als Orlando Zapata Tamayo starb, zu seinem Ende gedrängt von der Nachlässigkeit der Gefängniswärter und der Dickköpfigkeit unserer Regierenden. Dann brach der Hungerstreik des Journalisten Guillermo Fariñas aus und damit landeten unsere Leben im Zentrum eines politischen und sozialen Tornados, dessen orkanartige Winde von Tag zu Tag stärker werden.
Parallel zu diesen Unwettern tauchen mögliche Korruptionsskandale auf, die die Mächtigen in Kuba matt setzen könnten. Es kursieren Gerüchte von Koffern voller Dollars in den Wassertanks von Ministern und ihren Freunden, von Geschäftsflügen, deren Dividenden direkt in die Hände einiger weniger flossen und von Saftfabriken, deren enorme Gewinne schnellstmöglich außer Landes geschafft wurden. Unter den Beteiligten scheinen Männer zu sein, die damals in der Sierra Maestra kämpften, und die jetzt reich wurden, weil sie ausländischen Unternehmern Lizenzen vergaben und dafür reichhaltige Provisionen erhielten. Der Staat wurde vom eigenen Staat ausgeplündert. Diese Veruntreuung von Geldern und Ressourcen hat einen Punkt erreicht, an dem das Stehlen von etwas Milch einem Spiel von Kindern gleicht. Die Oberhäupter der Macht bedienen sich großzügig und in einer Geschwindigkeit, als ahnten sie, dass durch den Schauer von heute morgen das Dach über ihrem Kopf einstürzen könnte. Es hat den Anschein, als sei das Land im Ausverkauf und viele – in olivgrüner Uniform – nutzten die Gelegenheit, um sich das bisschen zu nehmen, was uns noch bleibt.
Die schweigsame Presse indes erzählt von vergangenen Heldentaten und von Jahrestagen, die sich nähern und behauptet, dass die Revolution stärker denn je sei. Hinter dem Vorhang gibt es Säuberungsaktionen und die Auditoren betasten die Eingeweide unserer Finanzen, um zu bestätigen, dass man gegen das Fortschreiten der Korruption nichts machen kann. Die historische Generation hat uns nicht nur gezeigt, wie man sich hinter Täuschungen versteckt, sondern sie hat in uns auch die Idee genährt, dass die Staatskasse wie der persönliche Geldbeutel gehandhabt wird. Die Abwässer der ethischen und moralischen Not, die sie selbst genährt und durch die sie sich bereichert haben, werden uns alle ertränken.
Das zu erzählen, was uns wehtut, über das zu schreiben, was wir erlebt, berührt oder ertragen haben, durchdringt die journalistische Erfahrung, um zu einem Zeugnis des Lebens zu werden. Es besteht ein abgrundtiefer Unterschied zwischen den Berichten über einen Mann im Hungerstreik und der Tatsache, ihm die seitlich herausragenden Rippen abzutasten. Kein Interview kann die weinenden Augen von Clara – der Ehefrau von Guillermo Fariñas – wiedergeben, wenn sie erzählt, dass für ihre gemeinsame Tochter der Vater an einer Magenkrankheit leidet und deshalb immer weiter abmagert. Nicht einmal eine lange Reportage könnte es schaffen, die Panik zu beschreiben, die die Kamera hervorruft, die – 100 Meter vom Haus dieses Mannes in Santa Clara entfernt – die Menschen beobachtet und filmt, die sich der Hausnummer 615 A in der Calle Alemán nähern.
Weder die Ansammlung von Absätzen oder Zitaten noch Aufnahmen reichen aus, um die Gerüche auf der Wache zu vermitteln, zu der man Fariñas gestern brachte. Ich fühle die unerträgliche Schuld, zu spät gekommen zu sein, um ihn zu bitten, wieder zu essen, um ihn dazu zu überreden, seiner Gesundheit keinen irreparablen Schaden zuzufügen. Während meiner Anreise auf der Landstraße legte ich mir ein paar Sätze zurecht, die ihn davon überzeugen sollten, nicht bis ans Ende zu gehen, aber bevor ich die Stadt erreichte, informierte mich eine SMS, dass er im Krankenhaus lag. Ich wollte ihm sagen: „Du hast es geschafft, du hast ihnen die Masken vom Gesicht gerissen“, aber stattdessen musste ich den Angehörigen tröstende Worte aussprechen und ohne ihn in seinem Wohnzimmer in dem bescheidenen Viertel La Chirusa Platz nehmen.
Warum haben sie uns bis an diesen Punkt gebracht? Wie konnten sie alle Wege des Dialoges, der Debatte, der gesunden Meinungsverschiedenheit, der notwendigen Kritik versperren? Wenn sich in einem Land diese Proteste der leeren Mägen ereignen, muss man sich fragen, ob den Bürgern wohl noch ein anderer Weg geblieben ist, um ihre Unzufriedenheit zu äußern. Fariñas weiß, dass ihm niemals eine Minute im Radio gewährt, er in keiner Versammlung des Parlaments berücksichtigt werden wird und dass er seine Stimme nie, ohne Bestrafung, auf einem öffentlichen Platz erheben kann. Sich zu weigern, etwas zu essen oder trinken, war die Form, die er fand, um seine Verzweiflung darüber zu zeigen, unter einem System zu leben, dessen wichtigsten „Eroberungen“ Knebel und Masken sind.
Coco kann nicht sterben. Denn in dem langen Beerdigungsmarsch für Orlando Zapata Tamayo, unsere Stimmen und unsere bürgerliche Souveranität, die vor einer Weile ermordet wurden… passt kein weiterer Toter.
Neben der brasilianischen Telenovela, den Raubkopien der Dokumentarfilme des Discovery Channel und dem langweiligen „Runden Tisch“ (die Talkshow mesa redonda) gibt es eine Art von Fernsehreportagen, die mit der Saga von „Big Brother“ wetteifern. Auf unseren kleinen Bildschirmen sehen wir Menschen, die von versteckten Kameras gefilmt werden und erleben mit, wie Inhalte ihrer E-Mails öffentlich gemacht werden, ohne dass es dafür eine richterliche Anordnung gab. Als lebten wir in einem Glashaus, das von den strengen Augen des Staates überwacht wird, nimmt selbst die Telefongesellschaft die Gespräche ihrer Kunden auf und gibt sie an elf Millionen sprachlose Zuschauer weiter.
In der neuesten Art dieses öffentlichen Sezierens werden Ärzte gezeigt, die ihre Schweigepflicht dem Patienten gegenüber verletzen – das ist eine genauso schwerwiegende Tat, wie wenn ein Priester etwas aus einer Beichte preisgibt – und die Einzelheiten eines medizinischen Falles schildern. Es werden Fotos aus dem Inneren der Wohnungen und der Kühlschränke derjenigen gezeigt, die es gewagt haben, sich der öffentlichen Meinung entgegenzustellen, während Paparazzo und politischer Polizist zu einer einzigen Person verschmelzen, die dem Voyeur sehr nahe steht. Es würde mich nicht wundern, wenn in einem Dossier – das noch darauf wartet, ans Licht gebracht zu werden – der nackte Körper eines nicht Konformen auftauchte, so als sei die Nacktheit der unumstößliche Beweis für seine „Boshaftigkeit“.
Bilder, die aus dem Zusammenhang gerissen werden, bearbeitete Phrasen und benachteiligende Blickwinkel, die die Abneigung der öffentlichen Meinung erzeugen sollen, sind nur einige der Techniken, mit denen diese Fernsehberichte konstruiert werden. Nie wird das „Opfer“ interviewt, um so zu vermeiden, dass die gewöhnlichen Zuschauer feststellen, dass sie mit dem Opfer die kritische Meinung teilen. Aber zum Unglück der plumpen Produzenten dieser Art von reality show hat die Technologie in den Händen der Bürger auch die Wände ihrer Leben durchschaubar gemacht. Nachdem wir so lange beobachtet wurden, stellen wir nun fest, dass es ein Loch gibt, durch das wir auf die andere Seite des Zaunes blicken können.
Ich sehe meine Mitbürger, wie sie wie Roboter ihre Lebensmittel kaufen, bei der Arbeit vor sich hin vegetieren und ihre Stimme ohne Hoffnung in die Urnen werfen. Ihr Leben verstreicht, während sie das – von Mal zu Mal kleinere – Brot kaufen, ihren symbolischen Lohn erhalten, der fast nicht zum Überleben reicht, und ihre Hände in den Versammlungen zur Nominierung der Kandidaten heben. Keiner derjenigen, die im aktuellen Wahlvorgang gewählt werden, wird es schaffen, die alltäglichen Probleme zu lösen, die das Leben in Kuba mit sich zieht. Von den Kandidaten kennt man nur ein Foto und einen mit Heldentaten gespickten Lebenslauf, in dem es meistens heißt, der Kandidat sei “bescheidenen Ursprungs”. Mit keinem Wort werden ihre Programme erwähnt, oder ihre weiteren Vorgehen, wenn sie gewählt werden.
Erstaunlicherweise sind dann die Delegierten fast immer Mitglieder der Kommunistischen Partei Kubas (PCC), die ihre Parteidisziplin über ihre Pflichten gegenüber ihren Wählern stellen. Sie werden uns nicht bei der Regierung repräsentieren und auch nicht unsere Stimme in den jeweiligen Einrichtungen wiedergeben, sondern nur wie Herolde die neuen schlechten Nachrichten von oben weitergeben, Übertragungskanäle der Regelungen und Richtlinien sein, die einige wenige beschließen. In den über dreißig Jahren ihres Bestehens haben es die Repräsentanten der “Macht des Volkes” nicht geschafft, dass der Müll ordentlich abgeholt wird, die Bäckereien gute Qualität abliefern oder die Kanalisation nicht mehr leckt. Sie vertreten auch nicht die unterschiedlichen Tendenzen, die in unserer Gesellschaft existieren. Sie sind dort wegen ihrer Treue zur Partei und nicht, weil sie gute Arbeit geleistet haben.
Heute Abend ist in der Zone der Betonblöcke, in der ich wohne, die Versammlung, um Kandidaten vorzuschlagen. Die Einladung kam vor ein paar Tagen, während wir im Fernsehen dazu aufgerufen wurden, die Besten und Begabtesten zu wählen. Ich habe aber keinen einzigen Funken des Glaubens an einen Mechanismus, der bewiesen hat, dass er unfähig ist zu handeln und außerdem sektenähnliche Züge aufweist. Ich würde gerne meine Hand für den Nachbarn heben, der sichere Worte findet und konkrete Projekte hat, aber es gibt Befehle, den Personen entgegenzutreten, die einen “Dissidenten” nominieren, auch wenn es jemand ist, der nur dem Wechsel zugeneigt scheint. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass der gleiche Delegierte bestätigt wird, der uns seit über zehn Jahren Lösungen verspricht, wohl wissend, dass es nicht in seiner Macht liegt, diese Versprechen zu halten. Er ist der bequeme Kandidat dieser nutzlosen Wahlen und wir nur die Puppen, die die Hand heben oder den Stimmzettel ausfüllen.
Die Frau hebt den Stempel hoch und senkt ihn auf das Blatt, um ihn schließlich beiseite zu legen, ohne deine Ausreiseerlaubnis abgestempelt zu haben. „Sie sind nicht berechtigt zu reisen“, sagt sie dir und alle in dem Büro hören den Satz, der dich dazu verurteilt, auf dieser Insel eingesperrt zu bleiben. An den anderen Tischen schauen die Antragsteller zu Boden, um zu vermeiden, dass deine Blicke auf der Suche nach Solidarität sich mit ihren kreuzen könnten. Die Militärs, die vorbeigehen, mustern dich von oben nach unten mit dem vorwurfsvollem Blick dessen, der denkt “etwas wird sie wohl gemacht haben, dass man sie nicht ausreisen lässt“.
Bis zum letzten Moment dachtest du, die Archive des Innenministeriums seien vielleicht nicht so gut organisiert und die Vorgeschichte deiner nonkonformistischen Handlungen käme nicht ans Licht. Oft hast du darauf spekuliert, dass eine Sekretärin sich genau in dem Moment eine Pizza holen ginge, in dem sie dein Gesuch durchsah und dass das Knurren ihres Magens sie dazu brächte, es blitzschnell auf den Stapel der befürworteten Anträge zu legen. Du kennst den Effekt genau, den zerlaufener Käse und Tomatensoße auf einen Bürokraten ausüben kann, der um drei Uhr nachmittags auf seine Uhr sieht.
Aber die Möglichkeit einer Nachlässigkeit staatlicherseits funktionierte dieses Mal nicht. Dein Fall wurde in dem Moment entdeckt, als du die ersten Listen für eine Reise nach Süden abgabst. Irgendein Chef mit dem Rang eines Oberstleutnants wird gelächelt haben, als er sah, dass du dich endlich in seinen Händen befandst. Nachdem du glaubtest, du könntest handeln wie ein freier Mensch, indem du deine Meinung mündlich äußerst und Artikel ohne Pseudonym veröffentlichst, warst du an dem Punkt angelangt, wo man dich alle Mauern, alle Gitter und alle Vorhängeschlösser spüren ließ.
Du hast keine Vorstrafen, nie bist du vor einem Gericht verurteilt worden und dein häufigstes Vergehen besteht darin, Käse und Milch auf dem Schwarzmarkt zu kaufen. Trotzdem hast du gerade festgestellt, dass du weiterhin einer Strafe unterzogen wirst. Dein Urteilsspruch heißt, hinter den Gitterstäben dieses Archipels zu bleiben, eingesperrt durch diese Meerenge, die einige Naivlinge für eine Brücke halten und nicht für den unüberwindlichen Graben, der er in Wirklichkeit ist. Niemand wird dich rauslassen, weil du eine Gefangene mit einer Nummer auf dem Rücken bist, auch wenn du glaubst, du habest die Bluse an, die du heute früh aus dem Schrank genommen hast. Du bist im Kerker der „bewegungslosen Pilger“, in der Zelle derer, die zum Bleiben verpflichtet sind.
Durch das Fenster macht dir eine Stimme Vorwürfe, dass du nicht geschwiegen hast, dich nicht ein wenig verstellt hast… nicht die Maske getragen hast, um reisen zu können. Du wirst das Licht nicht eher wieder sehen können, bis der ganze Kerker in sich zusammengebrochen ist!
Das Leben wird nie mehr zur Normalität zurückkehren. Es kehrt nicht zu dem Augenblick vor der Tragödie zurück, an den wir uns jetzt mit einer gewissen Illusion als eine Zeit der Ruhe erinnern. Ich öffne meine Agenda, ich versuche mein Leben wieder aufzunehmen, den Blog, die Twitterbotschaften … aber es fällt mir nichts ein. Diese vergangenen Tage waren zu heftig. Ich bin nur dazu fähig, mir immer wieder das Gesicht von Reina Tamayo im Halbschatten vor dem Leichenschauhaus vor Augen zu führen, wo sie ihren Sohn für seine letzte Reise vorbereitete und ankleidete. Danach überlagern sich bei mir die Bilder vom Mittwoch: Festnahmen, Schläge, Gewalt, ein nach Urin stinkender Kerker, der an einen anderen angrenzte, wo Eugenio Leal und Ricardo Santiago ihre Rechte forderten. Die restliche Zeit bestand aus Herumlaufen wie eine Ankleidepuppe, schauen ohne zu sehen, tippen mit Wut im Bauch.
Und so gibt es keinen, der eine zusammenhängende und gemäßigte Zeile schreibt. Ich habe ein solches Bedürfnis zu schreien, aber ich bin seit dem 24. Februar heiser.
Damit man direkt der Vorstellung des nächsten Euro-Lateinamerikanischen Gipfels durch den Staatssekretär für Iberoamerika der spanischen Regierung Pablo de Laiglesia via Internetübertragung folgen kann, habe ich mehrere Links des Ereignisses aufgeführt.
Das ist eine Aktion der Sociedad de las Indias Occidentales für die lateinamerikanische Blogosphäre.
Hier seht Ihr das Video und weiter unten den Link zur Kommentierung des Geschehens, außerdem eine Text-Transskription des ganzen Vorgangs.
Der Link, damit die Leser das kommentieren können:
http://www.lasindias.coop/presentacion-de-la-cumbre-eurolatinoamericana-a-la-blogsfera-latinoamericana/#respond
Die Text-Transskription von allem, was vor sich geht, könnt Ihr hier sehen:
http://www.lasindias.coop/presentacion-de-la-cumbre-eurolatinoamericana-a-la-blogsfera-latinoamericana/
Heute Abend, Stunden nach dem Tod von Orlando Zapata Tamayo konnten wir, Reinaldo und ich, in die Nähe der Umgebung der Abteilung der Rechtsmedizin in der Boyeros Straße gelangen. Ein Kordon von Männern der Staatssicherheit bewachte den Ort, aber es gelang uns, an Reina, Mutter des Verstorbenen, heranzutreten und ihr diese Fragen zu stellen.
Schmerz, Empörung bei uns … Trauer und Standhaftigkeit bei ihr.
Hier ist die Aufnahme, amateurhaft und fast ohne Licht, aber ein erschütterndes Zeugnis der Angst einer Mutter.
Anm. d. Ü.
* Orlando Zapata Tamayo wurde während des Schwarzen Frühlings 2003 als Regimegegner festgenommen und als politischer Gefangener zu 25 Jahren und 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Er wurde gefoltert und war wegen der Mangelernährung in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Nach einem langen Hungerstreik starb er gestern Nacht.
Du hättest ebenso eine Prostituierte, die ihre Gunst verkauft, werden können, wie eine Untersuchungsbeamtin der Staatssicherheit. Die Bedürftigkeiten waren so groß, dass die Hingabe deines Körpers im Tausch gegen ein Fläschchen Shampoon oder einige Seifenstücke eine Möglichkeit war, die sich immer in Reichweite befand. Nur dass deine Figur für dieses Tauschgeschäft zu kränklich war und deine Haut zu weiß für die Ausländer, die auf der Suche nach dem zimtfarbenen Teint der Touristenanzeigen herkamen. Dir fehlte das „gewisse Etwas“, um das eng anliegende Kleid für den Austausch von Sex gegen Geld überzuziehen und sich auf die Umgebung eines Hotels zu stürzen, in der Absicht deine Familie aus der Klemme zu ziehen.
Du warst schon kurz davor, dir eine Uniform überzustreifen, als du nach dem Schulabschluss erwogst, auf die Militärschule Camilo Cienfuegos zu gehen, um einem Zuhause zu entfliehen, wo Verbote und Elend überhand nahmen. Du glaubtest, du seiest bereit, dich in einen Soldaten mit zusammengekniffenen Lippen zu verwandeln, um Zugang zu diesen kleinen Privilegien zu bekommen, die, wie du sahst, Mitglieder der Armee und des Sicherheitsministeriums genossen. Der rechtzeitige Rat eines Freundes ließ dich von dem „Aaaachtung!“ – Geschrei und dem dauernden Knattern eines Maschinengewehres Abstand nehmen. Aber wenn du an jenem Nachmittag von 1990 nicht die Frage gehört hättest: „Was willst du denn zwischen Befehlen und Schützengräben?“, würdest du jetzt vielleicht gerade jemandem in einem abgeschlossenem Raum von Villa Marista* Angst einjagen.
Du hättest Bootsflüchtling werden können, Selbstmörderin, Geliebte eines Ministers, Zensorin oder politische Gefangene, Gendarm oder Opfer. Es war nicht möglich, ohne Blessuren durch jene Krise der Neunzigerjahre hindurch zu kommen, die du erleben musstest, den Zusammenbruch der Vermögenswerte und die unbedeutende Umgebung, in der du aufgewachsen bist. Etwas von dir steckt noch in dem roten Lykrabein, das an einer Ecke steht, und in der Achselklappe eines Rekruten, in all den möglichen Personen, die du hättest werden können und vor denen der Zufall, die Umstände und dein eigener Ekel dich bewahrten.
Anm. d. Ü.
* Zentrale der kubanischen Staatssicherheit, wo politische Gefangene verhört werden.
Hundert Mal hab ich schon gehört, dass der Universitätsbereich, wie ein umfriedeter Kirchhof, nicht von den Dämonen der Unterdrückung heimgesucht werden könne. Ich stellte mir vor, wie diese vor der Eingangstreppe herumflattern, ohne in diesen Bereich der Geisteswissenschaften und mathematischen Formeln eindringen zu können, wo die Studenten geschützt sind. Aber diese vermeintliche Immunität gab es nur in meiner Fantasie, denn die kubanische Geschichte zeigt die Abfolge von Übergriffen, die die Universitäten meines Landes erlitten haben. Unter den Augen der Pallas Athene sind die ideologischen Zuchtmeister unzählige Male in den Bereich eingedrungen, welcher dem Wissen und der Gelehrsamkeit gewidmet ist.
In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gingen mehrere Studentenproteste sogar so weit, die Abdankung des Präsidenten zu fordern, was die große soziale Macht zeigte, die von den Pulten ausging. An den Mauern rund um La Colina kann man noch die Wandmalereien der jugendlichen Unangepasstheit sehen, die durch die späteren revolutionären Säuberungen zur Apathie reduziert wurde. Die universitäre Studentenvereinigung (FEU) sprudelt nicht mehr vor Ideen und Aktionen, die mehr als einmal die Stadt aufrüttelten, sondern ist zu einer Repräsentation der Macht gegenüber den Studierenden geworden. Die Organisation hat so ihren Rebellencharakter gänzlich verloren, und ihre Führer werden nicht mehr wegen ihres Charismas oder ihrer Beliebtheit gewählt, sondern wegen ihrer politischen Verlässlichkeit. Der Slogan “Die Universität für die Revolutionäre” hat dazu beigetragen, dass das Aufziehen einer Maske der sicherste Weg zur Erlangung eines Diploms wurde.
In diesen zwei Jahren, seit Raúl Castro an die Macht kam, gab es immer wieder, und zwar mit zunehmender Tendenz, Hochschulverweise aus ideologischen Gründen an den Zentren der höheren Bildung. Als Sahily Navarro, Tochter eines Gefangenen des Schwarzen Frühlings, nicht mehr in ihren Hörsaal gelassen wurde, da wusste ich, dass die gebeutelte studentische Liga vom Todeskampf zur Nekrose übergegangen war. Wenige Tage später wurde auf die Überreste der FEU der Grabstein des Sektierertums gesetzt, als Marta Bravo von ihrer Professur entfernt wurde, weil sie Reformen im Land forderte. Die Akkorde des Requiems wurden von denen komponiert, welche Darío Alejandro Paulino aus dem Lehramt ausschlossen, nachdem er in Facebook ein Forum zur Diskussion von Fragen des Studiengangs „Soziale Kommunikation“ eröffnet hatte. Mit diesen traurigen Vorfällen wurde die Studentenvereinigung, die ehemals Julio Antonio Mella anführte, endgültig zu Grabe getragen, schuld sind die Drachen des Dogmatismus und der Intoleranz, die sich heute frei auf ihrem Universitätscampus bewegen können.
* In Facebook hat sich eine Gruppe namens “Stoppt die Entlassungen an den kubanischen Universitäten” formiert, um wenigstens virtuell gegen diese Willkürlichkeiten zu protestieren.
Die Steppe, Schnee, Äpfel und das Geräusch einer Axt, die Holz in ungleiche Teile spaltet. Von diesen Bildern und fremden Klängen speiste sich unsere Kindheit, da die Sowjet-Union im Kuba der 70er und 80er Jahre sehr präsent war. Wir zitterten vor Kälte, wenn wir tschechische und bulgarische Cartoons ansahen, während draußen die Tropensonne uns daran erinnerte, dass wir immer noch in der Karibik waren. Einige von uns konnten „koniec“ eher sagen, als das einsilbige Wort „fin“ (Ende), bis die Bären eines Tages auswanderten und uns ohne die Filme zurückließen, die von siegreichen Soldaten und lächelnden mujiks handelten.
Nach 1991 konnte man die Massenauflagen des russischen Verlages MIR nur noch in den Secondhandbuchläden unter einer Staubschicht, die von Vernachlässigung zeugte, finden. Diesen Februar aber hat die Internationale Buchmesse ihr 19. Jahr dem Land gewidmet, das jahrzehntelang der Mentor und ökonomische Unterstützer des kubanischen Entwicklungsprozesses war. Die Kameraden von früher, die unseren Zucker zu astronomischen Preisen kauften, während sie uns ihr Öl für eine Bagatelle verkauften, sind zurückgekehrt, bekleidet mit Anzug und Krawatte. Sie landeten auf der Insel, die sie einmal unterstützt haben, aber dieses Mal, um ihre in strahlenden Farben gedruckten Werke mit Themen fern vom Marxismus unter die Leute zu bringen.
Auf dem großen Platz der Cabaña-Festung überkreuzen sich die langen Schlangen, um die neuen Titel zu kaufen, die aus dem Osten kommen. Hier und dort blättern Kinder Seiten durch, wo goldene Weizenähren zu sehen sind und Leute, die Mützen mit riesigen Ohrenklappen tragen. Aber jetzt ist es nicht mehr dasselbe. Die selbstverständliche Präsenz, die einmal diese Bilderwelt in unserem Leben hatte, ist für die Kleinen von heute nur noch Neugier nach dem Exotischen. In ihrer kindlichen Vorstellungswelt werden Tannen nicht die Palmen ersetzen noch Füchse die Eidechsen; Russland wird für sie nur eine weit entfernte andersartige Gegend sein.
Das Treffen war nüchtern und es nahmen mehrere Repräsentanten der städtischen Vertretung des Erziehungsministeriums daran teil. Ein Murmeln verbreitete sich unter den Eltern, die auf denselben Plastikstühlen saßen, die vormittags immer ihre Kinder benutzen. Da das Datum nicht mehr weit entfernt war, an dem angekündigt wird, wer das Studium auf der mittleren Oberstufe fortsetzen darf, hatte es den Anschein, man würde uns bei jenem Treffen die Zahl der studienvorbereitenden Kollegs oder technische Schulen nennen, die unserer Schule zugewiesen sind. Die Nachricht von der Abschaffung der „ Allroundlehrer für alles“ kam dann für uns überraschend, da wir inzwischen zu der Meinung gelangt waren, dass ihre Existenz sich bis zur Pubertät unserer Urenkel hinziehen würde.
Junge Leute in Schnellkursen dafür auszubilden, später einen Unterricht zu geben, der von der Grammatik bis zur Mathematik reicht, hat sich als kategorischer Fehlschlag erwiesen. Nicht wegen ihrer Jugend, die in jedem Beruf immer willkommen ist, sondern wegen der Schnelligkeit der Lehramtsausbildung und des geringen Interesses, das viele von ihnen für so eine noble Tätigkeit zeigten. Angesichts der Abwanderung der Profis aus dem Erziehungswesen in andere Bereiche mit attraktiveren Verdienstmöglichkeiten entstand das Programm der Instantlehrer und damit lag die bereits eingeschränkte Qualität der kubanischen Bildung endgültig am Boden. Die Kinder kamen nach Hause und sagten, dass Kuba 1895 „einen Bürgerkrieg“ erlebt habe und dass die geometrischen Figuren etwas hätten, was „voldes“ genannt werde, was wir Eltern mit „bordes“ (Kanten) übersetzten. Ich erinnere mich besonders an einen dieser Instanterzieher, der seinen Schülern am ersten Tag des Unterrichts gestand „lernt fleißig, damit es euch nicht so ergeht wie mir, der ich Lehrer wurde, weil ich keine guten Noten hatte.“
Dazu kam noch der Teleunterricht, der einen sehr hohen Prozentsatz des Schulstundenplans mit der Gleichgültigkeit eines Bildschirmes einnahm, mit dem man nicht interagieren kann. Die Idee dahinter war, mit diesen durch das Fernsehen übertragenen Unterrichtsstunden die mangelhafte Vorbereitung derer zu unterstützen, die vor den Schülern standen. Der Telelehrer ersetzte in vielen Schulen den aus Fleisch und Blut, während der Verdienst des Lehrpersonals symbolisch angehoben wurde, wobei er nie höher war als 30 Dollar im Monat. Das Unterrichten ist weniger zu einem Priesteramt als zu einem Opfergang geworden. Deshalb tauchten vor der Tafel Leute auf, die weder die Rechtschreibung noch die Geschichte ihres eigenen Landes beherrschten. Es waren junge Menschen, die einen Vertrag unterschrieben hatten, um Lehrer zu werden, was sie bereits nach der ersten Arbeitswoche bereuten. Diese Vorfälle und Verwerfungen im Erziehungswesen, die diese Vorgehensweise mit sich brachte, stehen im verborgenen Buch der gescheiterten revolutionären Pläne und der lächerlichen Produktionsankündigungen, die sich nie erfüllten. Nur dass wir in diesem Fall weder von Tonnen Zucker noch von Zentnern Bohnen reden, sondern von der Ausbildung unserer Kinder.
Ich atme erleichtert auf, weil das lange Experiment der Erziehung durch Instantlehrer beendet ist. Ich möchte den Tag wohl nicht erleben, an dem all diese Leute mit einer Lehrerausbildung das Steuer ihres Taxis verlassen, die Theke einer Bar oder ihre langweilige Hausarbeit, um in die Klassenräume zurückzukehren. Wenigstens würde ich mich ruhiger fühlen, wenn Teo anstelle von einem Fernsehbildschirm all seinen Unterricht von einem richtigen Lehrer bekommen könnte, der auch noch seinen Stoff beherrscht. Ich glaube dafür müssen wir auf die Urenkel warten.
Foto: Sich schützen heißt die Parole, sei es mit Gittern, Hunden oder selbst gebauten Waffen
Des Nachts bewacht er die Reihen der Malangapflanzen und seine Schafherde mit einer selbstgebauten kurzen Flinte. Sie ist das Werk eines behelfsmäßigen Schmieds, der ein Stück schmales Rohr an eine einfache Kammer geschweißt hat, aus der ein unregelmäßiger Schlagbolzen heraus ragt. Schon der Laut beim Laden des erfinderischen Gerätes im frühen Morgengrauen reicht aus, um alle flüchten zu lassen, die die Ernte stehlen wollen. Wenn das Schwein Junge wirft, dann ruft er seinen im Dorf lebenden Bruder und in Begleitung dieses aus der Not geborenen Artefaktes halten sie Wache, bis die Sonne aufgeht.
Viele Bauern benutzen illegale Waffen, die sie irregulär gekauft oder hergestellt haben. Ohne diese könnte die Frucht monatelanger Arbeit in den Händen von “Saaträubern” enden, aalglatten Gestalten, die sich in der Dunkelheit bewegen. Die Armut hat den Diebstahl auf den kubanischen Feldern verstärkt und die Dorfbewohner gezwungen, ihre Ressourcen selbst zu schützen. Daher verbreiten sich auch aggressive Hunde und selbst gefertigte Flinten immer mehr, besonders auf den Fincas, auf denen es Rinder gibt. Das Pfund Rindfleisch wird für zwei konvertible Pesos auf dem Schwarzmarkt verkauft, der auf Diebstahl und illegalem Schlachten basiert, trotz der langen Haftstrafen, die diese Delikte mit sich bringen.
Für die Beschützer des eigenen Besitzes war die offizielle Ankündigung eine Überraschung, dass “unter Ausnahmecharakter und nur ein einziges Mal (…) hier geborene und legal auf der Insel wohnende Personen, die im Besitz von Feuerwaffen ohne die entsprechende Lizenz sind, eine ordnungsgemäße Registrierung bekommen können”. Es existiert aber auch die stillschweigende Überzeugung, dass derjenige, der öffentlich einen solchen Besitz angibt, die Beschlagnahmung als Antwort erhalten wird. Mit dieser Angst werden nur wenige zugeben, dass sie das kalte Metall irgendwo in ihrem Haus aufbewahren, und sie werden das Risiko, keine Papiere zu besitzen, der Unsicherheit vorziehen, schutzlos zu sein. Zu unserem Entsetzen verwenden diese einfachen Instrumente auch Leute, die weder Finca noch Tiere zu beschützen haben, sondern auf der anderen Seite des Zaunes lauern und sogar gewillt sind zu schießen, nur um sich das zu nehmen, was anderen gehört.
Wir haben uns an die aufgeblähten Zahlen gewöhnt, an die Geheimniskrämerei, wenn etwas schief gelaufen ist, und an ein Bruttosozialprodukt, das niemals den Inhalt unserer Geldbeutel widerspiegelte. Jahrzehntelang hatten die Wirtschaftsgutachten die Möglichkeit, hinter Seiten voller Zahlen und Analysen die Schwere der Probleme zu verbergen. Unter den Hochschulabsolventen der wenig exakten Finanzwissenschaft gab es einige, wie Oscar Espinosa Chepe, die es wagten, die Unrichtigkeit bestimmter Zahlen aufzudecken, und die dann nach dem „Pyjamaplan“* mit Arbeitslosigkeit und Stigmatisierung bestraft wurden.
In dieser Woche hat die Lektüre der seriösen und fundierten Analyse des Priesters Boris Moreno in der Zeitschrift Palabra Nueva** meine Unruhe bezüglich eines uns bevorstehenden Kollapses verstärkt. Mit dem bezeichnenden Titel “Wohin fährt das kubanische Boot? Ein Blick auf das wirtschaftliche Umfeld” warnt uns der Autor vor einem Absturz, einem Sturzflug, des materiellen und finanziellen Zustands der Insel. Worte, die uns erschrecken müssten, wenn nicht unsere Ohren gegenüber schlechten Nachrichten schon ziemlich taub geworden wären, weil wir uns schon so oft in die Gewässer der Unproduktivität und des Mangels gestürzt haben.
Ich stimme mit diesem Wirtschaftswissenschaftler darin überein, dass der erste und wichtigste Schritt, der getan werden muss, “die formale Verpflichtung der Regierung zur Freigabe der Meinungsäußerung aller Bürger ist und zwar ohne Repressalien jeglicher Art. Wir sollten in unserem Umfeld die Bestimmungen löschen, die den Austausch von Ideen und Meinungen beschränken”. Nachdem ich das gelesen hatte, stellte ich mir meine Nachbarin vor, eine Buchhalterin im Ruhestand, wie sie mit lauter Stimme ihre Ansichten äußert über die Notwendigkeit, Privatwirtschaft zuzulassen, ohne dass dies eine Protestversammlung vor ihrer Tür auslöst. Ich weiß, dass es Arbeit bedeutet, so ein Projekt durchzuführen, aber ich mag die Idee, dass eines Tages Tausende ihre Vorschläge einbringen und Lösungen vorbringen werden, ohne die Befürchtung, als “Söldner einer ausländischen Macht” beschuldigt zu werden. Welch enormes Kapital würde dann Kuba wieder gewinnen!
Auch wenn sich die Staatskassen nicht nur durch Vorschläge und Gedankengut wieder füllen werden, so zeigt uns unsere Erfahrung doch, dass das Prinzip der Freiwilligkeit und des Ausschlusses nur dazu beigetragen hat, sie zu leeren.
Anm. d. Ü.
*Pyjama-Plan: ironischer Begriff im kubanischen Volksmund für die vorzeitige Zwangspensionierung von Regierungsmitgliedern
** Nueva Palabra (Neues Wort): Zeitschrift der Diözese der katholischen Kirche in Havanna
Ich sehe überall Polizisten. Ich weiß nicht, ob sie auf meiner Netzhaut eingeprägt sind, oder ob es daran liegt, dass ihre Zahl in den letzten Monaten alarmierend angestiegen ist. Sie fahren in Mercedes- Lastwagen herum, sie stehen zu dritt an den Straßenecken und führen sogar an mehreren Punkten der Stadt Schäferhunde mit sich. Während uns Hunderte von modernen runden Kameras von oben beobachten, kontrollieren uns auf Straßenniveau diese Uniformierten auf den kaputten Gehsteigen. Sie kommen aus dem Nichts und verschwinden, wenn man sie am dringendsten braucht. Sie sind geschickt im Aufspüren eines Sackes Zement, der ohne Papiere transportiert wird, aber tauchen selten nachts in einem Viertel am Stadtrand auf, wo die Zahl der Straftaten steigt und steigt.
Es gibt auch die Leute in Zivil, diese “Schutzengel”, die immer präsent sind in jeder Schlange, in jedem Kulturzentrum oder in jeder Menschenansammlung. Sie sind jetzt nicht mehr so leicht zu entdecken, weil sie ihre Streifenpullover, ihre karierten Hemden und den militärischen Kurzhaarschnitt gegen Verkleidungen eingetauscht haben, die eine Bandbreite haben von Zöpfchen mit bunten Perlen bis zu Unterwäsche, die über dem Hosenbund herausschaut. Jetzt tragen sie Handys, Sonnenbrillen und Ledersandalen, aber man merkt ihnen trotzdem weiterhin an, dass sie fehl am Platz sind mit dem Gesichtausdruck eines Menschen, der nicht in die Situation passt, über die er informiert. Sie gehen zum Filmfestival, aber haben nie einen Film von Fellini gesehen; sie halten sich in den Galerien auf ohne die Fähigkeit zu unterscheiden, ob das, was sie sehen, ein figuratives oder ein abstraktes Bild ist. Man hat ihnen schließlich beigebracht, sich zu tarnen, aber man konnte ihnen nicht den verächtlichen Ausdruck vom Gesicht löschen, den sie angesichts dieser „kleinbürgerlicher Schwächen“ annehmen, die für sie die Kunst und ihre Manifestationen sind.
Dennoch fürchte ich nicht so sehr die Gruppe derer, die nummerierte Metallplaketten um den Hals tragen, noch die verdeckten Ermittler, die Berichte schreiben, sondern den Gedankenpolizisten, den wir alle in uns tragen. Er lässt nämlich die Signalpfeife der Angst schrillen, die uns rät, uns nicht zu trauen, und holt jedes Mal die Handschellen der Abgestumpftheit hervor, wenn sich in uns Kritiken und Meinungen anstauen. Er hat die Akademie der Selbstzensur mit Erfolg besucht und ist ein geschickter Soldat, wenn es darum geht, uns die Wege aufzuzeigen, die uns nicht in Schwierigkeiten bringen. Sein Strafgesetzbuch enthält sicherheitshalber ein paar kurze Artikel: 1. „Mach dir keine Probleme“ und 2. „Was du auch tust, es wird nichts ändern“. Wenn wir eines Tages mit dem Bedürfnis aufwachen, das Dröhnen seiner Stiefel in unserem Kopf zum Schweigen zu bringen, dann erinnert er uns an die Gitterstäbe, an die Gerichtshöfe und an die Unbarmherzigkeit eines Gefängnisses in der Provinz. Er braucht nicht seinen Schlagstock gegen unsere Rippen zu erheben, denn er beherrscht es gut, die Saiten unserer Angst anzuschlagen und Karategriffe anzuwenden, die unseren Körper schon im Vorfeld schmerzend und bewegungsunfähig zurücklassen vor dem Satz „Bleib ruhig, es ist besser zu warten“.
Sie ist acht Jahre alt und völlig verwirrt. Heute früh legte ihr die Mutter eine 25-Centavos-Münze in die Hand und sagte zu ihr: “Hier hast du fünf Pesos”. Sie betrachtete die glänzende Oberfläche mit dem Wappen der Republik, das auf der einen Seite eingeprägt ist und mit dem hohen, schlanken Turm der Stadt Trinidad auf der Rückseite. Obwohl sie in einem, was die Ökonomie betrifft, schizophrenen Land geboren wurde, ist sie noch nicht daran gewöhnt, von den kubanischen Pesos zu seinen konvertiblen Verwandten umzuschalten. In der Schule hat die Lehrerin noch nie von dieser Sache gesprochen; um es ihr zu erläutern, bräuchte sie ein eigenes Fach und ein ganzes Semester. Zu Hause wird ihr auch nicht viel erklärt, als ob die Erwachsenen es für normal hielten, dass sich in ihrem Geldbeutel zwei Arten von Währungen mischen.
In Kuba gibt es vier Marktformen und zwei verschiedene Sorten von Geld, um in ihnen zu bezahlen. Jeden Morgen entwerfen die Hausfrauen in ihrem Kopf ohne viele Umstände einen Plan, welche von ihnen sie nutzen, um wo einzukaufen. Es ist ein arithmetischer Vorgang, der einige Sekunden dauert, hinter denen sich fünfzehn Jahre verbergen, in denen der Dollar eingeführt wurde und sein späteres „Gespenst“, der konvertible Peso. Dauernd wird umgerechnet und es gibt Verkäufer, die ebenso die symbolischen Scheine annehmen, die man uns als Lohn aushändigt, wie die anderen mit einem Wert, der 24mal höher liegt. Für eine Ananas können wir ebenso zehn Pesos der nationalen Währung zahlen, der Lohn für einen Arbeitstag, wie fünfzig Centavos vom „Chavito“, wie er im Volk heißt. Manche Touristen wissen über dergleichen Verwirrspiel nicht Bescheid und erwerben die Königin der Früchte mit zehn konvertiblen Pesos. An diesem Tag schließt der Händler rasch seinen Stand und geht beglückt über diesen Irrtum nach Hause.
Die Generation meines Sohnes kann nicht begreifen, wie es ist, mit einer einzigen Währung zu leben. Ich glaube, sie haben eine besondere Entwicklung in einem Bereich des Gehirns durchgemacht, wo das Absurde schließlich akzeptiert wird, in diesen neuronalen Verbindungen, die das Inakzeptable bearbeiten. Sie bewerkstelligen die Umrechnungen mit der Leichtigkeit eines Menschen, der zwei Sprachen von klein auf gelernt hat und sie ohne große Anstrengung abwechselt. Mehrere Sprachen zu lernen ist jedoch immer etwas Bereicherndes, die finanzielle Dualität als etwas Natürliches anzusehen bedeutet aber, zu akzeptieren, dass es zwei mögliche Leben gibt. Eines von ihnen ist flach und grau, wie die nationalen Centavos, und das andere, das in all seiner Ausdehnung einem Gutteil der Bevölkerung verboten ist, erscheint voller Farben und filigraner Verzierungen, wie der Geldschein für zwanzig konvertible Pesos.
Gerüchte, die sich verbreiten, Gemurmel, das zu offiziellen Verlautbarungen wird und Zeitungen, die mehrere Wochen später das berichten, was das ganze Land schon weiß. Wir sind von einer Informationsbeschränkung zu einer wirklichen „Öffnung“ übergegangen, die parallel zur Zensur der offiziellen Medien läuft. Unser „Glasnost“ erhielt seinen Impuls nicht aus den Büros und Ministerien, sondern entstand durch Mobiltelefone, Digitalkameras und transportable Speichergeräte. Derselbe Schwarzmarkt, der uns mit Milchpulver oder Spülmittel versorgt hat, bietet uns jetzt illegalen Zugang zum Internet und Fernsehsender, die über die verbotenen Parabolantennen zu uns kommen.
Auf diese Weise erfuhren wir von den Ereignissen, die sich in Venezuela letzte Woche zugetragen haben. Mein eigenes Handy stand kurz vor dem Zusammenbruch wegen so vieler Mitteilungen, die mir von den Studentenprotesten und dem Abschalten mehrer Fernsehkanäle berichteten. Ich habe wiederum eine Kopie von diesen kurzen Schlagzeilen an alle meine Kontaktadressen geschickt in dem Netz, das besser als jede Virus-Übertragung funktioniert: ich stecke mehrere an und diese flößen dann ihrerseits den Informationsbazillus hundert Leuten ein. Es gibt keine Möglichkeit, diese Form der Nachrichtenverbreitung zu stoppen, denn sie nutzt keine festen Strukturen, sondern verändert sich und passt sich jedem Umstand an. Sie wirkt gegen Hegemonie, obgleich das kleine Wort im kubanischen Fall abweichende Untertöne annimmt, wo die Tageszeitung Granma, die Fernsehsendung „Runder Tisch“ und der DOR* die Vorherrschaft haben.
Wir erfuhren von den Toten in der psychiatrischen Klinik schon Tage vor der offiziellen Nachricht, über das Los der Hinausgeworfenen vom März 2009 wissen wir durch das „Radio Bemba“** Bescheid und eines Tages werden wir erfahren, dass das „Ende“ gekommen ist, noch bevor die Genehmigung erfolgt, es in der Presse mitzuteilen. Der Informationsstrom hat sich verfünffacht, obgleich das nicht auf eine Regierungsentscheidung zurückgeht, uns mit größeren Informationsmöglichkeiten auszustatten, sondern auf die technologische Entwicklung, die es uns erlaubt hat, die triumphalen Schlagzeilen und die gehaltlosen Nachrichtensendungen zu missachten. Jedes Mal sind wir weniger abhängig von dem vorgekauten und ideologisierten Brei der Fernsehnachrichten. Ich kenne Hunderte von Personen in meinem Umkreis, die Cubavisión und den Rest der Staatskanäle seit Monaten nicht einschalten. Sie sehen nur das geächtete Fernsehen.
Der Bildschirm eines Nokia oder Motorola, die glänzende Oberfläche einer CD oder der niedlich kleine Stift eines USB-Sticks pulverisieren unsere Desinformation. Auf der anderen Seite dieses Schleiers aus Unterlassungen und Falschmeldungen, der in Jahrzehnten entstanden ist, gibt es eine unbekannte und neue Verbreitung, die uns erschreckt und anzieht.
Anm. d. Ü.
* Abteilung der revolutionären Ausrichtung des Zentralkomitees, die die Informationspolitik aller Medien im Land bestimmt.
** Im März 2009 wurden der Vizepräsident Carlos Lage und der Außenminister Felipe Perez Roque aus ihren Ämtern entlassen.
Radio Bemba: Mund zu Mund Propaganda.
Der Freitag gestaltete sich von Anfang an schwierig, das leugne ich nicht. Am Morgen vermissten wir Claudio, unseren Lehrer für Fotographie in der Blogger-Akademie, weil ein Agent ihn, nachdem er ihm kaum einen abgegriffenen Ausweis mit dem Kürzel DSE (Staatssicherheitsabteilung) gezeigt hatte, festnahm und abführte. In unserer Wohnung veranstalteten wir nach dem Unterricht ein kleines Fest zur Feier des ersten Geburtstages von Voces Cubanas, das schon 26 persönliche Websites in seinem so kurzen Leben aufweist. Ich erinnere mich, wie inmitten von Umarmungen und Gelächter jemand zu mir sagte, dass ich mich in acht nehmen solle. „In einem solchen System gibt es keine Möglichkeit, sich vor den Angriffen des Staates zu schützen“, sagte ich zu ihm in dem Versuch, meine eigene Furcht zu verscheuchen.
Ungefähr um sechs Uhr abends waren wir auf dem Weg zu einem Familientreffen. Meine Schwester schenkte vor 36 Jahren am Tag der Eisenbahn meinem Vater beim Morgengrauen ihren ersten Schrei als Baby. Sogar Teo, der als Heranwachsender wenig zugänglich dafür ist, an den Aktivitäten der „Alten“ teilzunehmen, sagte zu, uns zu begleiten. Dort erwartete uns ein typischer Geburtstag mit Fotos, Kerzen zum Ausblasen und „Herzlichen Glückwunsch, Yunia, an deinem Ehrentag, verbringe ihn gesund und froh …“. Nur dass mehrere Augenpaare, die uns auflauerten, andere Pläne für uns hatten. Mitten auf der Boyeros Avenida, wenige Meter vom MINFAR (Ministerium der Bewaffneten Revolutionstruppen) und dem Büro von Raúl Castro entfernt, hielten drei Autos den schäbigen Lada an, in den wir an einer Ecke gestiegen waren.
“Lass es dir bloß nicht einfallen, durch die 23. Straße zu fahren, Yoani, weil die Union der Jungen Kommunisten dort eine Aktion veranstaltet“, schrieen einige Männer, die aus einem Geely von chinesischem Fabrikat ausstiegen, der mir meine starken Schmerzen im Lendenbereich von damals in Erinnerung rief. Etwas Ähnliches habe ich nämlich schon im vergangenen November erlebt, doch heute würde ich es nicht zulassen, dass sie mich kopfüber in ein anderes Auto dieses Mal neben meinem Sohn steckten. Ein riesiger Mann stieg aus dem Fahrzeug und begann seine Drohungen zu wiederholen. „Wie heißt du?“ fragte ihn Reinaldo, aber er hatte nicht den Mut zu antworten. Teos schlaksigem Körper entsprang ein ironischer Satz: „Er sagt seinen Namen nicht, weil er ein Feigling ist.“ Noch schlimmer, Teo, noch schlimmer, er sagt seinen Namen nicht, weil er sich nicht als Individuum sieht, sondern weil er einfach nur ein Sprachrohr anderer Leute weiter oben ist. Eine professionelle Kamera filmte jede unserer Gesten in der Erwartung einer aggressiven Haltung, eines unflätigen Satzes, eines Zornesausbruchs. Die Injektion des Schreckens war kurz, aber der Geburtstag war uns verdorben.
Wie können wir unversehrt aus all dem herauskommen? Auf welche Weise kann sich ein Bürger eines Staates schützen, der über Polizei und Gerichte verfügt, schnelle Eingreifbrigaden und die Massenmedien, der die Möglichkeit zu Diffamierung und Lüge hat, der die Macht hat, jemanden sozial zu vernichten und ihn in einen Besiegten zu verwandeln, der um Vergebung fleht? Wovor haben sie solche Angst? Was sollte ihrer Erwartung nach heute in der 23. Straße passieren, dass sie mehrere Blogger festnahmen?
Ich spüre ein Entsetzen, das mich fast nicht tippen lässt, aber ich will denen, die mich heute im Beisein meiner Familie bedroht haben, sagen, dass jemanden, der zu einem gewissen Grad von Panik gelangt ist, eine noch höhere Dosis gleichgültig lässt. Ich werde weder aufhören zu schreiben, noch zu twittern; ich habe nicht vor, meinen Blog zu schließen, noch werde ich die Gewohnheit ablegen, mit meinem eigenen Kopf zu denken und vor allem werde ich nicht aufhören zu glauben, dass diese Leute viel mehr Angst haben als ich.
Es ist lange her, dass eine Insel unsere Identität noch umfassen konnte. Der Akt des Geborenwerdens und Aufwachsens in diesem länglichen Territorium ist nicht mehr der wichtigste Faktor, um seine Nationalität zu tragen. Wir sind ein Volk, das auf alle fünf Kontinente verteilt ist, als ob uns eine unstete Hand, geleitet von ökonomischen Bedürfnissen und dem Mangel an Freiheit, auf der Oberfläche der Weltkarte verstreut hätte.
Ich weiß, was man da fühlt. Ich weiß, wie hart es ist, in irgendeinem Land zu einem kubanischen Konsulat zu gehen, und man bittet dich dort um deine Unterschrift für die Freilassung von fünf Agenten des Innenministeriums, Gefangene der Vereinigten Staaten, aber sie fragen dich nicht einmal, ob sie dir bei irgendetwas behilflich sein können. Ich habe gehört, wie eine junge Frau in einer Botschaft in Europa weinte, als ein Beamter ihr wiederholt mitteilte, dass sie nicht in ihr eigenes Land zurückkehren dürfe, weil sie die elf Monate der Ausreiseerlaubnis überschritten habe. Ich war auch Zeuge der anderen Seite. Des ablehnenden Bescheids, den viele erhalten, die hier die Weiße Karte beantragen, um in ein Flugzeug zu steigen und dem Inseldasein zu entfliehen. Die Reisebeschränkungen sind für uns zur Routine geworden und viele sind inzwischen der Meinung, dass es so sein muss, weil das Kennenlernen anderer Länder ein Privileg ist, das man uns gibt, ein Sonderrecht, das man uns verleiht.
Diese wenigen Personen, die darüber entscheiden, wer diesen Archipel betritt oder verlässt, haben die Teilnehmer der Tagung „Nation und Emigration“, die seit heute im Palast der Konventionen statt findet, ausgewählt. Ich habe die Diskussionspunkte dieser zwei Tage gelesen und glaube nicht, dass sie die Sorgen und Bedürfnisse der Mehrheit der emigrierten Kubaner repräsentieren. Es fällt auf, dass nicht gefordert wird, die Beschlagnahmung des Besitzes derer, die sich in einem anderen Land angesiedelt haben, zu beenden, noch die Notwendigkeit erwähnt wird, den Exilkubanern das Wahlrecht zurückzugeben. Ich finde auf der Tagesordnung nicht einmal die Ankündigung, den Beschränkungen ein Ende zu setzen, denen viele von ihnen ausgesetzt sind, wenn sie wieder einreisen oder sich auf ihrer eigenen Heimaterde niederzulassen wollen.
Auch der Teil von uns Kubanern, die wir auf der Insel leben, wird nicht mit all unserer Vielfältigkeit und unseren Nuancen wiedergegeben, sondern er zeigt den Stempel des Offiziellen und das Holzschnittartige des von oben Gesteuerten. Beide Ansichten, die von Innen und die von Außen, sind eingeschränkt und gefiltert, um zu vermeiden, dass „Nation und Emigration“ zu einer Veranstaltung wird, bei der man die Liste der Grausamkeiten im Zusammenhang mit Migration abarbeitet, unter denen wir leiden. Die verantwortlichen Personen, die das Treffen organisiert haben, möchten in dem riesigen Saal, in dem sich normalerweise das Parlament versammelt, lieber donnernden Applaus hören als Beschwerden und Kritiken.
In einem Haushalt zu leben, bedeutet, lästige Pflichten erfüllen zu müssen. Der Wasserhahn vom Spülbecken tropft, die Lampe im Wohnzimmer brennt nicht mehr, der Türschüssel macht Probleme und – was für ein schlimmer Tag, entsetzlich – der Kühlschrank ist kaputt. Erschrocken stellen wir fest, dass das Eisfach anfängt zu tropfen und dass das typische Summen des Apparates aufgehört hat. Eine Tragödie dieses Ausmaßes erlebte ein Bekannter von uns letzte Woche.
Früh morgens rief er die nächste Stelle zur Reparatur von Haushaltsgeräten an, aber sie gingen nicht ran oder es ertönte das Besetztzeichen. Er beschloss hinzugehen, am Empfang feilte sich ein Mädchen sorgfältig die Nägel. Tief betrübt erzählte er ihr die Geschichte seines Haushaltsgerätes und beschrieb dessen Symptome. Er war sogar schon kurz davor, eine Diagnose zu wagen, aber in dem Moment unterbrach sie ihn und verkündete, dass es sich sicher um den „Timer“ handele und dass sie dieses Ersatzteil nicht auf Lager hätten. Sie machte ihm klar, dass die Werkstatt eine Warteliste habe, die sich auf mehrere Monate belaufe. Wie ein intelligenter Mann mit Lebenserfahrung formulierte der hilfsbedürftige Kunde die richtige Frage im entsprechenden Tonfall: „Kann man das nicht anders lösen?“ Die Frau beendete ihre Maniküre und rief laut nach einem Mechaniker.
Nachdem man sich über den Preis geeinigt hatte, waren alle zufrieden. Mittags funktionierte der Kühlschrank wieder und der Techniker ging mit einem entsprechenden Entgelt von zwei Monatslöhnen nach Hause. An diesem Abend brachte mein Bekannter, der Barmann in einem 5 Sterne Hotel ist, mehrere Flaschen Rum, die er auf dem Schwarzmarkt gekauft hatte, mit zur Arbeit. Mit ihnen schenkte er die ersten Mojitos und die leckeren Piñas Coladas aus, die die Touristen tranken. Sie vermuteten nicht, dass sie so dabei halfen, das Loch zu stopfen, das durch die Reparatur des Kühlschranks entstanden war, das riesige Schlagloch, das sich im Budget des Barmannes aufgetan hatte.
Jeden Abend geht ein europäischer Geschäftsmann im Cabaret eines Luxushotels von Tisch zu Tisch mit einer ungewöhnlichen Bitte. Er nähert sich den Tischnachbarn und erklärt ihnen, dass sie ihn zahlen lassen sollen, wenn die Rechnung kommt, und zwar mit den bunten Gutscheinen, die er in seiner Tasche mit sich führt. Im Gegenzug sollen sie ihm den Betrag in Pesos Convertibles geben, die er dann in Dollar oder Euro tauschen und ins Ausland mitnehmen kann. Dieser Mann ist ein Opfer des Finanz-Corralitos, der zahlreiche ausländische Investoren daran hindert, ihren Gewinn aus nationalem Territorium zu schaffen. Damit sie nicht völlig verzweifeln, erlauben die kubanischen Autoritäten ihnen, auf der ganzen Insel ihren Profit zu konsumieren, indem sie mit Papiergeld zahlen, das keinen realen Wert hat.
Das Drama der eingefrorenen Guthaben betrifft heute zahlreiche Geschäftsleute, die sich anschickten, mit Billigung des Gesetzes von ausländischen Investitionen vom Jahr 1995 in unser Wirtschaftssystem zu investieren. Sie genossen das Privileg, eine Firma zu betreiben, eine Sache, die den hier Geborenen absolut verboten war. Sie bildeten eine neue Unternehmerklasse in einem Land, in dem die Revolutionsoffensive von 1968 alles, sogar die Sessel der Schuhputzer, konfisziert hatte. Der umfangreiche Gewinn, den sie erwirtschaften konnten, machte sie zu einem sehr attraktiven Zielobjekt für Amateurhuren, Hausvermieter und Mitglieder der Staatssicherheit. Viele von ihnen sah man in den teuersten Restaurants appetitliche Speisen in Begleitung sehr junger Frauen auswählen. Andere, und das waren die wenigeren, spendierten ihren Angestellten Zusatzgeschenke, um die niedrigen Löhne in kubanischen Pesos auszugleichen, die ihnen die Staatsfirma als Arbeitgeber zahlte.
Diese Repräsentanten einer “Vorpostengilde“ waren bereit, ein wenig von ihrem Kapital zu verlieren, solange sie sich nur von nun an in dem Umfeld aufhalten durften, das eines Tages einem in Stücke aufgeteilten Kuchen ähneln würde. Die Leute jedoch, die die Verträge unterschrieben und mit ihnen nach einem Abschluss den Champagner teilten, hielten sie nur für ein notwendiges und vorläufiges Übel, einen Umweg, der völlig verschwinden würde, sobald die Sonderperiode beendet wäre. Nach so vielen Garantieversprechungen zeigte man ihnen vor einigen Monaten die leeren Staatskassen, wobei ihnen immer der gleiche Satz wiederholt wurde „wir können Sie nicht bezahlen“. Plötzlich spürten diese Unternehmer die Machtlosigkeit und fühlten den Schrei, der einem in der Kehle stecken bleibt, Dinge, mit denen wir Kubaner uns jeden Tag herumplagen müssen. Trotzdem sind sie noch nicht ganz so schutzlos wie wir der Ausplünderung durch den Staat ausgeliefert: ihr Reisepass eines anderen Staates gibt ihnen die Möglichkeit, einfach wegzufliegen und alles zu vergessen.
Anm. d. Ü.
*Corralito (deutsch: Ställchen) ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein argentinisches System zur Beschränkung des Bargeldumlaufs und zum Einfrieren von Bankkonten, das 2001 in der Argentinienkrise eingeführt wurde.
Die Verrückten sind leichte Beute für die Spitzbuben, die ihnen an den Straßenecken schmerzliche Sätze zurufen, um ihr Delirium noch zu vergrößern. In meinem Viertel hatten wir einen mit zwei Papierschiffchen, der Stunden mit einer seltsamen Regatta zubrachte, die nirgendwohin führte. Seine Mutter hielt ihn mit Benadrilin und Diazepam ruhig; besser, als ihn in das Irrenhaus Mazorra, die psychiatrische Klinik von Havanna zu schicken.
Vor dem geistigen Auge jener Frau standen die Bilder der Nervenheilanstalt in der Boyeros Straße mit ihrem angehäuften Schrecken und ihrer armseligen Ausstattung. Die Patienten fast nackt, die Wände mit menschlichen Exkrementen beschmiert und das Fehlen von Beaufsichtigung waren das Szenarium für schlimmste Gräueltaten. Die Fotos waren in den Zeitschriften in jenem fernen Jahr 1959 veröffentlicht worden. Danach kamen Reportagen im Fernsehen, saubere Bettlaken, Beschäftigungstherapie und sogar politische Propagandatafeln, die das Antlitz des früheren Schreckens veränderten. Nur dass die Verrückten, wie ich schon sagte, leichte Beute für Spitzbuben sind.
Seit den Neunziger Jahren mit dem Eintritt der Sonderperiode wirkte sich die Umleitung von Hilfsmitteln verheerend auf Mazorra aus. Die Nachbarn der angrenzenden Straßen waren gut versorgt durch den Schwarzmarkthandel, bestehend aus Wolldecken, Milch, Essen, Kleidung, Handtüchern und Medikamenten, die aus dem Hospital kamen. Die dort Eingewiesenen hielten es für einen Teil ihres Leidens, dass jeden Tag mehr Glühbirnen in den Sälen fehlten, wie in dem Film „Das Haus der Lady Alquist“. Man stahl ihnen alles Unverzichtbare und niemand bemerkte die zerbrochenen Fenster, die verstopften Toiletten und die durchgebrochenen Betten. Diesmal bekam kein Journalist die Erlaubnis, über das Elend zu berichten.
Die offizielle Presse konnte jedoch den Tod von 26 Patienten, einige behaupten, die Zahl belaufe sich auf fast 40, wegen Unterkühlung und Leiden infolge von Vernachlässigung nicht verheimlichen. Sie kamen an einigen kalten Tagen im Januar ums Leben, während sie sich an einander drückten, Körper an Körper, ohne dadurch das Ende vermeiden zu können. Die Spitzbuben aber bauten sich Häuser mit den Dividenden des Raubes und glaubten, dass nie jemand ihre Hinterziehungen entdecken würde. Heute wird nach den Verantwortlichen in dem Krankenhaus unter großem Polizeiaufgebot gesucht, damit sich keine Neugierigen nähern. Es sind noch keine Bilder herausgekommen, aber mich quält die Vorstellung, wie sehr diese Patienten in ihrer Hilflosigkeit jenen Gesichtern auf den Fotographien aus der Vergangenheit gleichen werden.
“Was meinst du, welchen Namen ich ihm geben soll?”, fragt mich eine Freundin, die im sechsten Monat schwanger ist und einen Jungen erwartet. Aus dem ersten Impuls heraus antworte ich mit dem üblichen „José“, aber sie verzieht ihr Gesicht und verpflichtet mich damit, etwas weniger Traditionelles zu suchen. Ich spule daraufhin eine umfangreiche Liste mit Mateo, Lázaro oder Fabian ab, aber keiner sagt der anspruchsvollen Mutter zu. Wenn sich die gleiche Situation vor zwanzig Jahren zugetragen hätte, dann wäre das Baby mit einem „Y“ belastet worden, wie viele, die in den Siebziger und Achtziger Jahren geboren wurden. Die exotische Mode, den vorletzten Buchstaben des Alphabets zu nutzen, scheint jedoch überwunden zu sein.
Viele Jahre zeigten die Kubaner bei der Namensgebung ihrer Kinder eine Freiheit, die sie in anderen Lebensbereichen nicht erfahren durften. Der graue Schleier, den der rationierte Markt und die staatliche Kontrolle auf unsere Existenz warfen, verflüchtigte sich, sobald ein Neugeborenes in das Zivilregister eingetragen wurde. Die Eltern spielten mit der Sprache und kreierten wahrhafte Zungenbrecher, wie der, den ein berühmter Baseballspieler aufweist, der „Vicyohandri“ heißt. Manchen verpassten sie sogar das seltsame Gebilde „Yesdasí“, eine Mischung des Wortes „ja“ in Englisch, Russisch und Spanisch.
Glücklicherweise wehen seit einigen Jahren ruhigere Winde bei der Benennung eines Kindes. Eine ganze Generation, die den Eindruck hatte, bei ihrer Namensgebung habe es sich um ein Laborexperiment gehandelt, will jetzt lieber wieder zu alten Gepflogenheiten zurückkehren. Nach mehreren Tagen rief mich also meine Freundin an, um mir ihre Entscheidung mitzuteilen: das Baby wird Juan Carlos heißen. Auf der anderen Seite der Leitung atmete ich erleichtert auf: der Verstand ist bei der Namensgebung von Kindern zurückgekehrt.
Bar jeden Schutzes reisen die Kubaner durch den Allgemeinen Zoll der Republik ein, wo man sie den Rückkehrpreis zahlen lässt. Eine Markierung mit Kreide am Koffer zeigt an, wer das Schafott der Wertbeurteilung und den institutionalisierten steuerlichen Überfall auf bestimmte Waren durchlaufen muss. Seltsamerweise haben die Angestellten einen guten Riecher zur Entdeckung von zurückkehrenden Einheimischen, denn sie wissen, dass diese beladen mit den unterschiedlichsten und unglaublichsten Dingen ankommen. Außen in der Empfangshalle träumen die Familien davon, die emigrierten Angehörigen zu umarmen und fantasieren von möglichen Geschenken, während das Gepäck des Reisenden gewogen wird und ihm eine hohe Rechnung gezeigt wird, die er begleichen muss.
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass in einem Land, in dem es an so vielen Produkten und Ressourcen fehlt, der Verlauf der Verzollung durch Flexibilität beim Import im privaten Bereich charakterisiert sei; aber das ist nicht der Fall. Wir erleben eher das andere Extrem mit einer strengen „Liste der internen Wertermittlung“, die dazu verpflichtet, den Inhalt der Koffer noch einmal zu bezahlen, ob sie nun eine Seife, eine Sardinenbüchse oder einen Laptop enthalten. Alles wird noch komplizierter, wenn der freudig erregte Besucher auf die Idee gekommen ist, ein Haushaltsgerät oder eine Digitalkamera für seine Verwandten mitzubringen. Wenn er dieses moderne Zubehör einführen will, so muss er eine Summe aus seinem Geldbeutel ziehen, die zwischen 10 bis 80 CUC beträgt. Das ist wie ein Lösegeld, das man „Kidnappern“ von fremdem Gut gibt, damit die Ausrüstung in die Hände der Adressaten gelangen kann.
Wie ein Gewerbe des Ausplünderns vergrößern die kubanischen Zollbehörden jeden Tag die Menge der konfiszierten Sachen, ebenso wie sie der Registrierkasse Tausende von Dollars als Steuern hinzufügen. Seine großen Lager haben sich mit Haartrocknern, Play Stations, Elektrobacköfen und Computern, die Reisende mit sich führten, angefüllt. Das endgültige Ziel dieser Waren wird nie erläutert, aber wir alle wissen, dass sie den Weg dunkler Kanäle nehmen, wie so viele andere Sachen. Wenn wir unser Augenmerk auf die Einreisebeschränkungen richten, dann steht die Insel scheinbar kurz davor, unter dem Gewicht von Überfluss und Wohlstand zu versinken, Aber wir alle wissen, dass ihre 111 Tausend Quadratkilometer angesichts des geringen Gewichts, das ihr die Unproduktivität und der Mangel auferlegen, im Begriff sind, davon zu schweben.
Bild: Die erste Seite unseres neuen Heftchens für rationierte Produkte
Das neue Rationierungsbüchlein überraschte uns Ende Dezember, gerade als sich die Gerüchte um das Ende dieses Heftchens mit den karierten Seiten mehrten. Es kam wie jedes Jahr, begleitet von Beklemmung und Überdruss und brachte uns in den Konflikt zwischen Vermeidung und Annäherung, den Subventionen hervorrufen. Auf seinen kleinen Seiten erkenne ich das Fehlen von vielen Produkten, die einmal einen monatlichen Anteil bildeten, heute mit Mühe reduziert auf ein monotones Repertoire mit unzureichenden Nährwerten und steigenden Kosten.
Zum ersten Mal gehört unsere ganze Familie derselben Altersgruppe von den fünfen an, die das Ministerium des Inlandhandels festgelegt hat. Genau in dem Kästchen für 14 bis 64 Jahre erscheint mein Sohn neben Reinaldo und mir; tja, mindestens drei Generationen von Kubanern haben gesehen, wie die Lagerverwalter das, was wir zum Mund führen dürfen, aufschreiben. Gefangen in materieller Not sind Millionen von unseren Landsleuten von den subventionierten Preisen abhängig, um zu überleben. Die Rationierung bedeutet Trampolin und Sicherheitsnetz, eine Abhängigkeit, die alle beenden möchten, aber der fast niemand entkommen kann.
Ich betrachte meinen Namen neben dem von Teo und es erschreckt mich, dass auch sein Kind nur bis zum siebten Lebensjahr Milch bekommen wird, man ihm alle zwei Monate eine Seife zum Waschen zuerkennt oder eine fade schmeckende Zahnpasta zum Reinigen seiner Zähne. Es erschüttert mich, mir vorzustellen, dass man sich in dreißig Jahren noch immer mit einem ärztlichen Attest ein Magengeschwür bescheinigen lassen muss, um das Recht auf einige Unzen Fleisch oder einen Becher Sojajoghurt zu erhalten. Mit seinen sehr geringen Quantitäten und seiner zweifelhaften Qualität hat der rationierte Markt uns eine ungesunde Dankbarkeit eingeimpft und einen Schuldkomplex, den wir nicht an die kommenden Generationen weitergeben dürfen. Wenn der nächste Dezember kommt und uns ein neues Büchlein ausgehändigt wird, dann bedeutet das nicht, dass wir wirtschaftliche Kürzungen vermieden hätten, sondern dass wir eine weitere Stufe in unserer Autonomie als Bürger hinab gestiegen sind.
* Der folgende Text wurde von Yoani allen Übersetzern zugesandt mit der Bitte, ihn, wenn einmal Zeit ist zu übersetzen und zu veröffentlichen. Dieser Bitte komme ich hiermit nach:
Jede Woche bekomme ich hunderte E-Mails, die ich kaum beantworten kann, da der Zugang zum Netz für mich stark eingeschränkt ist. So nehme ich die Möglichkeit wahr, auf dieser Seite folgende Frage zu beantworten:
Wie kann ich die alternative Blogosphäre in Kuba unterstützen?
Ich werde die Mittel und Arten der Zusammenarbeit aufzählen, die Bloggern helfen können, ihre Blogs zu entwickeln und zu verbessern. Diese Liste ist nicht nach Prioritäten geordnet und sollte einfach als Empfehlung gesehen werden. Es ist eine Bitte an Menschen auf der ganzen Welt und beruht auf der zwischenmenschlichen Solidarität, die nichts zu tun hat mit politischen Richtungen oder ideologischen Präferenzen. Hier ist also die Liste:
• Klicke die Blogs an und stelle sie auf Suchmaschinen oder Plattformen, wo sie besser gesehen werden. Jeder, der uns liest, beschützt uns, denn wir müssen den Schutzschild, der aus Lesern und Kommentatoren gebildet wird, weiter ausbauen.
• Verbreite den Inhalt der Blogs, besonders im Inland von Kuba. Das kann geschehen, indem man unsere Posts Freunden oder Verwandten auf der Insel schickt, um ihnen Meinungen mitzuteilen, die direkt von hier kommen, aber die in den öffentlichen Medien nicht erwähnt werden.
• Lade alternative Blogger dazu ein, an virtuellen oder realen Veranstaltungen teilzunehmen. Das kann geschehen durch Stimmenaufzeichnung, eigenen Videos oder Telefonanrufen, die dabei helfen, ihre Meinungsäußerungen zu verbreiten.
• Biete deine Unterstützung bei der Verwaltung von Blogs, besonders den Bloggern an, die nur sehr beschränkten Zugang zum Internet haben. Dazu brauchst du nur die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, ein minimales Verständnis von Wordpress oder Blogger.com und die Aufrichtigkeit, nichts hinzuzufügen oder zu verändern, was durch den Autor der Seite nicht autorisiert worden ist.
• Vermeide den Personenkult für einen emblematischen Blogger und betrachte die alternative Blogosphäre als ein Phänomen, an dem eine wachsende Zahl von Kubanern teilnimmt. Wiederhole in der virtuellen Welt nicht die Verehrung eines Individuums, die so viel Schaden in der realen Welt anrichtet.
• Kaufe Zugangskärtchen zum Internet an öffentlichen Orten. Denk daran, dass viele von uns die hohen Preise in den Cybercafes oder in den Hotels zahlen müssen, um ins Netz zu gelangen. Wenn du also als Tourist unsere Insel besuchst, unterstütze uns durch den Kauf von einigen Stunden Netzzugang an diesen Orten.
• Jede Art von Informationsmedium ist hilfreich für uns, von den kleinen Flash-Speichern bis hin zu den externen Festplattenspeichern. Eine große Zahl von Bloggern, die ich kenne, verbreiten ihre Texte im Inland der Insel anhand dieser Speichermedien.
• Mobiltelefone und finanzielle Unterstützung, um ein solches Konto zu eröffnen und zu erhalten. Ich bin in der Lage, häufig Texte einzustellen, indem ich Leuten außerhalb Kubas Texte schicke, die sie dann ins Netz hochladen. Wenn man einem Blogger ein Handy zur Verfügung stellt, bedeutet das, ihm einen Parallelweg zum traditionellen Internetzugang zu eröffnen.
• Laptops oder jede Art von Bauteilen, um einen Computer herzustellen. Meine Erfahrung sagt mir, dass ein alter Laptop, der auf unsere Insel gebracht und einem möglichen Blogger gegeben wird, der Funke sein kann, der eine neue Meinung entstehen lässt. Suche in deinem Büro oder bei dir zu Hause nach allem, was kaputt ist, aber trotzdem nützlich sein könnte, um damit einen Computer zusammenzubauen, und stecke es in deinen Koffer, wenn du in Kuba Urlaub machst. Und bitte, denk nicht einmal im Traum daran, es per Post zu schicken!
• Freie und lizensierte Software. Besonders die Programme zur Bearbeitung von Bildern, Audio und Video und zur Optimierung von Internetverbindungszeit. Ich möchte daran erinnern, dass wir diese Programme in keinem Laden hier kaufen oder online erwerben können.
• Digitalkameras oder Videorekorder, besonders der kleine Flip-Camcorder, der es uns ermöglicht, Situationen aus unserem Alltagsleben diskret zu filmen.
• Digitalrekorder für Interviews und Telefonrekorder, um die Stimmen derer aufzunehmen, die aus den Provinzen anrufen, um ihre Texte zu diktieren. Ein Beispiel dafür ist der Blog des politischen Gefangenen Pablo Pacheco, der seine Texte übers Telefon übermittelt.
• Bücher über Bürger-Journalismus, Handbücher und Programme und jede Art von Dokumentation, die uns helfen kann, das Phänomen des Bloggens besser zu verstehen.
Der Weg, um diese Hilfe zukommen zu lassen, sollte direkt zu jedem Blogger gehen. Schreibe eine Nachricht an die E-Mailadresse, die in den Blogs erscheint, die innerhalb Kubas veröffentlich werden – sieh auf die Liste auf dem Seitenband – und organisiere diese Art von Solidarität ohne Mittelspersonen.
Kubanern ist es nicht möglich, einen Vertrag für einen privaten Internetzugang abzuschließen. Nur höhere Beamte und hier ansässige Ausländer dürfen von Zuhause ins Netz. Deshalb kann ich meine Texte nur vom Hotel aus schicken, wo eine Stunde im Internet zwischen 7 und 9 $ kostet.
Wenn du Generation Y unterstützen möchtest für eine bessere Aufbereitung ihrer Texte, dann spende hier:
Gestern rannte ich vom Stadtviertel Cerro nach Hause in der Absicht, den Sonnenuntergang zu filmen und in meinen Blog zu stellen. Der letzte untergehende Feuerbogen war von Wolken bedeckt und es war nicht möglich, ihn auf die Kamera zu bannen. Etwas frustriert sah ich nach Nordosten und da erhob sich ein spektakulärer Mond aus der Leeseite der Rauchsäule von der Raffinerie Nico López. Licht neben Schmutz, ein Silberring in der Nähe der Flammen, die bei der Verbrennung des „dunklen“ Öls entstehen.
Zu diesem Text bringe ich für Euch einige Bilder dieses natürlichen Satelliten, der in seiner ganzen Größe über uns leuchtete. Auch schüttete ich den traditionellen Eimer Wasser um zwölf Uhr nachts von meinem Balkon als Akt der jährlichen Reinigung, um alles, was uns daran hindert als Nation voranzukommen, zu vertreiben. Heute Morgen trocknete die erste Sonne von 2010 die Pützen, die durch die Wassergüsse, die von den umliegenden Gebäuden fielen, entstanden waren. Wie ein mehrfacher und verzweigter Wasserfall hörten sich diese Springbrunnen an, die jedem Haus entströmten. „Das Böse soll verschwinden, es soll verschwinden“ dachten wir Millionen Kubaner einmütig.
Den Lesern der deutschen Version von Yoanis Blog (übrigens zurzeit täglich zwischen 800 und 900 im Schnitt) und den bis jetzt noch wenigen, dafür aber sehr treuen Kommentarschreibern einen guten Rutsch und die besten Wünsche zum neuen Jahr.
Yoani und ihrer Familie alles, alles Gute für 2010. Deine Vorsätze und Wünsche „im Weidenkörbchen“ mögen sich erfüllen. Pass gut auf dich auf und bleibe weiterhin so stark wie bisher.
Mit dem Jahresende schießt der Preis für Schweinefleisch in die Höhe, die Taschendiebe verstärken ihre Aktivitäten und der Transport zwischen den Provinzen wird zu etwas Unmöglichem. Wir stellen fest, dass sich der 31. Dezember nähert, sobald die Schlangen für den Kauf einer Fahrkarte länger werden und es auf der Landstraße schwieriger wird, Autostop zu machen. An den Ausfallstraßen von Havanna sammeln sich die Alleinreisenden oder ganze Familien beladen mit ihren Koffern. Viele von ihnen kehren an ihre Heimatorte zurück, um dort die letzte Nacht von 2009 zu feiern. Sie suchen für einige kurze Tage den Platz wieder auf, den sie aus Gründen materieller Not, Arbeit oder Heirat verlassen mussten.
Obwohl es der Anschein hatte, dass der Kauf von Tausenden von Omnibussen der Marke Yutong vor einigen Jahren die Verkehrsprobleme in Kuba lösen könnte, ist es immer noch eine Odyssee, sich von einem Punkt der Insel zu einem anderen zu bewegen. Ein Fahrschein von der Hauptstadt bis zur Provinz Camagüey kann die Hälfte eines Monatslohnes kosten und verurteilt uns dazu, uns auf den engen Sitzen dieser chinesischen Busse niederzulassen bei einer Klimaanlage, die man nicht regulieren kann und bei Reggaemusik, die dröhnend aus den Lautsprechern schallt. Zu diesen Unbequemlichkeiten kommen noch die Kontrollpunkte auf der Landstraße, die der volkseigene Humor CAT (computergesteuerte Axialtomographie) getauft hat, da sie es fertig bringen, sogar ein Paket Garnelen, das ausgerechnet zwischen den Brüsten einer walzenförmigen alten Frau versteckt ist, zu entdecken. Zum Jahresende vervielfacht sich der Schacher des Schwarzmarktes und die Polizisten machen ihren Reibach, wenn sie den furchtlosen Händlern von Käse, Langusten, Fleisch, Milch und Eiern ihre Ware abnehmen, Strafgelder abkassieren und sogar das Einkassierte behalten.
Auf beiden Seiten einer Straße, die eine Provinz mit der anderen verbindet, sieht man ausgestreckte Hände, die Geldscheine anbieten, die im Wind flattern. Das sind Leute, die nicht einmal mehr ein Zugticket bekommen haben und sich aufs Geradewohl auf die Autobahn stellen in der Hoffnung darauf, dass einer sie mitnimmt. Dort sieht man das bläuliche Papier eines Scheines zu Zwanzig und weiter hinten zwei zu Fünfzig, eine junge Frau zeigt nur einen Schein zu Zehn, sodass sie keine Chance haben wird, wenn sie nicht ihr Angebot erhöht oder ihren Rock ein wenig höher schiebt. Manchen lacht das Glück, wenn ein Touristenauto erscheint, das einen Reiseführer braucht angesichts des Fehlens von Wegweisern. Aber die ausländischen Besucher ziehen aus Furcht vor einem Überfall Paare oder Frauen mit Kindern vor. So müssen die Männer auf einen Lastwagen oder einen Karren warten, der sie mitnehmen will.
Am Ende des Tages werden diese Improvisations-Reisenden am Tisch eines kleinen Häuschens sitzen oder die Yucca zubereiten für das Essen des heiligen Silvester. Sobald die ersten Sonnenstrahlen des neuen Jahres erscheinen, werden sie zur Autobahn zurückkehren, sich von neuem dem Asphalt übereignen und eine Hand heben, die dieses Mal vielleicht keinen Schein mehr vorzuweisen hat.
Foto: Während des Anti-Gewalt-Marsches am 6. November 2009
Meine Bereitschaft, Unterschiede zu respektieren wurde mit dem „offenen Brief, der sich gegen die aktuellen Behinderungen und Verbote sozialer und kultureller Initiativen wendet“ auf die Probe gestellt. Der Text kam als E-Mail und beinhaltet die desillusionierte und drängende Aussage einer Gruppe von Intellektuellen und Akademikern. Unter ihnen entdecke ich einige der Namen, die im fernen Jahr 2007, mit gewisser Naivität dazu beitrugen, den Reform-Mythos von Raúl erstehen zu lassen. Zu dieser Zeit sprachen sie von Maßnahmen, die man durchführen müsse, von Anpassungen und Veränderungen, mehr ästhetischer als systemischer Art, die man anwenden müsse. Zwei Jahre später zeigten sie sich fürchterlich alarmiert über die Richtung, die das Land genommen hat. Mit ihren Artikeln stützten sie die Hypothese, dass der kubanische Entwicklungsprozess sich selbst erneuern könne, als ob diese Absurdität, in der wir leben, ein Drehbuch wäre, das von der Mehrheit geschrieben worden sei, und nicht die strenge Richtschnur, die einem einzigen Büro entspringt.
Ich werde nicht eine von denen sein, die andere beschuldigen, sie hätten zu lange gewartet, um sich zu äußern. Ich, die ich fast dreißig Jahre schwieg, habe kein Recht, über die zu urteilen, die die Maske des Konformismus trugen, das passive Gesicht dessen, der sich nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Ich begrüße jeden Vorstoß, der den Fluss der Kritik ans Tageslicht bringt, der in den Grotten unserer Furcht mehrere Jahrzehnte eingesperrt war. Ich werde meine Hand denen entgegenstrecken, ohne ihnen Vorwürfe zu machen, die das Risiko auf sich nehmen, sich zu äußern, weil bei ihnen so die Angst davor schwinden wird, von mechanischem Applaus zu offener Kritik überzugehen.
Der Brief sticht hervor durch Verschiedenes, was unerwähnt bleibt, besonders auf der Liste der Tatsachen, die den “Anstieg der bürokratisch-autoritären Kontrolle“ beweisen. Es fehlen auf dieser Liste die bitteren Ereignisse vom vergangenen 10. Dezember, die Zunahme der so genannten Ablehnungskampagnen, die Züchtigung von verschiedenen Oppositionellen und die Anwendung von körperlicher Gewalt gegen viele von ihnen. Besondere Erwähnung verdient der Gebrauch, den man vom Terminus „Konterrevolution“ macht, indem die Unterzeichner die degradierende und ausschließende Sprache übernehmen, die den Rednertribünen entspringt. Es überrascht zu sehen, mit welch großem Schematismus Professoren, Wirtschaftler und graduierte Universitätsangehörige ihre Mitbürger klassifizieren. Mich erschreckt diese Gesellschaft, die ich in diesem Dokument erahne, wo man offen über Trotzkismus, Anarchismus oder Sozialismus sprechen kann, wo man aber weiterhin die Sozialdemokraten, wie die Christdemokraten, wie auch die Liberalen nicht zu Wort kommen lässt. Wenn das der Lösungsvorschlag ist, dann tut es mir sehr leid, aber das ist nicht das Land, wo ich meine Enkel aufwachsen sehen will.
Ich glaube nicht, dass wir eine Re-Pavonisierung* erleben, da schließlich der Hardliner Luis Pavón nicht die Macht hatte, um eine schreiende und schlagende Menge auf die Straße zu schicken; seine Macht reichte auch nicht dazu, irgend jemanden zu einer Strafe von dreißig Jahren zu verurteilen. Den dunklen Zensoren jener fünf grauen Jahre fehlte die Autorität, um einen Bewachungszaun um ein Haus zu ziehen, ein Telefon abzuhören oder einen unabhängigen Journalisten oder Blogger zu verhaften, ohne ihn auf eine Polizeistation zu bringen. Es ist nicht die Rückkehr der Kultur-Inquisitoren, was wir gerade erleben, sondern das Anziehen der Schrauben eines sterbenden Systems, dem die Argumente ausgehen, der Fall des letzten Schleiers, der das hässliche Antlitz der Autoritätsherrschaft offen legt.
Die Überschrift bezieht sich auf einen Text von Niemöller**, der in dem Brief zitiert wird: „Als sie kamen, um die Juden abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Jude war; als sie kamen, um die Kommunisten abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Kommunist war; als sie kamen, um die Gewerkschafter abzuholen, schwieg ich, weil ich kein Gewerkschafter war; dann kamen sie, um mich abzuholen, und niemand sagte etwas.“ Um diese Idee mit entsprechendem Text zu versehen, würde ich gerne die Unterzeichner des Dokumentes fragen, ob sie schweigen würden, wenn sie kämen, um einen „Konterrevolutionär“ abzuholen, einen „Wurm“, einen „Oppositionellen“, ob sie unter denen zu finden wären, die bei den Ablehnungskampagnen zuschlagen oder unter denen, die das Opfer verteidigen.
Anmerkung der Übersetzerin:
* Luis Pavón Tamayo war 1971-1976 der Leiter von Kubas Nationalem Kulturrat und betrieb während seiner Amtszeit eine Hetzjagd gegen anders denkende Schriftsteller und Künstler.
** Martin Niemöller 1892-1984, leistete als Theologe Widerstand gegen die NS-Diktatur, war deswegen auch mehrere Jahre im KZ. Im Ausland gilt Niemöller vielerorts als Figur eines ungebrochenen Widerstandes gegen Hitler.
Lange Zeit gab es bei uns das Neujahrsritual, uns mit mehreren Freunden im Haus von Camila zu treffen. Wir saßen auf dem Boden und mitten im größten Palaver legten wir ein Stück Papier in ein Weidenkörbchen mit unserem Namen, einem persönlichen Wunsch, einem guten Vorsatz und einer Voraussage für das kommende Jahr. Viele von uns kamen zu dem Treffen mit vorüberlegten Antworten, aber in manchen Jahren war es besonders schwer, etwas vorherzusagen oder sich etwas zu wünschen, mitten in der Ungewissheit der Krise. Gleichwohl machten wir uns daran, uns ein bisschen unser Leben auszumalen, uns etwas vorzunehmen oder zu erraten, was uns geschehen könnte.
Bevor dieser alljährliche Abend endete, wurde das, was wir beim Treffen vor zwölf Monaten geschrieben hatten, vorgelesen und mit dem verglichen, was wir gerade in den Korb gelegt hatten. Diese Lektüre war eine wahrhaftige Gewalttour durch gute Vorsätze und unvollendete Pläne, auch wenn wir dabei nur darauf aus waren, zu lachen und weiter neue Phantasien zu entwickeln. Nur wenige Male lag ich richtig mit der Vorhersage dessen, was auf meiner Insel geschehen würde, wogegen ich glaube, einen guten Teil meiner Vorsätze für mich selbst erfüllt zu haben, mehr aus persönlichem Eigensinn, als aufgrund wirklich günstiger Voraussetzungen, dies zu erreichen. Unter den Teilnehmern dieses Festes wiederholte sich in auffallender Weise der Wunsch, sich in einem anderen Land anzusiedeln, mit ziemlichem Abstand gefolgt von Herzensangelegenheiten und der Sehnsucht nach einem eigenen Dach überm Kopf.
Bei jedem Treffen rings um das Körbchen registrierten wir, dass die Zahl derer, die es schafften zu emigrieren, größer wurde. Das so genannte „Fest der Zettelchen“ wurde so zu einem Durchgehen der Liste der Abwesenden, zu einer Bestandsaufnahme der Illusionen eines ganzen Freundeskreises, der es angesichts fehlender Aussichten vorzog, die Anker zu lichten. Selbst Camila, unsere süße Gastgeberin, ging Tausende von Kilometern weg von ihrem kleinen Häuschen in Ayestarán. In diesen Tagen kann es sein, dass sie den Berg von Vorsätzen und Prophezeiungen noch einmal durchgeht, den wir Jahr für Jahr in ihrem Wohnzimmer schrieben und anhäuften. Ich weiß ganz genau, dass sie diese gelblichen Blätter als Zeugnis einer zerstreuten Generation aufbewahrt, als klaren Beweis dafür, dass wir nicht aufhörten zu träumen, nicht einmal in den härtesten Zeiten.
Herzlich umarmen möchte ich an diesem Jahresende alle diese „Mikadostäbchen“, die über die Welt verstreut sind, die Kommentatoren dieses Blogs, die kubanischen Blogger drinnen und draußen, von der einen oder der anderen Richtung, die Übersetzer der „Generación Y“, die freiwillig meine Texte so vielen zugänglich machen, diejenigen, die von mir am Telefon diktierte Texte niederschreiben und sie dann auf Twitter veröffentlichen, diejenigen, die meine Posts an Tausende von Mailadressen in aller Welt schicken, die mich zuhause anrufen, um mir das zu erzählen, was mir mein Handicap als Surfer nicht zu erfahren erlaubt. All denen alles Gute, Glück und Beständigkeit für dieses Jahr 2010, das in einigen Tagen beginnt.
Foto: Text auf dem T-Shirt: Kuba, weltweit größter Produzent von positiver Energie
„Stillstand ist die Dynamik der Verschlechterung“ sagte mir ein Freund, halb Philosoph, halb Pessimist, als er die Rede von Raúl Castro gestern in der Nationalversammlung hörte. Unsere Hoffnungen hinsichtlich unserer Prognosen waren nicht hoch gespannt im Hinblick auf eine mögliche Ankündigung von Veränderungen, aber irgendwie erwarten wir noch immer bestimmte schon lange versprochene Maßnahmen. Als der zweite Parteisekretär seine offiziellen Worte zum Jahreswechsel von 2009 sprach, schien er jedoch eher auf die Bremse treten, als steuern zu wollen, schien er eher vorsichtig als draufgängerisch zu sein, viel konservativer als mutig.
Unsere Parlamentarier versäumten ihrerseits wieder die Gelegenheit, unbequeme Fragen zu stellen, bei einer Abstimmung zu opponieren oder hitzige Diskussionen zu führen. Vielleicht ließen sie bei dieser Versammlung die letzte Gelegenheit vorübergehen, eine Öffnung von oben anzustoßen und mit diesem Bild vom stummen Chor zu brechen, das sie mehr als drei Jahrzehnte gezeigt hatten. Die Debatten, die im Palast der Konventionen geführt und im Fernsehen übertragen wurden, schienen in einem weit entfernten Land statt zu finden, das über genügend Zeit verfügt, um die notwendigen Veränderungen eins ums andere Mal zu verschieben. Nicht einmal der Euphemismus von der „Aktualisierung des ökonomischen Systems“ enthielt die wichtigsten Forderungen der übervollen Agenda des Volkes.
Aus dieser vierten regulären Sitzung können wir gerade noch den Namen des neuen Jahres* erschließen, ein zurückgehendes Wachstum des BIP, das uns auch so noch aufgeblasen erscheint, und die Androhung künftiger Kürzungen, die niemand bestätigt. Abgesehen von bestimmten Sätzen pragmatischen Tons, die in der Schlussansprache fielen, bilden weiterhin Freiwilligkeit und Anordnungen von oben die Hauptstrategie, um das Land zu regieren. Auf diese Weise verliert die Figur des Parlamentariers immer mehr an Gewicht, denn der Masterplan wird in einem einzigen Büro ausgeheckt und nur von ein paar Unterschriften abgezeichnet. Es würde mich nicht wundern, wenn im Februar oder März ein Packet von Kürzungen und Anpassungen eingeführt würde, über das nicht im Parlament abgestimmt wird, nicht einmal durch Handzeichen der so gutwilligen Deputierten.
Mitte nächsten Jahres wird die Nationalversammlung von neuem zusammentreten, um ihren Beifall zu zollen, ihre übliche Dosis von Komplizenschaft und ihr Schweigen.
Anmerkung der Übersetzerin:
* In Kuba erhält jedes neue Jahr einen eigenen Namen.
Ich habe hier und dort gelebt. Ich war eine Stimme, die um eine Ausreisegenehmigung aus meinem Land bat und eine Verbannte, die auf eine Einreisegenehmigung hoffte. Die Maschinerie hat mich mit beiden Seiten ihrer Zahnräder zermalmt: für meinen Aufenthalt im Ausland und für die Entscheidung, auf meiner Insel zu bleiben. Ich ging zu einem Konsulat um die hohen monatlichen Gebühren für den Aufenthalt in einem anderen Land zu bezahlen und ich musste auch die Kosten für meine Rückkehr begleichen, die enorme persönliche Summe, eine „Zurückgekehrte“ zu sein. Zwei Jahre lang sah ich die Insel aus der Distanz und stand vor dem Dilemma, ob ich die „Cola des Vergessens“ oder den „Zuckerrohrsaft des Heimwehs“ zu mir nehmen sollte, aber keines von beidem floss durch meine Kehle. Ich zog den bittersüßen Geschmack der Realität vor.
Ich habe Alpträume, dass ich durch den kubanischen Zoll gehe und mich ein Uniformierter in ein graues Zimmer führt. Umgeben von abgeblätterten Wänden und einem riesigen Foto von Fidel Castro ziehen sie meinen Pass ein und verkünden mir, dass ich, wenn ich einreise, nie mehr woandershin reisen darf. All dies erklärt mir ein Funktionär mit schweißnassem Gesicht, der eine Pistole an der Hüfte trägt und einen Kugelschreiber, der aus seiner Hosentasche herausschaut. Ich ahne, dass ich eine Ewigkeit bei diesem Wesen mit der mürrischen Redeweise zubringen werde, ohne die Möglichkeit zu bekommen, die Tür zu dem Raum zu durchqueren, wo meine Familie auf mich wartet. Das Unbehagen gelangt bis zu einem Punkt, an dem ich aufwache und feststelle, dass ich immer noch zu Hause bin, ebenso gefangen, aber zufrieden, zurückgekehrt zu sein.
Dieser so intensive Traum wechselt sich mit einem anderen ab, in dem man mich nicht in mein eigenes Land fliegen lässt. Ich befinde mich in einem weit entfernten Flughafen und versuche ein Flugzeug Richtung Havanna zu besteigen. Die junge Frau, die die Flugscheine überprüft, sagt mir, dass ich nicht an Bord gehen kann. „Wir haben die Anordnung, Sie nicht einsteigen zu lassen“, sagt sie schließlich ohne die dramatische Gewichtigkeit von jemandem, der gerade bei einem anderen den Status eines Heimatvertriebenen erkannt hat. Es gibt niemanden in der Nähe, an den ich mich wenden könnte und die elektronischen Anzeigetafeln zeigen die nächsten Abflüge nach New York, Buenos Aires und Berlin. Ich setze mich, lege mein Gepäck auf die Knie, stütze mich darauf und versuche zu schlafen. Das kann nicht wahr sein, sage ich mir, ich muss nur ein wenig ruhen und wenn ich aufwache, werde ich in der Kabine sein, in einer Höhe von Tausenden von Metern.
Ich habe es schon mit Lindenblütentee probiert, mit dem Lesen von Pilotengeschichten vor dem Zubettgehen und mit dem Auflegen von beruhigender Musik im Zimmer. Aber das einzige, was diese Traumabfolge von eingesperrt sein und verstoßen werden beenden kann, ist das Ende der Ausreisebeschränkungen für Kubaner. Ich will das Recht haben zu reisen, genauso wie ich schlafen können will, ohne den Uniformierten zu sehen, der mir den Pass abnimmt, und ohne den Lärm eines Flugzeugs zu hören, das abhebt und mich in einem fremden Land zurücklässt.
Meine Großmutter erzählte mir davon mit der gleichen Verzückung, mit der Jahrzehnte vorher ihre Eltern ihr vom alten Traum von El Dorado erzählt hatten. Sie verriet mir, dass ihr Fruchtfleisch zwischen gelb und orange sei, beim ersten Bissen trocken, aber angenehm und mild, wenn man es erst einmal im Mund habe. Ihr Lieblingsspiel bestand darin, mir die Canistelfrucht zu erklären, eine mühsame Aufgabe, da es nichts Schwierigeres gibt, als einen Geschmack zu verstehen, den man nie probiert hat. „Ana, wonach schmeckt es?“, fragte ich sie, weil nur der Vergleich mir helfen konnte, das Aroma dieser Frucht zu erahnen, die nicht zu meinem Leben gehörte. „Wie eine Mameyfrucht, aber leckerer“, war der sparsame Satz, den ich ihr entlocken konnte, bevor sie verstummte.
Viele meiner Generation kennen bestimmte Geschmäcker nur vom Hörensagen, beschrieben von Leuten, die in ihrem Geschmacksgedächtnis die Mispel, den Caimito, den Marañón und die Guave aufbewahren. Diese Fähigkeit, unsere Geschmackspapillen mit etwas zu aktivieren, was wir nie zwischen den Zähnen hatten, half uns während der härtesten Jahre der Sonderperiode*. Auf einem Stockbett aus verrostetem Eisen eines Schülerwohnheimes in Alquízar berichtete ich einer Gruppe von Mädchen, wie jene Früchte waren, die sie nie probiert hatten. Die Geschichte wurde jede Woche in einer improvisierten Gesprächsrunde wiederholt, in der die wichtigsten Themen „Sex und Essen“ waren. Letzteres war eine wirkliche Obsession von allen Teenagern dort.
Die Zeit verging und vor einer Woche tauchte meine Mutter mit drei Canistelfrüchten bei uns zu Hause auf. Sie hatte sie bei einem Bauern gekauft zu einem Preis, der den Arbeitslohn eines ganzen Tages überstieg. Ich dachte zuerst an Ana, die vor mehr als zwanzig Jahren starb und die in den letzten Jahrzehnten ihres Lebens die goldene Kugelform nicht wieder gesehen hatte, die sie so sehr vermisste. Teo war es, der den ersten Bissen nahm, er machte eine seltsame Gebärde, bevor er behauptete „Es schmeckt wie eine Mameyfrucht“. Danach kehrte er in sein Zimmer zurück, ohne die Unentschiedenheit auf meinem Gesicht zu sehen: Probiere ich sie oder nicht? Und was ist, wenn sie nicht dem ähnelt, was man mir erzählt hat? Glücklicherweise war sie dann doch, während wir zwei sie verspeisten, wie jene Canistelfrucht, von der mir meine Großmutter erzählt hatte.
Anmerkung der Übersetzerin:
*Die Sonderperiode wurde von Fidel Castro 1990 nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausgerufen. Der Wegfall der Unterstützung Kubas durch die Sowjets führte unter anderem zu Nahrungsmittelknappheit.
Das Geschäft befindet sich auf der linken Seite der Galianostraße Ecke San Rafael, wo vorher ein Zehn-Cent-Laden war, heruntergekommen durch Alter und Schmutz. Wie ein wahrhaftiges Raumschiff war es in diesem Stadtviertel gelandet, das gesehen hat, wie schon viele seiner Geschäfte sich zu einfachen Herbergen für Gestrandete wandelten, zu unwichtigen Büros oder Lokalen, die wegen Problemen mit blockierten Abwasserrohren geschlossen wurden. Aber Trasval ist anders. Das große Kaufhaus, das, wie man sagt, vom Innenministerium selbst verwaltet wird, wurde von der Bevölkerung „das Museum“ getauft, da man eher zum Schauen als zum Kaufen hinging wegen der hohen Preise der Waren in konvertiblen Pesos.
Trasval bedeutete Kapitalismus-Spielen mit indirekter Musik, Angestellten in Anzügen mit Headsets, Kameras überall und Produkten, die unsere Augen noch nie gesehen hatten. Wir fühlten uns wie Küken, die vom Licht der Lampen und dem Klingeln einer Melodie eingehüllt wurden und auf der Schlachtbank bei der Registrierkasse enden und für einen Dosenöffner einen Dreimonatslohn zahlen würden. Im Inneren gibt es immer noch einen Bereich, in dem Zubehörteile für Swimmingpools ausgestellt werden, obwohl die Verkäuferinnen seit einigen Monaten die Kunden nicht mehr anlächeln, noch ihnen freundlich auf Fragen antworten.
Als ich das letzte Mal in diesem schwarz gefliesten Bunker war, stand der Zusammenbruch schon unmittelbar bevor. Die Klimaanlage funktionierte nicht, die Angestellten hatten auf die warme Bekleidung mit Krawatte verzichtet und auf den Regalbrettern kündigten Meter um Meter desselben Produktes den Niedergang an. Alle Büchsenöffner waren verschwunden und das Gerücht eines Korruptionsskandals breitete sich in seinen Gängen aus. Sein Glanz war kurz, sein Gewinn dürfte enorm gewesen sein. Denn das Trasval war die jüngste Käuferfalle, die uns Kubaner in Versuchung führte, das letzte Lockmittel, gefertigt aus dieser Mischung von Händlern und Geheimpolizisten, die zurzeit überall herumlaufen. Individuen, die gleichermaßen mit Waren und Informationen handeln, eine Lampe verkaufen oder eine Straße überwachen, sie zählen ihr Geld oder befummeln ihre Pistole, die sie an der Hüfte tragen.
Der Dezember ist schon immer ein Monat gewesen, in dem man wenig zu Hause war. Auf den Straßen ist es nicht mehr ganz so heiß und das Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films bietet ein breites Programm, das uns reizt auszugehen. Es ist der Moment, die Mäntel herauszuholen und es nicht lästig zu finden, wenn der Omnibus zu voll ist oder wenn wir auf der Sonnenseite der Straße laufen müssen. Am Ende jeden Jahres werden die Leute liebenswürdiger, weil ihnen nur noch wenig Zeit bleibt, sich wegen nicht vollendeter Projekte zu ängstigen. Das sind Wochen, in denen wir uns alle konform verhalten, als ob wir sagen würden, „Na gut, anscheinend war es 2009 auch nicht, vielleicht wird 2010 das Jahr sein, auf das wir warten.“
Traditionellerweise wurden die Schlangen vor dem Acapulco- oder vor dem Chaplinkino länger, die Rollkragenpullis nahmen überhand und ebenso die vom Stoß der Cineasten geborstenen Glasscheiben. Dieser Tage genossen wir es mehr, in die Festivalatmosphäre einzutauchen, als uns durch die projizierten Bilder auf der Leinwand zu entspannen. Manchmal passierte das Interessanteste, während wir – dem kalten Wind ausgesetzt – auf eine neue Vorstellung warteten, oder wenn uns ein Freund von dem Erstlingswerk eines jungen Regisseurs erzählte. Genau diese Seifenblase der Illusion, die sich jeden Dezember wiederholte, ließ sich bei dieser 31. Ausgabe des Festivals nicht wiederherstellen. Weder sind die Temperaturen gesunken, noch sitzen meine Freunde von damals in den Kinosesseln, sondern befinden sich weit weg und verstreut auf verschiedenen Kontinenten.
Ich beobachte weiterhin den massenhaften Zuspruch zu jedem Film, bestimmt durch die umfangreiche Filmkultur der Kubaner und auch durch das Fehlen anderer Zerstreuungsmöglichkeiten zu vertretbaren Preisen. Es gibt nicht viel zu tun in dieser Stadt, wo sich Leute, die keine konvertiblen Pesos besitzen, mit der kostenlosen Mauer des Malecón begnügen müssen, daher kommt es, dass das Festival so ersehnt und überlaufen ist. Im Versuch, der kulturellen Lethargie zu entfliehen, habe ich beschlossen, dass es mir nicht so viel ausmacht, dass der Winter noch nicht gekommen ist oder dass es in der Menschenmenge viele abwesende Gesichter gibt. Ich habe mich dafür entschieden, das Programm herzu- nehmen, einen Titel auszuwählen und mich in die Irrealität eines Projektionssaales zu stürzen, während draußen die Hitze und der Exodus fortdauern.
Foto: Die Gruppe Omni Zona Franca trägt eine Opfergabe für das Wohlergehen der Poesie
Ein Freund schwor mir vor zehn Jahren, dass er nicht mehr zum Strand gehen würde, bis er – unter sich den Sand – ein Bier in nationaler Währung kaufen könnte. Seine schneeweißen Waden bestätigen mir, dass er seit einem Jahrzehnt nicht am Meer war, während er auf ein Cristal wartet, das er mit selbst verdientem Geld bezahlen kann. Die Nachbarin um die Ecke gab ihr Wort, ihre Haare bis zu dem bestimmten Datum nicht zu schneiden, das schon lange von so vielen Kubanern herbeigesehnt wird. Flöhe ließen sie ihr Versprechen Anfang der Neunzigerjahre brechen, als die Mähne ihr schon bis zur Hüfte reichte. Neulich änderte sie ihre Strategie und stellte ein Glas Wasser auf einen Schrank, das sie nur dann entfernen wird, wenn ihre Kinder aus der Verbannung zurückkehren und bei ihr leben können.
Kleine Häuschen aus Holz ruhen auf einem Grab im Friedhof von Havanna. Das ist der stoffliche Ausdruck der Gebete, die die Milagrosa empfängt, damit sie denen zu einer Wohnung verhelfe, die dem Elternhaus oder einer überfüllten Gemeinschaftsunterkunft entkommen möchten. Neben diesen Miniaturhäusern gibt es Spielzeugflugzeuge oder –boote, zur Verwirklichung des Traumes, das Inseldasein in einem solchen Verkehrsmittel normaler Größe zu verlassen. In derselben Nekropole, aber südlich davon, liegt das Pantheon des bekannten Mediums, das den Geist des Tá José verkörperte. Ihm wurde ein Hahn, dem man genau dort den Kopf abgeschlagen hatte, von einem jungen Mann als Opfer dargeboten, der endlich die hoch begehrte Stelle in einer ausländischen Firma bekommen hat.
Andere warten auf das Wunder einer Ausreisegenehmigung, auf die Freilassung eines politischen Gefangenen oder auf die Lizenz, ein kleines Restaurant eröffnen zu dürfen. Dies scheint die Insel der Unmöglichkeiten zu sein, das Land der unerfüllten Versprechen, die Nation der Votivgaben, die solange zurückgehalten werden, bis man das Erwünschte bekommt. Ich selbst habe mir geschworen, dass ich nicht aufhören werde zu schreiben, denn jede einzelne Zeile ist ein Gebet von einer, die nicht mehr kann, die virtuelle Stimme von jemandem, der sich schon die Haare wachsen ließ, der sein Geschenk schon auf einen Marmorstein legte und zusehen musste, wie mehrere Gläser Wasser verdunsteten.
Geschichten wie diese erlebt Adolfo Fernández Saínz, der gestern 61 Jahre alt wurde und bislang seit dem Schwarzen Frühling 2003* sechs Jahre im Gefängnis Canaleta als Gefangener verbrachte.
An diesem Nachmittag würde man ihm den letzten Eckzahn ziehen, der ihm noch geblieben ist. Tagelang beschäftigte er sich schon damit, unterstützt durch einen anderen Gefangenen, der sehr geschickt im Ziehen von Zähnen und Backenzähnen ist. Die Sammlung der gezogenen Zähne hatte er unter sein Kopfkissen gelegt und würde sie dort belassen, bis der Moment gekommen wäre, um sie – mit ihrem gelblichen Zahnschmelz – aus dem winzigen Fenster seiner Zelle zu werfen.
Wenn alles so liefe wie erhofft, könnte er nächste Woche dem Arzt seine Mundhöhle nur mit bloßem Zahnfleisch präsentieren. Er würde ihm sagen, sie seien von allein ausgefallen, so wie es dem Hauptdarsteller des Filmes „Papillon“ ergangen war, den er als Kind gesehen hatte. In jener Geschichte war der Häftling Opfer von Skorbut geworden, er dagegen nicht, er hatte auf sein Gebiss verzichtet, um an die weiche Kost zu gelangen, die den Gefangenen zuteil wurde, die nicht kauen konnten. Das zubereitete Gemisch aus Banane und Süßkartoffeln übertraf geschmacklich bei weitem das ranzige Essen, das sie den anderen servierten, so dass es eine Frage des Überlebens war, auf diese nutzlosen Teile zu verzichten, die um seine Zunge angeordnet waren.
Bevor er zum Etagenbett von Cojo ging, der bereits die „Instrumente“ bereitgelegt hatte, so als ob er ein Diplom als Zahnmediziner vorweisen könnte, betrachtete er ein letztes Mal seinen Eckzahn auf der Oberfläche der polierten Dose, die ihm als Spiegel diente. Es gab nichts zu bejammern, er war von Karies zerfressen, zeigte schief nach rechts und hatte Nikotinflecken. Dieses kleine Hindernis, das aus seinem Mund ragte, würde sich nicht zwischen die Nahrung und seinen bedürftigen Körper stellen. So versetzte er ihm einige Stöße, um ihn zu lockern und ging dorthin, wo bereits einige Gefangene auf das Zähneziehen warteten. Auf der Matratze würden ein Stück eines Löffels und eine Metallstange als Hammer und Meißel liegen, um den Zahn zu lockern, eine improvisierte Zange – gefertigt aus zwei Drahtstücken – würde die Wurzel entfernen. Die Bezahlung für die improvisierte Chirurgie würde er in Form von Zigaretten leisten, etwa zwanzig Stück, die er sich einige Tage aufgespart hatte, indem er nicht rauchte.
Hinterher würde er sich schlafen legen mit einem Pochen rings um das Loch, das einmal seinen Eckzahn beherbergt hatte, aber froh, in die Bruderschaft der Zahnlosen eintreten zu können, den Club der Privilegierten, die ein wenig besseres Essen bekommen. Auch andere würden in ihren Betten mit dem Schmerz kämpfen und dabei die ganzen Nacht von einer Blechschüssel träumen, die bis zum Rand mit süßem Brei gefüllt ist.
Anmerkung der Übersetzer:
* Im Frühjahr 2003 wurden infolge einer Repressionskampagne, mit der die kubanische Regierung gegen „Unruhestifter“ vorging, viele Dissidenten und Regimekritiker verhaftet.
Bild: Verhaltensanweisungen im Falle einer Evakuierung
Jemand schob einen Zettel unter meiner Tür durch. Ein in der Mitte durchtrenntes Blatt mit Verhaltensanweisungen zur Evakuierung im Falle eines Hurrikans oder einer Invasion. Einer der Sätze blieb mir im Gedächtnis wie der Refrain eines banalen Liedes: „Einen Aufnäher an der Kleidung jüngerer Kinder anheften mit den Identifizierungsdaten der Eltern (Kriegszeiten)“. Ich stellte mir vor, wie ich Nähte auf dem Hemd meines Sohnes anbringe, damit irgendjemand mitten im Chaos weiß, dass seine Mutter Yoani und sein Vater Reinaldo heißen.
Der “Krieg des ganzen Volkes”, der in diesen Tagen mit der militärischen Übung „Bastion 2009“ trainiert wird, hat jedem von uns eine feste Aufgabe zugewiesen. Es interessiert nicht, ob Waffen uns Angst machen, ob wir je an Konfrontationen als möglichen Lösungsweg geglaubt haben oder ob wir kein Vertrauen haben zu den Anführern, die den Trupp leiten. Die Männer, die auf einem Tisch mit kleinen Plastikpanzern und Plastikflugzeugen Krieg spielen, wollen verbergen, dass der tiefste Schützengraben, den wir Bürger ausgehoben haben, dazu dient, uns vor ihnen selbst zu schützen.
Die Nachrichtenberichte sind voll von Uniformierten mit ihren Waffen, aber den militärischen Manövern gelingt es nicht zu verbergen, dass unsere wahren „Feinde“ die Restriktionen und Kontrollen sind, die uns von der Staatsmacht auferlegt wurden. Krieg als Ablenkung funktioniert nicht mehr. Die Bedrohung durch landende Fallschirmspringer und dröhnende Bomben als Gegenmittel gegen die Sehnsucht nach Veränderung, hat keinen Effekt mehr. Ich glaube, dass immer mehr Menschen ihren Zeigefinger auf den wirklichen Ursprung unserer Probleme richten und zur Überraschung unserer Schlachtenführer sieht es nicht so aus, als würde er nach außen zeigen.
Wir sind froh, wenn wir von diesem Lebensstadium genesen, das sich Adoleszenz nennt, besonders dann, wenn wir unabhängig werden wollen. Froh, eine Antwort gefunden zu haben auf die Frage, die wir uns so oft stellten: „Was wirst du tun, wenn du einmal groß bist?“ Froh, das Haus zu verlassen, ohne Erklärungen abzugeben, verantwortlich zu sein für unser eigenes Geschick und vor allem jene väterliche Mahnung nicht mehr anhören zu müssen: „Solange ich für dich aufkomme, hast du das zu tun, was ich dir sage.“
Nationen, die sich unter dem Schutz eines paternalistischen Staates entwickeln, laufen Gefahr, ihre Bevölkerung in einer Art von stagnierender Adoleszenz zu halten. Der Fall Kubas ist einer der paradigmatischen Beispiele. Wir leben unter der väterlichen Gewalt einer Regierung, die durch die Kontinuität der Personen an der Macht charakterisiert ist, die den Anspruch erhob, einen Teil unserer Grundversorgung zu subventionieren. Mit großem Stolz weisen die offiziellen Medien hartnäckig auf die kostenlose medizinische Versorgung hin und die kostenfreie Erziehung auf allen Ebenen des Unterrichts, ebenso auf die Existenz des rationierten Marktes, der angeblich einen Basiswarenkorb garantiert.
Es erweist sich als elementar, dass es öffentliche Mittel sind, die den Unterhalt bestreiten und sich aus diesen unberührbaren Vermögenswerten speisen, die die Arbeiter produzieren, aber nicht als Verdienst erhalten. Offensichtlich ist Arbeiten nicht stimulierend und das, was man verdient, reicht kaum, um aus dem Subventionierten Nutzen ziehen zu können. Papa Staat erlaubt nicht, dass man abweichende Meinungen äußert, und noch viel weniger, dass sich Leute im Bezug auf diese Ideen organisieren, oder die ökonomische Unabhängigkeit erreichen, und, um es auf die Spitze zu treiben, verlangt man von ihnen sogar noch unbegrenzte Dankbarkeit.
Glücklicherweise zielt alles im Laufe der Jahre auf Veränderung ab, wie es uns schon das paternalistische Familienmodell gezeigt hat. Die Kinder wachsen heran, werden schließlich erwachsen und nichts kann verhindern, dass die Jüngsten die Hausschlüssel übernehmen.
Die Sonne ist
den ganzen Tag
nicht
herausgekommen
und immer wieder
zwingt uns ein
Regenschauer,
uns in
irgendeinem
Torbogen
unterzustellen
oder ganz zu
Hause zu bleiben.
Man könnte
meinen, dass
sich das Leben
in einem
tropischen Land
mit Blick auf
das Klima
organisiert und
dass wir neben
der leichten
Kleidung immer
auch
Sonnenschirme
und Regencapes
zur Hand haben.
Aber das stimmt
nicht. Die
Durchlässigkeit
der Dächer ist
allgemein
verbreitet,
besonders bei
den
Konstruktionen
der letzten 50
Jahre. Wohnungen,
Büros, Schulen
und
Krankenhäuser,
ja sogar
Warenlager
erleiden
deswegen
wiederholt
Verluste.
Außerdem sind
die
eingestürzten
Häuser, die
schon typisch
sind für unsere
Stadtlandschaft,
nicht das
Ergebnis von
einem
Bombardement
durch den
Imperialismus,
sondern sie sind
vielmehr das
Resultat der
Schwierigkeiten
beim Erwerb von
Bau- und
Abdichtungsmaterial.
“Ich konnte
nicht kommen,
weil es regnete”
ist die
häufigste
Ausrede der
Saison. Nicht zu
erscheinen oder
zu spät zu
kommen, ebenso
zur Arbeit wie
zu einer
amourösen
Verabredung, ist
gesellschaftlich
akzeptiert, wenn
wir dieses
überzeugende
Argument
anführen. Aber
es handelt sich
nicht immer um
eine
vorgeschobene
Ausrede, denn
wenn in der
Straße, wo wir
leben, die
Abwasserrohre
übergelaufen
sind, ist das
Risiko, bei
einem der
zahllosen
Schlaglöcher,
die durch Wasser
verdeckt sind,
hinzufallen,
ziemlich hoch.
Oft haben wir in
ausländischen
Filmen die Szene
einer
Menschenmenge im
Regen gesehen.
Uns beeindruckt
das Bild von
dieser Wolke von
Regenschirmen,
die sich auf der
Länge einer
breiten Straße
hinzieht oder
über die ganze
Breite der
Tribüne in einem
Stadion. Ohne es
vermeiden zu
können,
vergleichen wir
diese Szenen mit
dem typischen
Aussehen unserer
Straßen mitten
in einem
Platzregen:
Nylontaschen als
Mütze genutzt,
die Zeitung
Granma oder ein
Stück Karton, um
damit den Kopf
zu bedecken;
ältere Menschen,
die unter
Balkonen
abwarten oder
zusammengedrängt
in einem
Bushaltestellenhäuschen.
Freude empfinden
fast immer die
Jugendlichen,
die dem Gewitter
die Stirn bieten,
indem sie
klitschnass
herumrennen und
auf dem erst
besten, was sie
finden, surfen,
ein Brett oder
ein alter
Autoreifen,
angeklammert an
die Stoßstange
eines Lasters.
Das sind Tage,
an denen man
sich fragt, wann
es endlich
aufhört, für so
viele Leute ein
unerfüllbarer
Traum zu sein,
ein Regencape zu
besitzen, und
zwar ohne Löcher
und maßgerecht,
an denen man
sich fragt, wann
die Stadt
endlich nicht
mehr kollabiert
wegen eines
einfachen
Wolkenbruches,
der auf die
Tropen fällt.
Präsident Barack Obama:
Danke, für die Gelegenheit,
Meinungen mit Ihnen und Ihren
Lesern in Kuba und in der Welt
auszutauschen, und Gratulation
zum Maria-Moors-Cabot-Preis der
gratuierten Journalistenschule
der Colombia-Universität, den
Sie bekommen haben, weil Ihre
Berichte das wechselseitige
Verständnisses zwischen den zwei
amerikanischen Kontinenten
fördern. Sie haben die
Auszeichnung mehr als verdient.
Ich war enttäuscht darüber, dass
man Sie nicht ausreisen ließ, um
den Preis persönlich in Empfang
zu nehmen.
Ihr Blog bietet der Welt ein
einzigartiges Fenster zur
Realität des Alltagslebens in
Kuba. Es ist bezeichnend, dass
das Internet Ihnen und den
anderen mutigen kubanischen
Bloggern ein Medium geboten hat,
sich so frei zu äußern und ich
kann Ihren kollektiven
Bemühungen nur Beifall zollen,
Ihre Landsleute in die Lage zu
versetzen, sich durch diese
Technologie auszudrücken. Die
Regierung und das Volk der
Vereinigten Staaten freuen sich
zusammen mit Ihnen allen auf den
Tag, an dem alle Kubaner sich
frei und öffentlich ohne Furcht
und Repressalien äußern dürfen.
Yoani Sánchez:
1. Lange Zeit war das Thema
“Kuba” ebenso präsent in der
Außenpolitik der Vereinigten
Staaten, wie in der
Innenpolitik, vor allem
wegen der Existenz einer
großen cubano-amerikanischen
Bevölkerungsgruppe. Zu
welchem der beiden Sektoren
sollte Ihrer Meinung nach
diese Angelegenheit gehören?
Präsident Barack
Obama: Alle
außenpolitischen Fragen
beinhalten auch innenpolitische
Komponenten, besonders wenn sie
Nachbarn betreffen wie Kuba, aus
dem die Vereinigten Staaten eine
große Bevölkerungsgruppe von
Einwanderern besitzen, und mit
dem wir eine lange Geschichte
von Beziehungen haben. Unser
Engagement, die Redefreiheit,
die Menschenrechte, eine
demokratische Regierungsform zu
Hause und auf der Welt zu
schützen und zu unterstützen,
lässt ebenfalls die Grenzen
zwischen Außen- und Innenpolitik
verschwimmen. Außerdem umfassen
viele der Herausforderungen, die
unsere beiden Länder in gleichem
Maße betreffen, wie Migration,
Drogenhandel und
Wirtschaftsfragen
innenpolitische und
außenpolitische Angelegenheiten.
Somit sind die Beziehungen der
USA zu Kuba mit Recht im Kontext
sowohl der Außen- als auch der
Innenpolitik zu sehen.
Yoani Sánchez:
2. Falls auf Seiten Ihrer
Regierung der Wille
bestünde, den Konflikt zu
beenden, würde das
geschehen, indem sie in
eventuellen Verhandlungen
die Legitimität der
aktuellen Regierung von Raúl
Castro als einzigen
rechtsgültigen
Gesprächspartner anerkennt?
Präsident Barack
Obama: Wie ich bereits
erwähnte, erkläre ich meine
Bereitschaft, dass meine
Regierung mit der kubanischen
Regierung Verhandlungen aufnimmt
über eine Reihe von Fragen
wechselseitigen Interesses so,
wie es bereits geschehen ist in
den Verhandlungen über Migration
und direkten Postverbindungen.
Es ist auch meine Absicht,
weitergehenden Kontakt mit dem
kubanischen Volk zu erleichtern,
besonders was getrennte
kubanische Familien angeht, was
ich bereits getan habe, indem
ich die US-Restriktionen in
Bezug auf familiäre Besuche und
Geldüberweisungen zurücknahm.
Wir bemühen uns darum, mit
Kubanern außerhalb der Regierung
Kontakt aufzunehmen so, wie wir
es anderswo in der Welt auch
tun, da die Regierung natürlich
nicht die einzige Stimme ist,
auf die es in Kuba ankommt. Wir
ergreifen jede Gelegenheit, mit
dem ganzen Spektrum der
kubanischen Gesellschaft zu
interagieren und wir freuen uns
auf den Tag, an dem die
Regierung den freien Willen des
kubanischen Volkes
widerspiegelt.
Yoani Sánchez:
3. Verzichtet die Regierung
der Vereinigten Staaten auf
den Gebrauch von
militärischer Gewalt, um den
Konflikt zu beenden?
Präsident Barack
Obama: Die Vereinigten
Staaten haben keinerlei Absicht,
militärische Gewalt auf Kuba
auszuüben. Die Vereinigten
Staaten treten ein für größere
Beachtung der Menschenrechte und
der politischen und
wirtschaftlichen Freiheiten auf
Kuba und hoffen, dass die
Regierung Kubas dem Bedürfnis
des kubanischen Volkes
entgegenkommt, nämlich die
Vorzüge der Demokratie zu
genießen und in der Lage zu
sein, in Freiheit Kubas Zukunft
zu bestimmen. Nur das kubanische
Volk kann einen positiven Wandel
auf Kuba herbeiführen und es ist
unsere Hoffnung, dass es schon
bald in der Lage sein wird,
seine Möglichkeiten voll
auszuschöpfen.
Yoani Sánchez:
4. Raúl Castro hat
öffentlich gesagt, bereit zu
sein, über alle Themen in
einen Dialog zu treten,
unter der einzigen Bedingung
des gegenseitigen Respekts
und der Gleichheit der
Voraussetzungen. Erscheinen
Ihnen diese Forderungen
übertrieben? Was wären die
Vorbedingungen, die Ihre
Regierung stellen würde, um
einen Dialog zu beginnen?
Präsident Barack
Obama: Seit Jahren sage
ich schon, dass es Zeit ist, den
Weg direkter Diplomatie zu
beschreiten und zwar ohne
Vorbedingungen, sowohl mit
Freunden als auch mit Feinden.
Allerdings bin ich nicht daran
interessiert zu reden, um des
Redens willen. Im Falle Kubas
sollte eine derartige Diplomatie
Möglichkeiten schaffen, die
Interessen der Vereinigten
Staaten und die Sache der
Freiheit für das kubanische Volk
voranzubringen: Wir haben
bereits einen Dialog initiiert
auf Gebieten wechselseitiger
Interessen zum Beispiel was
sichere, legale und geordnete
Migration und die
Wiedereinrichtung direkten
Postverkehrs angeht. Das sind
kleine Schritte aber ein
wichtiger Teil einer Entwicklung
in Richtung auf neue und
positive US-kubanische
Beziehungen. Um eine normalere
Beziehung zu erreichen, wird es
allerdings Schritte von Seiten
der kubanischen Regierung
bedürfen.
Yoani Sánchez:
5. Welchen Anteil könnten
die Exilkubaner, die
internen Oppositionsgruppen
und die entstehende
kubanische Zivilgesellschaft
in diesem hypothetischen
Dialog haben?
Präsident Barack
Obama: Wenn man vor
einer politischen Entscheidung
steht, ist es unverzichtbar, auf
so viele unterschiedliche
Stimmen wie möglich zu hören.
Was Kuba anbetrifft, tun wir
genau dies. Die US-Regierung
führt regelmäßig Gespräche mit
Gruppen und einzelnen Menschen
innerhalb und außerhalb von
Kuba, denen an unseren
Beziehungen gelegen ist. Viele
sind nicht immer einverstanden
mit der kubanischen Regierung;
viele sind nicht immer
einverstanden mit der Regierung
der Vereinigten Staaten; und
viele stimmen untereinander
nicht überein. Worin wir aber
alle übereinstimmen sollten auf
unserem Weg nach vorne ist die
Notwendigkeit, den Anliegen der
Kubaner, die auf der Insel
leben, Gehör zu schenken. Das
ist der Grund dafür, dass alles,
was sie tun, um ihre Stimme zu
Gehör zu bringen, so wichtig
ist, nicht nur zur Förderung der
Redefreiheit selbst, sondern
auch damit Menschen außerhalb
Kubas ein besseres Verständnis
gewinnen für das Leben, die
Kämpfe, die Freuden und Träume
der Kubaner auf der Insel.
Yoani Sánchez:
6. Sie sind ein Mann, der
auf die Entwicklung der
neuen Kommunikations- und
Informationstechnologien
setzt. Trotzdem sind wir
Kubaner vielen
Beschränkungen beim Zugang
zum Internet unterworfen.
Welche Verantwortung hat
dabei die nordamerikanische
Blockade gegenüber Kuba und
welche die kubanische
Regierung?
Präsident Barack
Obama: Meine Regierung
hat wichtige Schritte
unternommen, um den freien
Informationsfluss zu Kubanern
und von Kubanern zu fördern,
besonders durch neue
Technologien. Wir haben bessere
Telekommunikationsverbindungen
ermöglicht, um die Interaktion
zwischen Kubanern und der
Außenwelt voranzubringen. Das
wird die Bedingungen verbessern,
unter denen die Kubaner der
Insel mit einander und mit
Menschen außerhalb kommunizieren
können, zum Beispiel durch
Erweiterung der Möglichkeiten
von Glasfaser und
Satellitenübertragung nach und
von Kuba. Das wird nicht über
Nacht geschehen, es wird sich
auch nicht voll auswirken können
ohne positive Maßnahmen durch
die kubanische Regierung. Soviel
ich weiß, hat die kubanische
Regierung den Plan angekündigt,
den Kubanern einen besseren
Zugang zum Internet in
Postämtern zu bieten. Ich
verfolge diese Entwicklung mit
Interesse und fordere die
Regierung auf, dem Volk den
unbeschränkten Zugang zum
Internet und zu Informationen zu
erlauben. Zusätzlich begrüßen
wir Vorschläge, die sich auf
Gebiete beziehen, auf denen wir
weiter den freien
Informationsfluss fördern können
und zwar innerhalb und nach
Kuba.
Yoani Sánchez:
7. Wären Sie bereit, unser
Land zu besuchen?
Präsident Barack
Obama: Niemals würde
ich Schritte ausschließen,
welche die Interessen der
Vereinigten Staaten und die
Sache der Freiheit für das
kubanische Volk fördern könnten.
Gleichzeitig sollten
diplomatische Instrumente erst
nach sorgfältiger Vorbereitung
und als Teil einer klaren
Strategie genutzt werden. Ich
freue mich darauf, ein Kuba
besuchen zu können, auf dem alle
Bürger die gleichen Rechte und
Chancen wie andere Bürger in
dieser Hemisphäre genießen
können.
Anmerkung der
Übersetzerin: Die Passagen
des Präsidenten Barack Obama
wurden aus dem englischen
Original übersetzt.
Übersetzung: Iris Wißmüller
/iris.wissmueller@gmx.de
Vor einigen Tagen legte die
ausländische Presse offen, dass
zusammen mit dem spanischen
Außenminister Miguel Àngel
Moratinos eine Botschaft der
nordamerikanischen Regierung
nach Havanna gekommen war. Darin
wurde unseren Regierenden
vorgeschlagen, einige Schritte
zur Verbesserung der
Bürgerfreiheit zu tun, um so auf
dem Weg einer Konfliktlösung
voranzukommen. Dieser Versuch
eines geheimen Einverständnisses
wurde in den offiziellen
kubanischen Medien nicht erwähnt,
die in diesen Tagen die Kritik
an den schon 50 Jahre währenden
wirtschaftlichen Sanktionen der
Vereinigten Staaten verstärkt
haben. Dieses – nach meinem
Dafürhalten – so bornierte und
anachronistische
Wirtschaftsembargo lässt sich in
gleichem Maße als Rechtfertigung
für den Produktionsrückgang
nutzen wie zur Unterdrückung
Andersdenkender. Mir fällt
allerdings auf, dass in den
Regalen der Supermärkte die
Etiketten und Tetrapacks genau
das enthüllen, was der
antiimperialistische Diskurs zu
verbergen sucht: ein Gutteil
dessen, was wir essen, ist „Made
in USA“.
Nie zuvor waren wir so
abhängig von den Auf- und
Abwärtsbewegungen, die sich in
Washington oder an der Wall
Street ereignen. Die öffentlich
gerühmte Souveränität dieser
Insel und das angebliche Vorbild
an Unabhängigkeit, das sie dem
Rest der Welt demonstriert,
verbirgt in Wirklichkeit, wie
abhängig wir tatsächlich von
dieser Nation sind, in der
tausende unserer Landsleute
leben. In dem Maße, in dem die
politischen Parolen gegen die
Yankees heftiger werden, wird
die Bevölkerung abhängiger vom
Wirtschafts- und Migrationsfluss,
der zwischen den beiden Küsten
entstanden ist. Die Meerenge von
Florida scheint uns zu trennen,
aber in Wirklichkeit gibt es
eine unsichtbare Brücke der
Zuneigung, materiellen
Unterstützung und Information,
die diese Insel mit dem Festland
verbindet.
Der Schuster aus dem
Erdgeschoss wurde ein paar Jahre
vor dem Bruch der Vereinigten
Staaten mit unserem Land geboren,
aber den Leim, den er für seine
Reparaturen benutzt, schickt ihm
sein Bruder aus Miami. Den
USB-Stick, den dieser junge Mann
um den Hals trägt, bekam er von
einem „Yuma“*, der mit seiner
Yacht den Hemingway-Hafen
ansteuerte. Die Friseuse an der
Ecke lässt sich die Färbemittel
und Cremes aus New Jersey
schicken. Ohne diesen Strom an
Produkten und Geldsendungen
wären viele Personen in meiner
Umgebung bettelarm und verloren.
Selbst der Whiskey, den die
Parteiführenden trinken, trägt
den unverwechselbaren Stempel
des Verbotenen.
Anmerkung der Übersetzer:
*Yuma: abwertende
Bezeichnung für einen
Ausländer mit Devisen
Seit
einiger Zeit liegt hier ein
Begräbnisgeruch in der Luft. Die
Fernsehnachrichten haben es sich
zur Gewohnheit gemacht, fast
monatlich Bilder von
Trauerfeiern zu senden: ein
Hornsignal, das zur Ruhe mahnt,
einundzwanzig Salven, der
martialische Schritt der
Soldaten, Tränen und
Abschiedsworte. Man weiht neue
Mausoleen ein und restauriert
die schon bestehenden. Hinzu
kommt eine fieberhafte Manie,
die Gedenktage aller möglichen
Geschehnisse zu begehen und auch
der Chronik der obligatorischen
Feierlichkeiten zu huldigen. Die
senile Sorge um das Bewahren der
Erinnerung hat die jugendliche
kreative Unruhe ersetzt.
Die kubanische Bevölkerung
ist alt geworden, zum Teil
aufgrund der niedrigen
Geburtenrate, der ständigen
Emigration der Jüngeren und der
gestiegenen Lebenserwartung.
Aber die grauen Haare treten vor
allem unter denen verstärkt auf,
die im Land das Steuer in der
Hand halten. Vielleicht gibt es
deshalb jeden Tag mehr
Analytiker, die zu dem Begriff
„Gerontokratie“ neigen, um
unsere Regierungsform zu
umreißen. Die Definition könnte
ungenau erscheinen, wenn man das
Durchschnittsalter der
Abgeordneten in der
Nationalversammlung betrachtet,
jedoch stellt man fest, dass
sich das Zentralkomitee der
Kommunistischen Partei seit mehr
als zwölf Jahren nicht mehr
erneuert hat. Es gibt zwar eine
beachtliche Anzahl von
Ministern, die die siebzig noch
nicht überschritten haben, aber
die größte Machtfülle
konzentriert sich in den Händen
der Siebzig- und
Achtzigjährigen.
Anstatt den Vorwärtsmarsch zu
beschleunigen, finden diese
Veteranen Vergnügen darin, auf
die zurückgelegte Strecke zu
blicken und Dank für das
Erreichte zu fordern. Während
sie sich auf das vorbereiten,
was ohne Zweifel das
spektakulärste Begräbnis der
kubanischen Geschichte sein
wird, oder das, was einige „die
biologische Lösung“ nennen,
trägt die Trauersaga, die das
Fernsehprogramm überschwemmt,
den Anstrich einer Generalprobe.
Der Lärm des zeremoniellen
Kanonendonners übertönt dabei
die Faustschläge, mit denen die
neue Generation an die Tür
klopft, durch die sie
hereinstürmen wird wie ein
Wirbelwind, um alles zu
zerlegen, und – ganz nebenbei –
diesen Geruch nach vertrockneten
Blumen, den wir überall riechen,
hinwegfegt.
Bild: “Schlagen Sie mich nicht, ich bin nur ein
Blogger!”
Nach den Ereignissen des vergangenen Freitags
habe ich beschlossen, eine Reihe von Fotos von
Personen zu veröffentlichen, die mich bewachen
und drangsalieren.
Meine Verbindung zum Kino war immer die einer
Zuschauerin auf einem Sessel im Halbdunkel eines
Saales, wo man das Geräusch eines alten
Projektors hörte. Das blieb so, bis ich anfing,
meinen eigenen Film zu erleben, eine Art
Thriller von Verfolgern und Verfolgten, wo es an
mir ist, zu entkommen und mich zu verstecken.
Das Motiv für den so plötzlichen Wechsel vom
Zuschauer zum Protagonisten war dieser Blog,
beheimatet in dem weiten Raum, der das Internet
ist und von dem so wenig auf Zelluloid zu sehen
ist. Vor zwei Jahren erwachte in mir die Lust,
das wahre Drehbuch meines täglichen Lebens zu
schreiben und nicht die rosa Komödie, die die
offiziellen Zeitungen zeigten. Damals ging ich
dazu über, anstatt einer Zuschauerin eine
Interpretin von Filmen zu werden.
Ich habe meine Zweifel, ob ich eines Tages sehen
werde, wie sich der Vorhang senkt, und ich dann
lebend das Kino verlassen kann. Der lange Film,
den wir seit mehreren Dekaden in Kuba erleben,
ist anscheinend noch weit entfernt von dem
Moment, in dem man den Nachspann zeigt und die
Leinwand dunkel wird. Die Zuschauer sind jedoch
nicht mehr so sehr an dem endlosen Filmstreifen
interessiert, den ihnen die autorisierten
Filmvorführer zeigen. Sie scheinen eher von der
Vision derer gefesselt, die einen Blog oder ein
weißes Blatt Papier nehmen und darauf die Fragen,
Frustrationen oder Freuden der Bürger
niederschreiben.
Nach dem Vorbild von Kubrick oder Tarantino habe
ich begonnen, Zeugnis abzulegen über diese
Kreaturen, die uns bewachen und drangsalieren.
Schattenwesen, die wie Vampire sich von unserer
menschlichen Fröhlichkeit ernähren, uns Furcht
einflößen durch Schläge, Drohungen und
Erpressung. Individuen, die darin ausgebildet
sind, Druck auszuüben, die nicht damit rechnen
konnten, sich in gejagte Jäger verwandelt zu
sehen, in Gesichter, die von der Kamera erwischt
wurden, vom Handy oder von den neugierigen Augen
eines Bürgers. Gewohnt daran, Beweise zu sammeln
für das Protokoll, das über uns alle in
irgendeiner Schublade steckt, in irgendeinem
Büro, überrascht es diese jetzt, dass nun wir
eine Bestandsaufnahme ihrer Gesten und Augen
machen, eine akribische Aufstellung ihrer
Schikanen.
Video: Bilder von der Antigewalt-Demonstration, an der
sie Yoani nicht teilnehmen ließen
In der Nähe der 23. Straße, genau am Kreisverkehr der Avenida
de los Presidentes war es, als wir drei stämmige Unbekannte in
einem schwarzen Auto mit chinesischem Fabrikat auf uns zu kommen
sahen: „Yoani, steigen Sie in das Auto ein“, sagte einer zu mir,
wobei er mich hart am Handgelenk packte. Die anderen zwei
stellten sich um Claudia Cadelo, Orlando Luis Pardo und eine
Freundin herum, die uns zu einer Antigewalt-Demonstration
begleitete. Was ein Tag des Friedens und der Eintracht hätte
werden sollen, war – Ironie des Schicksals – ein Nachmittag
voller Schläge, Schreie und Beschimpfungen. Die gleichen
„Aggressoren“ riefen eine Patrouille herbei, die meine beiden
anderen Begleiter mitnahmen; Orlando und ich waren dazu
verdammt, in das Auto mit dem gelben Kennzeichen einzusteigen,
in die schreckliche Welt der Illegalität und der Ungestraftheit
des Armageddon.
Ich weigerte mich in den glänzenden Geely einzusteigen und
wir verlangten, dass sie uns ihren Ausweis zeigen sollten oder
eine richterliche Anordnung für unsere Festnahme. Natürlich
zeigten sie uns kein Papier, das die Gesetzmäßigkeit unserer
Verhaftung nachweisen konnte. Neugierige sammelten sich um uns
und ich schrie: “Hilfe, diese Männer wollen uns entführen“, aber
sie stoppten die Leute, die einschreiten wollten, mit dem Ruf,
der den ganzen ideologischen Hintergrund der Operation
enthüllte: „Mischen Sie sich nicht ein, das sind
Konterrevolutionäre“. Angesichts unseres verbalen Widerstandes
griffen sie zum Telefon und sagten zu jemandem, der ihr Chef
sein musste: „Was sollen wir tun? Sie wollen nicht ins Auto
einsteigen“. Ich nehme an, die Antwort war unmissverständlich,
denn darauf folgte ein Hagel von Schlägen und Stößen, sie
drückten meinen Kopf nach unten und versuchten mich ins Auto zu
drängen. Ich klammerte mich an der Tür fest, … Schläge auf die
Fingerknöchel … ich schaffte es, einem von ihnen ein Papier, das
er in der Tasche trug, zu entwenden und steckte es mir in den
Mund. Eine weitere Reihe von Schlägen, damit ich ihnen das
Dokument zurückgäbe.
Im Auto war schon Orlando, unbeweglich gemacht durch einen
Karategriff, der ihn mit dem Kopf am Boden festhielt. Einer
setzte sein Knie auf meine Brust, der andere schlug mir vom
Vordersitz aus in die Nierengegend und schlug mir auf den Kopf,
damit ich den Mund öffnete und das Papier freigäbe. In einem
Augenblick hatte ich den Eindruck, ich würde nie mehr aus jenem
Auto herauskommen. „Bis hierher haben wir es dir durchgehen
lassen, Yoani. Jetzt ist Schluss mit deinen Mätzchen“ sagte der,
der neben dem Fahrer saß, wobei er meinen Kopf an den Haaren
hochzog. Auf dem Rücksitz lief ein seltsames Schauspiel ab:
meine Beine nach oben gestreckt, mein Gesicht gerötet vom
Blutdruck und am ganzen Körper Schmerzen, auf der anderen Seite
befand sich Orlando, in Schach gehalten von einem
professionellen Schläger. In einem Akt der Verzweiflung schaffte
ich es, diesen Mann durch seine Hose hindurch an den Hoden zu
packen. Ich krallte meine Nägel hinein, da ich glaubte, er würde
meine Brust bis zum letzten Seufzer abquetschen. „Bring mich
schon um“ rief ich ihm zu mit dem letzten Atemzug, der mir blieb
und derjenige der vorne mitfuhr, riet dem Jüngeren: „Lass sie
atmen!“.
Ich hörte Orlando hecheln und weiterhin regneten Schläge auf
uns herab, ich überlegte, die Tür zu öffnen und mich
hinausfallen zu lassen, aber es gab keinen Griff, den man von
innen hätte bedienen können. Wir waren ihnen auf Gedeih und
Verderb ausgeliefert. Die Stimme von Orlando zu hören, gab mir
Mut. Später sagte er mir, dass es ihm mit meinen abgehackten
Worten ebenso ergangen war … sie sagten ihm „Yoani lebt noch“.
Auf einer Straße in Timba ließen sie uns zurück, am Boden
liegend und gekrümmt vor Schmerzen, eine Frau kam herbei „Was
ist Ihnen passiert?“ … „Eine Entführung“, brachte ich heraus.
Wir hielten uns umarmt und weinten mitten auf dem Gehsteig, ich
dachte an Teo, mein Gott, wie soll ich ihm all diese blauen
Flecken erklären. Wie kann ich ihm sagen, dass er in einem Land
lebt, wo so etwas passiert, wie soll ich ihn ansehen und ihm
erzählen, dass seine Mutter auf offener Straße misshandelt
worden ist, weil sie ein Blog schreibt und ihre Meinung in
Kilobytes veröffentlicht. Wie soll ich ihm die despotischen
Gesichter beschreiben von den Leuten, die sich in jenem Auto
gewaltsam auf uns stürzten, das Vergnügen, das sie
offensichtlich empfanden, als sie uns schlugen, meinen Rock
hoben und mich halbnackt ins Auto zerrten.
Trotzdem gelang es mir, den Grad des Erschreckens unserer
Angreifer zu sehen, die Furcht vor dem Neuen, vor dem, was sie
nicht zerstören können, weil sie es nicht verstehen, den
Schrecken des Kraftmeiers, der weiß, dass seine Tage gezählt
sind.
Zurzeit findet hier ein Theaterfestival statt und das hilft, dem
langweiligen Fernsehprogramm zu entkommen und den beschränkten
Möglichkeiten, sich abends in Havanna zu zerstreuen (übrigens fast alle
in konvertiblen Pesos). Geleitet vom Drama und der Komödie, versuchen
wir, die Alltagsprobleme zu vergessen, die Sorgen und die Zweifel, die
uns dieses Drehbuch des Absurden, nach dem wir leben, aufbürdet. Aber in
diesen abgedunkelten Sälen gelingt nicht immer die Flucht, sondern es
lässt sich dort manchmal der Schlüssel finden, um auf unsere eigene
Realität zurückzukommen und sie neu zu interpretieren.
Am Samstag zeigte man im kleinen Theater Argos, an der Ecke zwischen den
Straßen Ayestarán und 20. Mai, Samuel Becketts Bühnenstück „Endspiel“.
Wir gingen früh hin, um noch einen Sitzplatz auf den rustikalen
Holzbänken zu bekommen. Glaubt mir, fast zwei Stunden auf einem harten
Brett ohne Rückenlehne auszuharren, hält man nur aus, wenn es sich um
eine wunderbare Inszenierung handelt. Nun, die von vorgestern Abend war
vor der Art, die einen Krämpfe und Nackenschmerzen vergessen lässt.
Nicht weil sie Unterhaltung und Gelächter bot, sondern weil sie bei uns
diese Beklemmung hervorrief, die uns in Atem hält, dieses menschliche
Unbehagen, das uns alles, was uns fehlt, klar vor Augen führt.
Ein blinder alter Mann, mit dem es bald zu Ende geht, hat eine von
Misshandlung und Unterwerfung gekennzeichnete Beziehung zu seinem Diener,
den er durch Rituale und Erpressung unterdrückt. In seinem Rollstuhl
will der launenhafte Kranke alles, was passiert, kontrollieren und
benutzt die Augen seines Untergebenen, um Bescheid zu wissen. Eine
krankhafte Dankbarkeit und die Unfähigkeit, sich andere Lebensumstände
vorstellen zu können, bewirken, dass Clov an seinen Herrn Hamm gebunden
ist und dass der Tag seiner Unabhängigkeit immer wieder hinausgeschoben
wird. Von einem schmutzigen Fenster aus sieht man das Meer, ein Symbol
für alles Verbotene, das es außerhalb gibt, für alles, was uns zu
erleben verwehrt ist.
Wir gingen danach zu Fuß nach Hause, überwältigt von der Unruhe, mit der
uns diese Inszenierung erfüllt hatte. Zu stark war die Wirkung der
schwarz gestrichenen Wände, der Schreie des Despoten, die Aufmerksamkeit
verlangten und uns mit ihrer so großen Rohheit und Vertrautheit „das
Wesen von Machtbeziehungen“ klar machten, „ihr Mysterium und ihre
Rituale von Schuld, Erpressung, Zwang, Verzeihung, Manipulation …“*.
* Das sind die Worte von Carlos Celdrán, dem Leiter des
Argos-Theaters, im Programmheft zum Stück „Endspiel“, gespielt von
Pancho García, Waldo Franco, José Luís Hidalgo und Veronica Díaz.
Video: Man kann sich Yoani mit Perücke auf dem Video als
Standbild ansehen (bei 0:45). Am Anfang hört man den Streit zwischen
Yoanis Freunden und dem Türsteher, der sie nicht hineinlässt. Danach
kommt ein Diskussionsbeitrag und dann folgt Yoanis kleine Rede.
Ich weiß nicht, womit ich beginnen soll, um die Ereignisse bei der
gestrigen Diskussion über das Internet zu schildern, die von der
Zeitschrift „Temas“ organisiert worden ist. Ohne Zweifel gestattete es
mir die blonde Perücke, die ich mir übergestülpt hatte, durch die
Kontrollen am Eingang des Kulturzentrums Fresa y Chocolate zu schlüpfen.
Dies und die hohen Schuhe, die geschminkten Lippen, die glänzenden
Ohrringe und eine riesige Handtasche in greller Farbe bewirkten, dass
ich mich in ein ziemlich anderes Wesen verwandelte. Einige Freunde
gingen sogar soweit, mir zu sagen, dass ich so besser aussähe, mit dem
engen und kurzen Rock, dem erotischem Gang und der Brille mit dem
viereckigen Gestell. Es tut mir leid für sie, aber die Rolle, die ich
spielte, dauerte nur kurze Zeit und heute bin ich wieder zu meinem
ungekämmten, langweiligen Äußeren zurückgekehrt.
Claudia, Reinaldo, Eugenio, Ciro und die anderen Blogger wurden nicht
eingelassen. „Die Institution behält sich das Recht vor, Zutritt zu
gewähren …“ und meine Cyberspace-Kollegen zeigten die Impertinenz von
Leuten, die schon von anderen Orten ausgeschlossen worden sind, aber
sich nicht beschämt und schweigend zurückziehen wollen. Drinnen gelang
es mir, einen Sitzplatz seitlich neben der Diskussionsrunde zu ergattern.
Einige flinke Blicke hatten mich und meine kränkliche Physiognomie schon
entdeckt und eine Kamera filmte mich mit der Beharrlichkeit dessen, der
ein Protokoll vorbereitet.
Ein junger Schriftsteller verlangte das Wort und beklagte sich
darüber, dass so vielen der Zutritt verwehrt worden sei; danach kam
jemand und erwähnte Schlagworte wie „Feind“, „Gefahr“, „uns verteidigen“.
Als ich endlich aufgerufen wurde, nutzte ich die Gelegenheit, um zu
fragen, welche Beziehung zwischen den Beschränkungen der Bandbreite und
den vielen für die kubanische Öffentlichkeit zensierten Websites bestehe.
Applaus, als ich schloss. Ich schwöre, dass ich mit keinem von ihnen
gemeinsame Sache machte. Danach kam eine Universitätsprofessorin, die
fragte, warum ich den Ortega-y-Gasset-Preis des Journalismus bekommen
hätte. Es ist mir noch nicht gelungen, die Verbindung zwischen meiner
Frage und ihrer Analyse herzustellen, aber die Wege der Diffamierung
sind so gewunden. Zum Schluss kamen mehrere Leute auf mich zu, um mich
zu umarmen, eine Frau beglückwünschte mich mit einem flüchtigen
Händedruck. Die Kühle einer Oktobernacht erwartete mich draußen.
Wenn es alle, die keinen Zutritt hatten, geschafft hätten
teilzunehmen, dann wäre das wirklich eine echte Diskussion über das
Internet gewesen. Das, was dort vor sich ging, kam mir recht traurig und
eingeschränkt vor. Nur einer der Konferenzteilnehmer erwähnte Konzepte
wie das Web 2.0, soziale Netze und Wikipedia. Der Rest war eine
Vorsorgeimpfung gegen das perverse Web und wiederholte Rechtfertigungen,
warum wir Kubaner in der Masse darauf keinen Zugriff haben. Ich nahm
mein Handy zur Hand und twitterte schnell: „Ich glaube, es wäre das
beste, noch eine Diskussion über das Internet zu organisieren, aber ohne
den Ballast von Zensur und Ausschluss. Heute Morgen verteilte ich mit
Ringen unter den Augen, da ich kaum drei Stunden geschlafen hatte,
Handouts mit technischen Hinweisen in der zweiten Seminarsitzung unserer
Bloggerakademie. http://itinerarioblogger.com/
Einige der Bilder dieses Videos haben mir freundliche und
solidarische Leute zukommen lassen, die im Saal waren.